Drei Jahre lang bestand San Acan vor allem aus Studien, Planungen, Gutachten und technischen Konzepten. Hinter all diesen Vorbereitungen stand eine entscheidende Frage: Was geschieht mit einer argentinischen Landschildkröte, nachdem sie aus den Händen von Wildtierhändlern gerettet, nach jahrelanger Haltung als Haustier abgegeben oder verletzt aufgefunden wurde?
Die Antwort lautete bislang oft: lebenslange Gefangenschaft. In der Region fehlte ein spezialisiertes Zentrum, das diese Tiere aufnehmen, ihren Gesundheitszustand beurteilen, ihr Rehabilitationspotenzial einschätzen und sie – wenn möglich – auf eine Rückkehr in die Natur vorbereiten konnte.
Die Fondation Franz Weber entschied deshalb, diese dringend benötigte Lösung auf Equidad zu schaffen. Unser Schutzgebiet, das vor einiger Zeit durch den Erwerb zusätzlicher Landflächen erweitert werden konnte, bietet ausreichend Raum für dieses Projekt – mitten im natürlichen Verbreitungsgebiet der urtümlichen Chaco-Landschildkröte (Chelonoidis chilensis), der südlichsten Landschildkrötenart der Welt.
Von der Bewilligung zur Umsetzung
Ein entscheidender Meilenstein wurde Anfang dieses Jahres erreicht, als die argentinische Regierung der Fondation Franz Weber alle erforderlichen Bewilligungen und Genehmigungen für das Projekt «Rettung und Schutz der Chaco-Landschildkröte» erteilte.
Damit konnten die jahrelangen Vorbereitungen in die Tat umgesetzt werden. Projektleitung, Mitarbeitende, Freiwillige und Anwohner arbeiteten Hand in Hand, um Pläne Wirklichkeit werden zu lassen. Schritt für Schritt entstanden Infrastruktur, Gehege und Schutzhütten mitten im natürlichen Gebiet.
Das erste Etappenziel ist bereits erreicht: Ein rund 300 Quadratmeter grosses Quarantänegehege ist vollständig fertiggestellt und einsatzbereit. Es bietet geretteten Schildkröten einen sicheren Aufnahmebereich. Ein natürlicher Schutzgürtel hält Fressfeinde fern, während verschiedene Bereiche die Tiere je nach Gesundheitszustand und Quarantäneanforderungen voneinander trennen.
Auf dem gesamten Gelände wurden Schutzhütten, Wasserstellen, Kakteen und weitere heimische Pflanzen angelegt, damit die Schildkröten in einer möglichst naturnahen Umgebung leben können.
Obwohl die grossen Rehabilitations- und dauerhaften Schutzbereiche noch im Aufbau sind, konnte die Fondation Franz Weber dank des fertigen Quarantänebereichs bereits erste dringende Rettungseinsätze durchführen.
Rettung allein genügt nicht
Die Chaco-Landschildkröte ist durch die Zerstörung ihres Lebensraums und den jahrzehntelangen illegalen Heimtierhandel bedroht. Jede Schildkröte, die der Natur entnommen wird, bedeutet zugleich den schrittweisen Verlust ihrer ökologischen Rolle.
Auf ihren Wanderungen verbreiten Landschildkröten Samen, lockern den Boden auf und tragen so zur natürlichen Regeneration der Vegetation bei.
Gehen die Bestände weiter zurück, gehen auch diese wichtigen ökologischen Funktionen in Teilen ihres natürlichen Lebensraums verloren. Deshalb müssen die Rettung, Rehabilitation und – wenn möglich – die Auswilderung geeigneter Tiere ein zentraler Bestandteil des Artenschutzes sein.
Nicht jede gerettete Schildkröte kann jedoch wieder ausgewildert werden. Krankheiten, Verletzungen, jahrelange Gefangenschaft oder Verhaltensveränderungen können eine Rückkehr in die Natur unmöglich machen. In San Acan wird deshalb jedes Tier individuell untersucht, um die verantwortungsvollste Lösung zu finden.
Geeignete Schildkröten werden rehabilitiert, ausgewildert und anschliessend überwacht. Tiere, die nicht mehr in die Natur zurückkehren können, erhalten in San Acan ein dauerhaftes Zuhause unter möglichst natürlichen Bedingungen.
Eine neue wissenschaftliche Station
Parallel zum bereits fertiggestellten Quarantänebereich hat die Fondation Franz Weber mit der Sanierung eines Gebäudes auf Equidad begonnen, das künftig als wissenschaftliche Station und Einsatzzentrum dienen wird. Dort werden tierärztliche Untersuchungen, Quarantänemassnahmen, Laboranalysen, Behandlungen und Operationen durchgeführt. Zudem schafft die Station die Voraussetzungen für wissenschaftliche Forschung, die Lagerung von Medikamenten sowie die Untersuchung von Todesursachen. Gleichzeitig dient sie als technische Basis für die Beurteilung künftiger Auswilderungen und die anschliessende Überwachung der Tiere.
Den Weg zurück in die Natur vollenden
San Acan ist das erste Zentrum, das sich innerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets der Chaco-Landschildkröte ausschliesslich ihrer Rettung und Rehabilitation widmet – und die erste spezialisierte Einrichtung dieser Art in der gesamten Region.
Seit Jahrtausenden gelten Schildkröten als Symbol für Schutz, Ausdauer und die Kraft, die Last der Welt zu tragen. Heute sind wir an der Reihe, sie zu schützen. Mit San Acan hat die Fondation Franz Weber diese Aufgabe übernommen, diese uralten Tiere zu bewahren und ihnen den Weg zurück in die Natur zu ermöglichen.