Die Tötung gesunder Tiere wird von Zoos zunehmend als rationale Methode zur Regulierung ihrer Tierbestände dargestellt und sogar damit gerechtfertigt, dass auch in der Natur Tiere sterben. Die jüngsten dramatischen Ereignisse in den Zoos von Basel und Zürich zeigen jedoch eine andere Realität: Wenn Geburten, Gruppenzusammensetzung und Haltungsbedingungen vollständig vom Menschen bestimmt werden, fallen Tiere nicht der Natur zum Opfer, sondern einem System, das versagt hat.
Wenn Tiere plötzlich im Weg stehen
2014 löste die Tötung von Marius im Zoo Kopenhagen europaweit Empörung aus. Das vollkommen gesunde Giraffenjunge war getötet worden, weil es für das europäische Zuchtprogramm als genetisch «überzählig» galt. Zehn Jahre später ist diese Praxis keineswegs verschwunden.
In der Schweiz tötete der Zoo Zürich 2024 drei überzählige Erdmännchen und im März 2026 zehn Dscheladas, um die inzwischen nicht mehr tragbare Grösse der Affengruppe zu reduzieren. Im Tierpark Bern können Tiere getötet werden, wenn sie schwer krank oder aufgrund ihres Alters stark geschwächt sind. Der Direktor des Zoo Basel erklärte 2025, sein Zoo euthanasiere jährlich zwischen fünfzehn und zwanzig Tiere, darunter Ziegen und Schafe, aber auch Zebras und Somali-Wildesel. Letztere sind vom Aussterben bedroht!
Es handelt sich also weder um vereinzelte Fälle noch ausschliesslich um «gewöhnliche» Tierarten.
Euthanasie als «Managementmethode»
Ein 2024 in der Fachzeitschrift PNAS1 veröffentlichter wissenschaftlicher Artikel bezeichnet Euthanasie als «rationale und verantwortungsvolle» Strategie zur Regulierung von Tierbeständen in Gefangenschaft. Die Autoren argumentieren, dass die höhere Lebenserwartung von Zootieren zu einer Überalterung der Bestände führe, vorhandene Plätze langfristig belege und die genetische Vielfalt künftiger Generationen einschränke. Gleichzeitig verweisen sie auf die Nachteile anderer Regulierungsmethoden: Verhütungsmassnahmen können Nebenwirkungen haben, während die Trennung der Geschlechter das Sozialverhalten beeinträchtigen kann.
Dieser Argumentation liegt eine grundlegende Verwechslung zugrunde: Ein Zoo ist kein Ökosystem und lässt sich mit einem solchen auch nicht gleichsetzen. Der Tod durch Fressfeinde oder infolge Umweltbedingungen gehört zu den natürlichen ökologischen Prozessen. Die geplante Tötung eines gesunden Tieres in Gefangenschaft hingegen ist eine menschliche und institutionelle Entscheidung. Sie als «natürliches» Phänomen darzustellen, verschleiert die Verantwortung jener, die die Geburt des Tieres zugelassen, seine Fortpflanzung gesteuert und über seine Lebensbedingungen entschieden haben.
«Überschuss» ist kein biologisches Schicksal
Kein Tier wird «überzählig» geboren. Erst die Ziele und begrenzten Kapazitäten einer Institution machen es dazu.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei männlichen Gorillas.
Männchen und Weibchen werden in ungefähr gleicher Zahl geboren. Die von Zoos zusammengestellten Zuchtgruppen bestehen jedoch in der Regel aus einem einzigen geschlechtsreifen Männchen und mehreren Weibchen. Angesichts der begrenzten Zahl verfügbarer Plätze und der hohen Lebenserwartung von Gorillas schafft dieses Zuchtsystem zwangsläufig ein Problem: Für viele männliche Gorillas ist langfristig kein Platz in einer solchen Gruppe möglich.
Die dann in Betracht gezogenen Lösungen – Kastration, Verhütung, Junggesellengruppen, ständige Transfers, Isolation oder Tötung – dürfen nicht die Antwort auf ein vorhersehbares Problem sein. Sie sind die direkten Folgen eines Zuchtprogramms, das fortgeführt wird, obwohl die Institutionen wissen, dass sie nicht jedem Tier einen geeigneten Platz gewährleisten können.
Zoo Basel: ein tragisches System mit tödlichen Folgen
Der Tod von Mobali im Zoo Basel im Juli 2026 führt diese Logik auf tragische Weise vor Augen. Der elfjährige Gorilla war kastriert worden, damit er auch nach Erreichen der Geschlechtsreife in seiner Geburtsgruppe bleiben konnte. Im Herbst 2025 wurde Yeba als neues dominantes Männchen in die Gruppe aufgenommen. Schon bald kam es zu Auseinandersetzungen und Bissverletzungen. Über mehrere Monate hinweg verschärften sich die Spannungen.
Nachdem Yeba Mobali im Genitalbereich schwer verletzt hatte und dieser nicht mehr normal urinieren konnte, wurde Mobali am 14. Juli 2026 schliesslich euthanasiert. Am selben Tag verletzte Yeba sein eigenes, erst vier Tage altes Jungtier tödlich. Das Weibchen Joas, Mutter von Mobali und des Neugeborenen, verlor damit innerhalb von 24 Stunden zwei ihrer Kinder. Es ist ein echtes Drama, wenn man bedenkt, dass diese hochintelligente und soziale Tierart psychisches Leid und Trauer in einer Weise empfindet, die mit jener des Menschen vergleichbar ist.
Die Natur darf nicht als Alibi dienen
Die entscheidende Frage lautet, weshalb die Situation überhaupt derart eskalieren konnte. Mobalis Geburt, seine Kastration, die Einführung von Yeba, die Zusammenstellung der Gruppe sowie das Belassen beider Männchen in derselben Gruppe trotz wiederholter Konflikte waren allesamt menschliche Entscheidungen.
In der Natur kann ein Gorilla seine Gruppe verlassen oder einem aggressiven Artgenossen ausweichen. In der vollständig vom Menschen kontrollierten Umgebung eines Zoos bestehen diese Ausweichmöglichkeiten nicht. In Gefangenschaft können soziale Spannungen so zu ausweglosen Situationen eskalieren. Auch Infantizid kommt in der Natur vor, allerdings nur unter ganz bestimmten Bedingungen: wenn ein neues dominantes Männchen eine Gruppe übernimmt und die Jungtiere seines Vorgängers tötet. Aus freier Wildbahn ist hingegen kein Fall dokumentiert, in dem ein Gorillamännchen sein eigenes Jungtier jemals getötet hätte.
Der Tod eines Strausses im Zoo Basel wenige Wochen zuvor offenbart dasselbe Problem. Am 26. Juni war das Tier, offenbar von einem Zebra verfolgt, in das Flusspferdbecken gestürzt und dort von den Flusspferden getötet worden. Bereits 2004 war in derselben Anlage ein Zebra auf die gleiche Weise ums Leben gekommen. Dennoch verwies der Zoo darauf, dass ein «Nullrisiko» nicht möglich sei und kündigte keine besonderen Massnahmen an.
Wenn Tiere jedoch weder ihre Artgenossen noch den Raum wählen können, in dem sie gehalten werden, muss die Institution, die ihr Zusammenleben organisiert, vorhersehbaren Gefahren vorbeugen. Solche Todesfälle können nicht einfach als «Unfälle» bezeichnet oder mit den Unwägbarkeiten des Lebens in freier Wildbahn gleichgesetzt werden.
Zucht im Namen des Artenschutzes?
Zoos rechtfertigen ihre Zuchtprogramme häufig mit dem Artenschutz. Doch Geburten in Gefangenschaft tragen nicht zur Erhaltung wildlebender Populationen bei. Nur sehr wenige der in Zoos gehaltenen Arten – und noch weniger einzelne Tiere – können wieder ausgewildert werden.
Der Westliche Flachlandgorilla etwa ist vom Aussterben bedroht. Die grössten Gefahren für ihn sind Wilderei, Krankheiten und die Zerstörung seines Lebensraums. Die von der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) empfohlenen Schutzmassnahmen konzentrieren sich daher auf den Schutz der wildlebenden Populationen und ihrer Lebensräume und nicht auf ihre Vermehrung in Zoos.
Die betroffenen Tiere gehören zudem keineswegs immer bedrohten Arten an: Weder der Dschelada noch der Afrikanische Strauss oder das Grant-Zebra gelten weltweit als bedroht. Welches Ziel des Artenschutzes rechtfertigt es also, diese Tiere in Gefangenschaft zur Welt kommen zu lassen und dort zu halten, um sie anschliessend zu töten, wenn sie zu zahlreich werden oder ihre Haltung Schwierigkeiten bereitet?
Verantwortung für jedes Leben – von der Geburt bis zum Tod
Eine Institution, die entscheidet, ein Tier zur Welt kommen zu lassen, muss auch in der Lage sein, die Verantwortung für dieses Tier bis zu seinem natürlichen Tod zu übernehmen. Das bedeutet, Geburten strikt auf die tatsächlich verfügbaren Plätze zu beschränken, Gruppen und Anlagen entsprechend anzupassen, langfristig die Zucht ganz einzustellen sowie Auffangmöglichkeiten in Schutzstationen zu schaffen. Trotz ihrer Grenzen ist Verhütung ethisch der Tötung eines gesunden Tieres vorzuziehen. Zudem muss klar unterschieden werden zwischen einer Euthanasie, die einem schwer kranken oder verletzten Tier unheilbares Leiden erspart, und der Tötung eines Tieres, weil für dieses innerhalb eines Zuchtprogramms kein Platz mehr vorhanden ist.
Für die Fondation Franz Weber verläuft hier klar die rote Linie. Tiere sind keine austauschbaren Gegenstände im Dienste einer Sammlung oder eines genetischen Programms. Wenn ihre Kastration, ihre Verlegung in andere Einrichtungen, ihre Isolation oder ihre Tötung notwendig werden, um das System aufrechtzuerhalten, dient dieses System nicht mehr den Tieren, sondern die Tiere dienen dem System.
Es ist an der Zeit, Zuchtprogramme zu beenden, die nicht zur Erhaltung bedrohter Arten beitragen, und die verfügbaren Mittel dort einzusetzen, wo sie dem Naturschutz tatsächlich dienen: für den Schutz wildlebender Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume.
¹ Clauss, M. et al. (2024). Zoos must embrace animal death for education and conservation. PNAS, 121(52). https://doi.org/10.1073/pnas.2414565121
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Barcelona beendet die Elefantenhaltung: ein Erfolg nach zwölf Jahren Kampf der FFW
Vor zwölf Jahren begann die Fondation Franz Weber (FFW) ihren Kampf für ein Ende der Elefantenhaltung im Zoo von Barcelona. Damals gab es in Europa noch kein Schutzgebiet, das die Tiere hätte aufnehmen können. Unser Ziel war deshalb klar: keine weitere Zucht und keine neuen Elefanten.
Die FFW trug diesen Kampf bis an die Urne. Eine Volksinitiative in Barcelona erreichte die nötige Zahl an Unterschriften und wurde angenommen. Als die Stadt sich weigerte, den Entscheid umzusetzen, zogen wir vor Gericht. In der Zwischenzeit starben zwei Elefantenkühe: zuerst Yoyo, dann Susi.
Seit Januar 2026 ist die 41-jährige Bully die letzte Elefantin im Zoo von Barcelona. Nun hat der Zoo angekündigt: Bully wird auch die letzte bleiben. Das ist ein riesiger Erfolg! Und ein Beispiel für alle Zoos – auch in der Schweiz. Kein Zoo kann diesen hochsozialen und intelligenten Tieren geben, was sie grundlegend brauchen: die Freiheit, selbst zu entscheiden und sich frei zu bewegen.
Die FFW wird alles daransetzen, dass Bully so bald wie möglich in ein Schutzgebiet wie das Pangea Elephant Sanctuary in Portugal transferiert wird und dort endlich artgerecht leben kann.