Fast wäre eine der bedeutendsten Platanen mit Schirmkrone in Europa massiv gekappt oder gefällt worden. Dank der Zusammenarbeit mit Spezialisten und der finanziellen Unterstützung der Fondation Franz Weber, der Gemeinde Spiez sowie von Gönnern konnte eine neuartige Kronensicherung konstruiert und der Baum dadurch erhalten werden.
Vor der Schifflände in Einigen am Thunersee steht eine knorrige Platane, die wegen ihrer weitausladenden Schirmkrone ein Rekordbaum darstellt. Kaum eine andere Platane mit Kopfschnitt weist in Europa kräftigere Kranzäste auf, die aus einem immerhin 5,4 Meter umfangstarken Stamm entwachsen. Mit 15 Metern Kronendurchmesser und einem Dutzend Meter Höhe ist dieser geschichtsträchtige Baum breiter als hoch.
Bäume mit Schirmkronen – eine klassische Form der Barockzeit – wurden in der Schweiz vor allem zur Belle Époque (ca. 1870 – 1914) bekannt, als vermehrt Gutbetuchte das ländliche Leben zu entdecken begannen. Besonders Damen adliger Herkunft schätzten die flachgezogenen Baumkronen, da sie dadurch ihren Sonnenschirm dank der Beschattung zusammenklappen konnten. Denn schliesslich musste die weisse Blässe auf ihrer zarten Haut um jeden Preis gewahrt werden, um sich äusserlich klar vom hart arbeitenden Volk abzugrenzen. Heute sind diese Sitten verschwunden und mit ihnen vielerorts auch die Bäume mit Schirmschnitt (Kopfschnitt) – zur Hauptsache Linden, Rosskastanien und Platanen, welche sich gut in diese Form ziehen lassen.
Dabei wären gerade heutzutage, mit zunehmenden Hitzeperioden im Sommer, Bäume mit breiten Kronen umso wichtiger. Die Platane in Einigen, ist als einziger Baum dieses Typs weit und breit ein letzter Zeitzeuge und ein Naturdenkmal mit internationaler Bedeutung. Sie wurde gemäss einer mittlerweile verstorbenen Anwohnerin von ihrem Grossvater 1914 als kleiner Baum gepflanzt. Vermutlich in weiser Voraussicht, damit die Reisenden bei der Eröffnung der Schifflände am 11. Mai 1929 bereits im Schatten auf ihr Schiff warten konnten.
Ein altes Problem mit neuer Lösung
Wie bei allen älteren Kopfbäumen hat sich der Mitteltrieb durch die fortwährende Kappung längst zersetzt und eröffnet von oben einen Blick in den gesunden, hohlen Stamm. Durch den jahrelangen starken Rückschnitt entstanden auf der Oberseite der mächtigen Äste Fäulnis und wannenförmige Aushöhlungen. Um die geschwächten Äste zu stabilisieren, bildete der Baum an deren Unterseite zusätzliches Holz. Nur dadurch konnten die teils tonnenschweren Äste weiterhin getragen werden und brachen nicht aus.
Aus Sicherheitsgründen empfahl eine Baumpflegefirma im Frühling 2025 trotzdem als Variante die Fällung. Dies war jedoch keine wirkliche Option, da die Platane geschützt und prinzipiell sehr gesund ist. Als Alternative wurde deshalb die komplette Entfernung aller Hauptäste, bzw. eine massive Kappung vorgeschlagen, was den Baum aber entstellt und massiv geschädigt hätte.
Für eine Zweitmeinung beauftragte die Fondation Franz Weber schliesslich Fabian Dietrich, Baumpflegespezialist mit eidg. Fachausweis. Er schlug eine stammzentrale Stützkonstruktion vor, weil klassische Baumstützen von vornherein ausgeschlossen wurden, da die Besitzerin und andere Anwohnende den Platz für Autos und Boote nutzen.
Unabhängig davon besuchte der Autor wenig später die alte Platane und erörterte eine unkonventionelle Methode, wie er sie vor vielen Jahren in Deutschland gesehen hatte. Dort wurden bei einer alten Linde, deren aufgespaltene Stammfragmente nicht mit Stützen unterlegt und somit nach oben gedrückt, sondern umgekehrt mit einem Eisenpfahl in der Mitte des Stammes mit Zugseilen befestigt. Da man bei der Platane in Einigen aber nicht einfach einen Pfahl in den Stamm betonieren konnte, brauchte es zusätzliche Überlegungen.
Fabian Dietrich war für eine neuartige Stützkonstruktion sofort Feuer und Flamme, worauf Roman Stucker, ein Mitarbeiter der Baumpflege Dietrich GmbH, alle Winkel der abgehenden Kranzäste vom Stammzentrum aus und die Abstände von der Anbindung des Astes bis zum projektierten Mast ausmass. Der anhand dieser Masse hergestellte Pfeiler wurde von der Firma Seiler AG in Bönigen angefertigt und konnte mithilfe eines Lastwagens mit Kran in der Mitte des Stammes aufgerichtet werden. Das zugespitzte untere Ende wurde rund einen halben Meter in den hohlen Stamm eingelassen. Nach der provisorischen Sicherung mit Spanngurten wurde der Pfahl mithilfe eines Seilzugapparats noch etwas tiefer in die Erde getrieben.
Ein Naturdenkmal wird zum Kunstwerk
Unter der Leitung von Roman Stucker der Baumpflege Dietrich GmbH und eines weiteren Mitarbeiters, wie auch dem Autor selbst, wurden die Arbeiten ab dem 23. Februar 2026 innerhalb von zwei Tagen durchgeführt. Dafür wurde der acht Meter lange Eisenpfahl mit rund 800 kg Gewicht in einem Kranz mit fünf unteren Stahlseilen an den kräftigsten Hauptästen befestigt. Zusätzlich wurde an 13 weiteren Stahlseilen an der Spitze des Pfahls die weitausladenden Enden der verbliebenen Nebenäste gesichert. Da die starren Kronensicherungen kein Spiel haben, ziehen die kräftigen Äste den Pfahl automatisch in den Boden. Umkippen kann der Pfahl nicht, da er rundherum an insgesamt 18 verschiedenen Punkten gesichert ist.
Der Baum selbst ist dank seines breiten Stammes und der sehr geringen Höhe standsicher und die Bruchsicherheit ist dank der einzigartigen Konstruktion, die in der Baumpflege neue Massstäbe setzen könnte, nun gewährleistet.
So wurde dank der guten Zusammenarbeit eine elegante und für alle Beteiligten ideale Lösung gefunden, denn der Freiraum unterhalb der Baumkrone bleibt vollständig erhalten. Somit hat die Platane mit ihrer Schirmkrone nun auch ein passendes «Schirmgestell» bekommen, das mit zunehmendem Triebwachstum im Sommer wohl allmählich im Blätterdach verschwinden wird. Vermutlich gibt es auch kritische Stimmen, warum man für einen Baum so viel Aufwand betreibt. Wie ein geschichtsträchtiges Gebäude ist diese Platane weit mehr als nur ein Baum: Sie ist ein Kulturerbe, das aufgrund des Schirmschnitts von Beginn an vom Menschen geprägt wurde und deshalb im geschichtlichen Kontext mehr Aufmerksamkeit verdient.
Im laublosen Zustand erinnert die Stütze heute jedenfalls an einen Segelmast und passt damit vortrefflich zur Schifflände. Praktisch eine Symbiose von alt und neu.
Eine Anwohnerin meinte gar: «Ich finde die Konstruktion ganz hübsch; sie erinnert mich an einen Maibaum, wie man ihn aus Bayern kennt». Bereits wurden Gedanken laut weitergesponnen, und es gab bei den Zuschauern die Idee, die Konstruktion mit Girlanden zu schmücken und ein Dorffest darunter zu feiern oder diese in den dunklen Winternächten mit einer Weihnachtsbeleuchtung zu schmücken. Auch hier gilt der Leitsatz: Wer Ideen hat, findet Lösungen! Das darf durchaus als Anregung zu verstehen sein für zukünftige Problemfälle rund um alte Baumriesen.
Der FFW-Gastautor Michel Brunner, Grafiker und Fotograf, dokumentiert seit 1997 besonders alte, grosse und ungewöhnliche Bäume. Aus seiner Sammlung von Daten und Bildern von rund 4’000 Bäumen publizierte er Exemplare in Büchern sowie auf Kalendern, Postkarten und Postern. Zudem ist Michel Brunner ein sehr gefragter Referent in Baumangelegenheiten. Er setzt sich für einen fachgerechten Umgang und den Erhalt alter Bäume ein und sieht bei ihrem Schutz in der Schweiz erheblichen Handlungsbedarf.
Nebst vereinzelten Gönnern hat auch die Gemeinde Spiez dankenswerterweise Fr. 4’000.- für die aufwändigen Baumpflegemassnahmen beigesteuert. Um die hohen Kosten zu decken, sind weitere Spenden willkommen.
IBAN: CH31 0900 0000 1800 6117 3 || Konto Postfinance zugunsten von: Fondation Franz Weber, 3000 Bern 13 || Vermerk: «Platane Einigen»