20.10.2026
FONDATION FRANZ WEBER

Tierwohl bei Naturkatastrophen

Tierwohl bei Naturkatastrophen: das Notfallprotokoll, das niemand anwendet
Wenn eine Katastrophe eintritt, werden die Notfallsysteme mit einem klaren Ziel aktiviert: Menschenleben schützen, kritische Infrastruktur sichern und so schnell wie möglich die Ordnung wiederherstellen. Das ist eine nachvollziebare Priorität. Doch in diesem Protokoll existieren Tiere schlicht nicht.

Sie stehen nicht in den Evakuierungsplänen. Sie stehen nicht bei den Notfallressourcen. Sie stehen nicht im Budget. Und dieses Fehlen hat verheerende Folgen, die sich bei jeder Katastrophe und in jedem Land wiederholen – und kaum jemand stellt das infrage.

Das Tierwohl in Katastrophensituationen ist eine Schuld, die unsere Gesellschaften noch nicht beglichen haben. Und es gibt Organisationen, die sich seit Jahren dafür einsetzen, sie abzutragen.

Warum fehlen Tiere in den Notfallplänen?

Die Gründe sind vielfältig und verstärken sich gegenseitig:

  • Der erste ist kultureller Natur: In der Rangordnung der Prioritäten im Notfall stehen Tiere an letzter Stelle – wenn überhaupt.
  • Der zweite ist logistischer Natur: Die Einbeziehung von Tieren in Evakuierungsprotokolle erfordert spezifische Mittel – geeignete Fahrzeuge, Unterbringungsplätze, geschultes Personal –, die den meisten Behörden fehlen und die sie auch nicht einplanen.
  • Der dritte Grund ist rechtlicher Natur: In vielen Ländern gelten Tiere rechtlich noch immer als bewegliche Sachen und nicht als fühlende Wesen mit eigenen Bedürfnissen. Selbst dort, wo sich das Recht weiterentwickelt hat – in der Schweiz gilt seit 2003 «Tiere sind keine Sachen», in Frankreich und Spanien sind sie als empfindungsfähige Lebewesen anerkannt –, ist ihr Schutz im Notfall nur selten ausdrücklich vorgeschrieben und hängt meist von freiwilliger guter Praxis ab.
  • Der vierte Grund ist wirtschaftlicher Natur: Insbesondere Nutztiere stellen für ihre Halterinnen und Halter einen wirtschaftlichen Wert dar, doch ihre Rettung im Katastrophenfall ist weder durch Versicherungen noch durch staatliche Entschädigungsregelungen gedeckt.

Der wahre Preis, wenn Tiere in der Krise vergessen werden

Die Folgen dieses Versäumnisses gehen weit über das unmittelbare Leid der Tiere hinaus:

  • Werden Haustiere bei einer Evakuierung zurückgelassen, kehren ihre Halterinnen und Halter häufig zurück, um sie zu holen – und bringen damit ihr eigenes Leben in Gefahr und erschweren die Rettungseinsätze.
  • Das Massensterben von Nutztieren verursacht gravierende gesundheitliche Probleme: Nicht entsorgte Kadaver verunreinigen Grundwasser und Böden und begünstigen Folgekrankheiten, die noch lange nach der eigentlichen Katastrophe anhalten.
  • Der Verlust von Wildtieren und die Zerstörung ihrer Lebensräume haben langfristige Folgen für die Ökosysteme: gestörte Nahrungsketten und ein unwiederbringlicher Verlust an Biodiversität. Schäden, die sich – anders als ein Gebäude – nicht in Jahren, sondern erst in Jahrzehnten beheben lassen, wenn überhaupt.

Projekte der Fondation Franz Weber, die etwas bewirken

Die Fondation Franz Weber setzt sich aktiv dafür ein, dass sich diese Realität ändert. Mit ihrem Tierschutzprogramm engagiert sich die Fondation sowohl in der Prävention als auch in der Nothilfe.

Der Gnadenhof Equidad in Argentinien ist ein konkretes Beispiel: Als ein mutmasslich absichtlich gelegter Brand die Anlagen und Tiere des Gnadenhofs bedrohte, koordinierte die Fondation den Noteinsatz und aktivierte einen Notfallplan mit strengen veterinärmedizinischen Massnahmen.

Die Rote Taube: Hilfe für Tiere in Katastrophengebieten. Im Jahr 2026 erschütterten schwere Erdbeben zunächst Venezuela, dann Kolumbien. Tiere lagen verschüttet unter Trümmern, waren verletzt, irrten umher oder blieben ohne Futter und Pflege. Die Hilferufe häuften sich. Familien, die alles verloren hatten, baten uns dennoch: «Helfen Sie auch unseren Tieren.»

Da die FFW seit vielen Jahren in Lateinamerika präsent ist, verfügte sie über die nötigen Mittel, um zu handeln. Wir sprechen die Sprache, kennen die Gegebenheiten vor Ort und können auf Teams und Menschen unseres Vertrauens zählen. So mobilisierten wir Rettungskräfte sowie Tierärztinnen und Tierärzte, transportierten Medikamente, Material und Futter und organisierten die Versorgung bis in die abgelegensten Gemeinden.

Ein Protokoll, das existiert … aber nicht angewendet wird

Das Paradoxe ist: Das Wissen und die Instrumente, um Tiere in Notsituationen zu schützen, sind vorhanden. Es gibt Protokolle internationaler Organisationen. Es gibt Beispiele guter Praxis in verschiedenen Ländern. Und viele Gemeinden und Regionen haben den Willen, es besser zu machen.

Was fehlt, ist, dass aus diesem Willen eine Verpflichtung wird. Dass Notfallpläne Tiere systematisch berücksichtigen – nicht als freiwillige Ergänzung. Dass die Mittel bereitstehen, bevor die Katastrophe eintritt, statt im Chaos des Augenblicks improvisiert zu werden.

Wie Sie dieses Anliegen unterstützen können

Um Notfallprotokolle zu verändern, braucht es Druck aus der Bevölkerung, politische Arbeit und finanzielle Mittel. Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, wie die Fondation Franz Weber, sind auf die Unterstützung von Menschen angewiesen, die überzeugt sind, dass Tiere Besseres verdienen als das Vergessen.

Share this