23.09.2026
Leonardo Anselmi

Venezuela und Kolumbien: Die Rote Taube fliegt wieder

Als am 24. Juni 2026 schwere Erdbeben die Küste Venezuelas und im August auch Kolumbien erschütterten, kamen tausende Menschen ums Leben oder verloren von einem Moment auf den anderen ihre Lebensgrundlage. Auch die Tiere waren schwer betroffen: verletzt, verlassen oder eingeschlossen in Trümmern – ohne Wasser, Nahrung und medizinische Versorgung. Dank ihrer langjährigen Präsenz in Lateinamerika konnte die Fondation Franz Weber (FFW) rasch handeln. Unter dem Zeichen der Roten Taube koordiniert die FFW deshalb seit Ende Juni Veterinärteams in Venezuela und Kolumbien, um den tierischen Opfern dieser Katastrophen zu helfen.

Schwere Erdbeben in Venezuela und Kolumbien: Tiere als vergessene Opfer

Am 24. Juni 2026 erschütterten gegen 18 Uhr Ortszeit zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 Venezuela. Noch am Abend der Katastrophe galten mehr als 60’000 Menschen als vermisst. Zahlreiche Gebäude in Caracas sowie in den umliegenden Städten und Dörfern stürzten ein. Weniger als zwei Monate später, am 10. August, traf ein Erdbeben der Stärke 7,4 auch Kolumbien. Hunderte Menschen wurden vermisst, in Cali, Pereira und im Departement Chocó entstanden schwere Schäden. Angesichts des Ausmasses der menschlichen Tragödie gerät oft in Vergessenheit, dass auch Tiere einen hohen Preis zahlen: Sie werden verletzt, getötet oder unter den Trümmern begraben.

Schon bald erreichten uns Hilferufe von allen Seiten. Für die Fondation Franz Weber, die seit vielen Jahren in Lateinamerika tätig ist, war klar: Wir mussten handeln – und wir hatten die Möglichkeit dazu. Doch Medikamente, Futter oder Geld zu schicken, reichte nicht aus. In einem Katastrophengebiet, in dem Strassen unpassierbar, Kommunikationswege unterbrochen und lokale Strukturen geschwächt sind, besteht die Gefahr, dass Hilfe diejenigen nie erreicht, die sie dringend benötigen. Deshalb wollten wir selbst vor Ort sein, den Bedarf ermitteln, Tiere behandeln und sicherstellen, dass die Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort ankommt.

Eine besonders schwierige Hilfsmission

Bereits am 26. Juni nahm unser Team in Südamerika die Arbeit auf. Genehmigungen mussten eingeholt und Veterinärteams zusammengestellt und zunächst nach Venezuela, später nach Kolumbien gebracht werden. Medikamente, Ausrüstung und tonnenweise Futter mussten in die betroffenen Gebiete gelangen, Transporte organisiert sowie Fahrzeuge, Unterkünfte und Treibstoff beschafft werden. Gleichzeitig galt es, die Kommunikation sicherzustellen und die notwendigen finanziellen Mittel vor Ort verfügbar zu machen.

Zu diesen enormen logistischen Herausforderungen kamen die unmittelbaren Folgen der Erdbeben: unterbrochene Strassenverbindungen, abgeschnittene Ortschaften sowie Engpässe bei Trinkwasser, Strom und Treibstoff. Nur 48 Stunden nach Beginn des Einsatzes erkrankte zudem ein Grossteil unseres Teams, sodass wir die gesamte Mission innerhalb kürzester Zeit neu organisieren mussten.

Veterinärmedizinische Nothilfe in Venezuela

Als unser Veterinärteam zwölf Tage nach den Erdbeben in Caraballeda und Playa Grande im Bundesstaat La Guaira eintraf, waren die grossen Rettungsaktionen bereits abgeschlossen. Nun begann eine weniger sichtbare, aber weitaus umfangreichere Aufgabe: die Versorgung von Tieren, die an Unterernährung, Dehydrierung, Krankheiten, Verletzungen oder einem geschwächten Immunsystem litten. Von unserem Stützpunkt in Caraballeda aus zogen die Teams von Haus zu Haus durch die betroffenen Gebiete. In nahezu jedem Haushalt mit Tieren wurde Hilfe benötigt.

Denn ein Tier muss nicht unter Trümmern verschüttet worden sein, um Opfer einer Katastrophe zu werden. Fehlendes Wasser und Futter, Stress und unterbrochene medizinische Versorgung können selbst eine zuvor harmlose Erkrankung schnell lebensbedrohlich werden lassen. Vom 3. Juli bis zum 18. August führten wir fast 5’000 Konsultationen bei mehr als 3’000 Tieren durch und verteilten über 20 Tonnen Futter. Sobald sich ihr Gesundheitszustand ausreichend stabilisiert hatte, konnten zudem fast 400 Tiere kastriert beziehungsweise sterilisiert werden. Die FFW beteiligte sich ausserdem auch am Wiederaufbau des durch die Erdbeben beschädigten Veterinärspitals in Valencia.

Eine Katastrophe nach der anderen

Während der Hilfseinsatz in Venezuela noch in vollem Gange war, ereignete sich bereits die nächste Katastrophe: Am 10. August erschütterte ein schweres Erdbeben Kolumbien. Bereits wenige Stunden danach waren unsere Teams mobilisiert. Innerhalb von 72 Stunden trafen fünf brasilianische Rettungskräfte in Cali ein, während sich fünf Mitglieder der Veterinärorganisation GRAVED Colombia von Bogotá nach Pereira auf den Weg machten. Rettungseinsätze und veterinärmedizinische Versorgung mussten hier gleichzeitig stattfinden. Bis zum Abschluss der städtischen Rettungsarbeiten am 19. und 20. August konnten mindestens zwölf Tiere lebend aus den Trümmern geborgen werden.

In Chocó im Nordwesten Kolumbiens zeigte sich eine andere Realität. Grosse Gebäude sind dort selten, doch das Erdbeben verschärfte eine ohnehin dramatische Notlage für Mensch und Tier in einer der ärmsten Regionen des Landes. Unsere Teams fanden kranke und unterernährte Tiere vor, die unter extrem schwierigen Bedingungen lebten. Deshalb wurde eine mobile Veterinärstation mit sechs Tierärztinnen und Tierärzten eingerichtet, die auch die abgelegensten Gemeinden erreichen kann. Jeweils am Vortag durch Plakate und Mundpropaganda angekündigt, bietet jeder Einsatz den Familien kostenlose Untersuchungen, Behandlungen, Medikamente und Futter für ihre Tiere.

Die Katastrophe ist vorbei – die Hilfe geht weiter

Der Einsatz soll bis Ende September fortgesetzt werden, mit dem Ziel, mehr als 3’000 weitere veterinärmedizinische Behandlungen durchzuführen. Im Oktober soll die Arbeit verlängert werden, um – sofern der Gesundheitszustand der Tiere dies zulässt – mindestens 3’000 Kastrationen und Sterilisationen vorzunehmen.

Die Fondation Franz Weber kann nicht überall und nach jeder Katastrophe helfen. Dieses Mal waren wir dank unserer langjährigen Präsenz vor Ort in der besonderen Lage, rasch handeln und für zahlreiche betroffene Tiere einen entscheidenden Unterschied machen zu können.

Eine Katastrophe endet weder in dem Moment, in dem der letzte Überlebende aus den Trümmern geborgen wird, noch dann, wenn sie aus den Nachrichten verschwindet. Von den geretteten Tieren bis zu den Familien, die vor unserem Veterinärzelt in Chocó warten, zeigt sich immer wieder dieselbe Wahrheit: Wer Tieren hilft, gibt auch schwer getroffenen Familien ein Stück ihres Zuhauses zurück.

Joaquín und Duque: eine Begegnung inmitten der Trümmer

Joaquín hatte selbst fast alles verloren: sein Zuhause, seine Arbeit und Menschen, die ihm nahestanden. Als er dennoch inmitten der Trümmer einen verletzten Hund entdeckte, der seine Hinterbeine hinter sich herzog, nahm er ihn auf den Arm und trug ihn zu unserem Veterinärzelt. «Ich konnte ihn nicht einfach zurücklassen», sagte er uns unter Tränen.

Unser Team versorgte und fütterte den Hund. Nach und nach gewann er seine Beweglichkeit und seine Kräfte zurück. Heute kann Duque, wie der Hund inzwischen heisst, wieder laufen. Und Joaquín hat beschlossen, ihn bei sich aufzunehmen.

Ihre Geschichte sagt mehr als jede Statistik über das aus, was wir in Venezuela erleben: Selbst unter den Menschen, die fast alles verloren haben, gibt es viele, die weiterhin alles daransetzen, Tiere zu retten.

Meli: zum zweiten Mal gerettet

Inmitten der Trümmer eines Gebäudes in Cali, Kolumbien, baten die Rettungskräfte plötzlich um absolute Ruhe. Unter den Massen aus Eisen und Beton hatte ein Geräusch verraten, dass dort noch ein Hund lebte. Elf Stunden lang arbeiteten fünf brasilianische Veterinär-Feuerwehrleute gemeinsam mit den lokalen Einsatzkräften, um Meli zu erreichen. Als ein Retter schliesslich mit ihr auf dem Arm aus den Trümmern hervorkam, war sie verängstigt und geschwächt, hatte aber keine schweren Verletzungen erlitten. Die Bilder ihrer Rettung gingen um die Welt.

Für Meli war es bereits die zweite Rettung ihres Lebens. María Leidy, eine bekannte Tierschützerin aus Cali, hatte sie einst aus einem Stacheldraht befreit, der sich in ihren Hals eingeschnitten hatte. María Leidy und ihr Sohn kamen bei dem Erdbeben ums Leben. Ihr Mann überlebte und versucht nun, gemeinsam mit Meli und drei ebenfalls geretteten Katzen sein Zuhause und sein Leben wieder aufzubauen. Inmitten dieses unermesslichen Leids stehen diese vier Tiere für das, was geblieben ist: Verbundenheit, Zuneigung und eine Familie, die zerbrochen ist und dennoch weiterbesteht.

Die Rote Taube der FFW

1981 hatten Judith und Franz Weber die Vision eines Roten Kreuzes für Tiere. Sie gaben ihm einen Namen: die Rote Taube. Die Idee dahinter war ebenso einfach wie wegweisend: Wenn Tiere infolge einer Naturkatastrophe, eines Unfalls oder eines von Menschen verursachten Ereignisses in Not geraten, sollen ausgebildete Teams vor Ort eilen können, um ihnen zu helfen. Die Rote Taube sollte so «das Leiden der Tiere verhindern und lindern» und ihr Leben und ihre Gesundheit schützen.

45 Jahre später fliegt die Rote Taube wieder – überall dort, wo wir die Möglichkeit haben, konkret und wirksam zu helfen, wie jetzt in Venezuela und Kolumbien.

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