14.06.2017 – Vera Weber bei der Farc-Guerilla in Kolumbien

«Erst noch genoss sie die Idylle in ihrem Hotel Giessbach am Brienzersee BE. Drei Tage später sitzt Vera Weber (42) inmitten von Guerilleros im Hochland von Kolumbien.» Blick-Journalist Matthias Mast hat Vera Weber nach Kolumbien begleitet. Zu einem Einsatz der Fondation Franz Weber (FFW) für eine nachhaltige Zukunft ist die FFW-Präsidentin in das lateinamerikanische Land gereist. Im Rahmen des Friedensprozesses sucht Kolumbien die Umweltberatung der FFW.


Artikel in voller Länge, wie er am 14. Juni im «Blick» erschien.

Schweizer Umwelt-Aktivistin engagiert sich in Kolumbien

Vera Weber bei der Farc-Guerilla

Matthias Mast aus Medellín

Erst noch genoss sie die Idylle in ihrem Hotel Giessbach am Brienzersee BE. Drei Tage später sitzt Vera Weber (42) inmitten von Guerilleros im Hochland von Kolumbien, rund vier Autostunden von der Hauptstadt Bogotá entfernt. BLICK begleitete die Umwelt- und Tierschützerin bei diesem nicht ungefährlichen Ausflug in ein Camp der Farc, der grössten und gefährlichsten Rebellenorganisation Lateinamerikas (siehe Zusatztext).

In fliessendem Spanisch unterhält sich Weber mit den Kämpfern des Lagers Zona Iconzo. 311 Rebellen leben hier, und wie alle anderen rund 7000 Kämpfer der Guerillatruppe müssen sie in den kommenden zehn Tagen ihre Waffen an Uno-Vertreter abgegeben haben, um den Friedensvertrag von Havanna zu erfüllen. Als Gegenleistung werden von der kolumbianischen Regierung 26 Zelt-Camps zu Dörfern mit der entsprechenden Infrastruktur umgebaut. Doch da hapert es. «Die Regierung befindet sich im Rückstand, was die Punkte des Friedensvertrags betrifft, die sie erfüllen muss», übt Vera Weber sanft Kritik. Sie drückt sich stets diplomatisch aus, das unterscheidet sie von ihrem Vater Franz Weber (89), dem legendären Umweltschützer, der gerne harte Worte wählte und die lauten Töne pflegte.

Von ihm hat die Tochter die Leitung der Fondation Franz Weber übernommen. Webers Umweltstiftung wurde nun vom früheren kolumbianischen Präsidenten Ernesto Samper (66) eingeladen, den Friedensprozess beratend und allenfalls mit Projekten zu unterstützen. «Der Regierung geht es darum, dass die Gebiete, die während über 50 Jahren wegen des Bürgerkriegs zum Teil unberührt waren, nicht zugebaut werden», sagt Samper.

Der Ex-Präsident hatte Vera Weber vor dem Ausflug in das Rebellengebiet zu einem historischen Friedensfrühstück in der Stadt Medellin eingeladen. Die Schweizer Umweltschützerin sass zusammen mit dem kolumbianischen Vizepräsidenten Óscar Naranjo (60) und Farc-Kommandant Pastor Alape (57) einträchtig am Tisch. «Alape fordert kein Geld, sondern Möglichkeiten für seine Leute», so Weber, die nun mit kolumbianischen Friedensaktivisten und Umweltschützern konkrete Projekte ausarbeiten will. «Derzeit haben zwar die Betroffenen andere Probleme als Umweltschutz», sagt die Umweltschützerin verständnisvoll. «Doch wir könnten Rebellen zu Lebensraumschützern ausbilden, ähnlich wie die Rangers in den Schutzgebieten Afrikas.»


(Zusatz-Text)

Wie macht man aus Profi-Banditen wieder normale Menschen?

Die Farc, die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, sind die grösste Guerillaorganisation Lateinamerikas und führten von 1964 bis Juni 2016 einen bewaffneten Kampf gegen den kolumbianischen Staat. Grosse Einnahmequelle der sich als marxistisch bezeichnenden Farc sind Entführung, Erpressung, Goldabbau sowie Herstellung und Schmuggel von Drogen. Am 22. Juni 2016 wurde der Abschluss eines endgültigen Waffenstillstands zwischen der Farc und der Regierung bekannt gegeben. Die Guerilla verpflichtete sich, innert von 180 Tagen alle Waffen an Uno-Vertreter abzugeben. Es ist beabsichtigt, die verbliebenen rund 7000 Farc-Aktivisten in die kolumbianische Zivilgesellschaft zu integrieren. Sollte der Waffenstillstand Bestand haben, wäre dies das Ende des 50-jährigen Bürgerkriegs, der 220 000 Tote forderte. Im Referendum lehnte am 2. Oktober eine knappe Mehrheit von 50,22 Prozent der Bevölkerung den Vertrag jedoch ab. (Matthias Mast aus Bogotá)

Artikel im Original-Layout

Zum Bild:
Vera Weber (ganz links) mit Farc-Boss «Pastor Alape» und Regierung am historischen Friedensfrühstück in der kolumbianischen Stadt Medellin.

061417-Blick-Vera-Weber-Kolumbien.pdf