19.12.2016 – Raubzug auf die Esel wird zum globalen Problem

Chinas Hunger nach Eseln weitet sich aus. Nachdem einige Medien bereits über den Boom um «Ejiao», ein Produkt aus Eselhaut, berichtet haben, zeigt sich nun das wahre Ausmass. Erste Recherchen der Fondation Franz Weber lassen auf ein weltweites Problem schliessen. Schon heute importiert China Millionen Esel aus aller Welt. Mit dem Drang nach mehr.

Esel sind treue, unverzichtbare Gehilfen des Menschen in vielen Teilen der Welt. Bei uns gelten sie als christliches Symbol. Und in Afrika sind sie ein absolut unentbehrlicher Gefährte der Familie. «C’est l’âne qui fait la vie.» So drückt es Benoît Doamba, Direktor für Tierwelt und Jagd des Umweltministeriums von Burkina Faso aus. Der Esel ist das halbe Leben. «Er zieht Pflüge, trägt Kinder zur Schule, führt Wasser, Holz, Nahrung und vieles mehr.»

Gleichzeitig kommen in China riesige Eselfarmen und veritable Schlachtfabriken mit der Befriedigung des unstillbaren Hungers nach dem Serum «Ejiao» nicht mehr hinterher. Dieses Gelatine-Produkt wird aus Eselhaut gewonnen. Es soll verjüngend und potenzsteigernd wirken. Obschon medizinisch keinerlei Wirkung nachgewiesen ist, steigt die Nachfrage nach dem vielgepriesenen Serum durch chinesische Werbekampagnen weiter rasant. Deshalb werden Eselhäute nun millionenfach aus aller Welt nach China importiert.

In vielen Ländern Afrikas führt dies zu einem regelrechten Ausverkauf der Grautiere. Für Menschen aus Ländern der Sahelzone wie Burkina Faso, Mali oder Niger, die zu den Ärmsten der Welt gehören, ist die Versuchung, ihre Esel zu verkaufen, besonders gross, wegen des schnellen Geldes. Die Folgen – viele Tiere werden der hohen Preise wegen auch gestohlen – sind verheerend.

«Ohne Esel geht in der Sahelzone gar nichts», unterstreicht Vera Weber, Präsidentin der Fondation Franz Weber (FFW). Trotzdem werden Esel oder deren Häute massenweise ausser Landes geschafft. Beispiel Burkina Faso: Zählte man im ersten Quartal 2015 noch rund 1000 Eselhäute, gingen im vierten Quartal bereits 18'000 über die Grenze. Und im ersten Semester 2016 explodierte die Zahl nochmals, auf 65'000. Mit dem exponentiellen Faktor, unter welchem er geschlachtet wird, könnte der Hausesel in Burkina Faso (Bestand heute 1-1,3 Millionen Tiere) in fünf Jahren ausgerottet sein.

Als Reaktion hat nun ein westafrikanisches Land nach dem anderen einen Exportstopp für Esel nach China verhängt. Dennoch treibt der Handel seltsame Blüten. Gemäss FFW-Mitarbeiter Sourakatou Oura-Bangna in Togo werden immer mehr Lastwagen mit lebendigen Eseln aus Burkina Faso auf dem Weg zur Hafenstadt und Kapitale Lomé gesichtet. «Und neuerdings taucht Eselfleisch auf den Märkten von Sokodé [zweitgrösste Stadt von Togo] und in Lomé auf, wo solches Fleisch zuvor nie angeboten wurde. In Burkina Faso wird das Fleisch meistens verbrannt. In Togo wiederum, damit es überhaupt Abnehmer findet, werden ihm aphrodisierende und andere magische Wirkungen angedichtet, so Ouro-Bangna.

Ähnlich in Teilen Lateinamerikas. Eine Mitarbeiterin der FFW in Kolumbien spricht von legalen und illegalen Märkten für Eselhaut. «In der Gegend der kolumbianischen Küstenstadt Baranquilla werden jeden Tag Hunderte von Eseln geschlachtet.» Zudem würden organisierte Banden in nächtlichen Aktionen Esel rauben und töten, um deren Häute dann nach China zu verkaufen. Mittlerweile schielt das Reich der Mitte auch auf Eselbestände in Osteuropa, Zentralasien und Australien.

Die Fondation Franz Weber trägt zurzeit Informationen und Daten aus verschiedenen Teilen Afrikas und Lateinamerikas zusammen. Lösungsansätze gibt es übrigens durchaus. So ist der hochbedrohte Afrikanische Wildesel (Equus africanus), durch das CITES-Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten unter Anhang I eingestuft und hat damit den höchsten internationalen Schutzstatus. Der Hausesel ist aber davon ausgenommen. «Diese Ausnahme muss gestrichen werden», fordert Vera Weber: «Auch der domestizierte Esel Afrikas benötigt dringend den strengsten Schutz.»

Zurzeit wiederholt sich mit dem Esel, was mit den Schuppentieren geschehen ist. Nachdem diese aufgrund der horrenden Nachfrage für medizinische Produkte und als Status-Mahlzeit in China praktisch ausgerottet waren, bediente sich das Reich der Mitte in Südostasien und Afrika. Mittlerweile sind die Schuppentiere weltweit bedroht und durch CITES seit diesem Herbst unter Anhang I gestellt.

Die Organisation Afrikanischer Staaten (OAU) mit ihren 50 Mitgliedstaaten hat die Macht, die grenzübergreifende Plünderung von Viehbeständen und Wildtieren durch Schmugglerbanden und chinesische Industrielle und damit all ihre katastrophalen ökologischen und sozioökonomischen Folgen zu verhindern. Die Fondation Franz Weber wird sich für dieses Ziel einsetzen. In Kolumbien arbeitet sie bereits auf politischer Ebene für den Erlass von Gesetzen zum Schutz der Esel.

Zu den Bildern:

  • Ejiao – Dieses chinesische Gelatine-Produkt aus Eselhäuten soll verjüngend und potenzsteigernd sein.
  • Kinder in Äthiopien. Hier ist der Esel unverzichtbares Reit- und Transporttier.
  • Dieses erschütternde Dokument von zwei gehäuteten Eseln hat ein Zeuge aus Barranquillas, Kolumbien, der FFW zur Verfügung gestellt.
  • Hausesel in der Schweiz, ein christliches Symboltier. Früher dienten sie auch hierzulande als Last- und teilweise Reittier.