Mitten im Karibischen Meer liegen die kolumbianischen Inseln San Andrés, Providencia und Santa Catalina in einer Meereswelt von aussergewöhnlichem Reichtum: dem Biosphärenreservat Seaflower, einem der grössten von der UNESCO anerkannten Meeresgebiete. Doch dieses von sechs Ländern geteilte Naturerbe ist heute durch Massentourismus, Umweltverschmutzung, Überfischung, Klimawandel und territoriale Konflikte bedroht. Mit ihrer Kampagne Saltwatta Roots zeigt die Fondation Franz Weber einen anderen Weg auf.
Im Herzen der Karibik: das Biosphärenreservat Seaflower
Mitten im Karibischen Meer liegt der Archipel von San Andrés, Providencia und Santa Catalina mit dem seit 2000 von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservat Seaflower. Auf einer Fläche von fast 180’000 km² bilden Mangroven, Seegraswiesen und Korallenriffe eines der grössten und wertvollsten Meeresschutzgebiete der nördlichen Hemisphäre – ein Lebensraum für mehr als 2’500 Arten.
Doch dieses Meer gehört nicht nur einem Staat: Kolumbien, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Honduras und Jamaika teilen sich diesen einzigartigen Meeresraum, in dem sich Fischereirechte, Seegebiete und staatliche Zuständigkeiten überschneiden. Der Archipel steht vor enormen Herausforderungen: Massentourismus und Überbevölkerung, Überfischung, weitreichende Verschmutzung, Klimawandel, invasive Arten und Korallenkrankheiten. Bedrohungen, die eine gemeinsame regionale Verwaltung dieses «Maritoriums» – dieses Meeresraums – dringend notwendig machen. Denn Staatsgrenzen durchschneiden bis heute einen Naturraum, der eigentlich eine Einheit bildet.
Ein Inselgleichgewicht gerät aus den Fugen
Lange bevor San Andrés zum Touristenziel wurde, bestimmte das Meer den Rhythmus des Lebens. Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts erleichterte ein Freihafensystem den Handel mit den benachbarten Gebieten der Karibik. Handwerkliche Fischerei, Kokosanbau und Familienländereien bildeten damals die Grundlage einer Inselwirtschaft, die von den Raizal, der angestammten afrokaribischen Bevölkerung des Archipels, getragen wurde.
Der Schutz der Meeresumwelt war damals noch kein politisches Ziel. Er war tief im Wissen, in den Traditionen und in der Lebensweise der Bevölkerung verankert.
Nach 1945 geriet dieses Gleichgewicht zunehmend aus den Fugen. Die Besteuerung von Kokosexporten und später die offizielle Einführung des Freihafens im Jahr 1953 verlagerten den Schwerpunkt der Wirtschaft auf Tourismus und den Handel mit Importwaren. Traditionelle Tätigkeiten verloren an Bedeutung, während immer mehr Besucher und neue Einwohner auf die Inseln kamen.
Kent Francis, eine bedeutende Persönlichkeit des raizalischen Volkes und erster Gouverneur des Archipels, fasst diesen Wandel eindrücklich zusammen: Innerhalb weniger Jahrzehnte erlebte er nicht nur, wie sich der Zustand der Ökosysteme verschlechterte, sondern auch, wie die enge Verbindung der Bevölkerung zu ihrer Umwelt zunehmend verloren ging. Überbevölkerung und ein auf Konsum ausgerichtetes Wirtschaftsmodell schwächten damit zugleich die Natur, die Selbstbestimmung der Gemeinschaften und ihre maritime Kultur.
Ein einzigartiges, lebendiges Meer – durch Grenzen zerschnitten
Obwohl die Natur keine Grenzen kennt, ist das Biosphärenreservat Sea-flower heute auf mehrere Länder verteilt, die unterschiedliche Schutzbestimmungen anwenden.
Eine zusätzliche Herausforderung entstand 2012, als der Internationale Gerichtshof (IGH) die Seegrenze zwischen Kolumbien und Nicaragua neu festlegte. Kolumbien verlor dadurch die Kontrolle über rund 80’000 km² Meeresgebiet. Seither kann CORALINA, die für das Reservat zuständige kolumbianische Umweltbehörde, in einem grossen Teil des Ökosystems, für dessen Schutz sie zuvor verantwortlich war, nicht mehr tätig werden. Grenzen sind zu «Mauern» geworden – dabei sollte das Meer ein Raum der Zusammenarbeit sein.
Die Folgen dieser Teilung sind konkret. Für die handwerklichen Fischer ist es schwieriger geworden, ihre traditionellen Fanggebiete zu erreichen, während illegale Aktivitäten nur schwer überwacht werden können. Vor allem aber unterscheiden sich die Vorschriften von Land zu Land erheblich: Bestimmte zerstörerische Fangmethoden, die in Kolumbien verboten sind, bleiben andernorts erlaubt. Doch Fische, Meeresströmungen und Korallenökosysteme kennen keine Landesgrenzen. Schäden in den Gewässern eines Staates können deshalb die Schutzbemühungen einer ganzen Region zunichtemachen.
Seaflower wirksam zu schützen bedeutet daher, politische Konflikte zu überwinden und gemeinsame Regeln zu schaffen. Genau hier setzt die Kampagne der Fondation Franz Weber, Saltwatta Roots, vor Ort an: Sie ermöglicht den Gemeinschaften, die von und mit diesem Meer leben, ihr gemeinsames Naturerbe gemeinsam zu verteidigen.
Saltwatta Roots: das Meer gemeinsam mit seinen Völkern schützen
Saltwatta Roots entstand 2019 auf Initiative des raizalischen Volkes in Zusammenarbeit mit der Fondation Franz Weber. Dahinter steht eine einfache Überzeugung: Über die Zukunft des Meeres muss gemeinsam mit den Menschen entschieden werden, die seit Generationen von ihm leben und es schützen.
Die Initiative bringt afrokaribische Gemeinschaften und Küstengemeinschaften aus Kolumbien, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Jamaika und Honduras zusammen und schlägt Brücken zu Wissenschaft, lokalen Organisationen und politischen Entscheidungsträgern. Langfristiges Ziel ist die Anerkennung eines grenzüberschreitenden Biosphärenreservats, das der ökologischen, kulturellen und historischen Einheit der Region gerecht wird.
Innerhalb von sieben Jahren hat sich aus dieser Vision ein regionales Netzwerk entwickelt. Bei den kreolischen Treffen 2021 in San Andrés und 2022 in Cahuita in Costa Rica konnten die Gemeinschaften Erfahrungen austauschen und gemeinsame Prioritäten festlegen. Aus diesem Austausch entstand 2022 das Afrokaribische Manifest, das von sechs Völkern der Region unterzeichnet wurde. Seine zentrale Botschaft: Das Meer zu schützen bedeutet auch, die Kulturen, das Wissen und die Lebensgrundlagen seiner Hüter zu bewahren.
Saltwatta Roots begleitete zudem das Projekt zur Selbstverwaltung des raizalischen Volkes, das den Begriff des Maritoriums offiziell anerkennt und trug zur Gründung der Konföderation der Völker der südwestlichen Karibik bei.
Ein grosser Teil dieser Arbeit bleibt nach aussen unsichtbar: zuhören, Menschen zusammenbringen, Begegnungen ermöglichen und über Grenzen hinweg Vertrauen schaffen. Für Mateo Córdoba, Koordinator von Saltwatta Roots und Vertreter der FFW in Kolumbien, liegt genau darin die Stärke der Kampagne. Saltwatta Roots will nicht für die Gemeinschaften sprechen, sondern ihnen eine lebendige Plattform bieten, auf der sie zusammenkommen, sich organisieren und ihrer gemeinsamen Stimme Gehör verschaffen können.
Veränderung vor Ort schaffen
Der nächste Schritt beginnt im Meer und an seinen Küsten. Saltwatta Roots will geschädigte Korallenriffe wiederherstellen, Fischer im Umgang mit dem invasiven Rotfeuerfisch schulen – einer Art, die die Fischbestände der Riffe stark dezimiert – und einen Ort schaffen, an dem Fischer zusammenkommen, ihr Wissen weitergeben und gemeinsam Lösungen entwickeln können.
Diese ersten gemeinschaftlichen Projekte sollen die regionale Zusammenarbeit unmittelbar erlebbar machen: Korallenriffe, die sich erholen, heimische Arten, die besser geschützt werden, und Gemeinschaften, die die Zukunft ihres Meeres wieder selbst mitgestalten.
Gleichzeitig wird Saltwatta Roots, die durch die Grenze zwischen Kolumbien und Nicaragua getrennten Gemeinschaften weiter zusammenbringen. Während die beiden Staaten noch immer verhandeln, müssen Fischer, Wissenschaftler und lokale Vertreter miteinander sprechen, ihre Erfahrungen und Praktiken vergleichen und gemeinsam für die Ressourcen handeln können, die sie miteinander teilen. Denn es reicht nicht, ein Korallenriff auf der einen Seite der Grenze zu schützen, wenn Überfischung oder Verschmutzung auf der anderen Seite weitergehen.
Gemeinsam mit der Fondation Franz Weber kann diese Vision nun weiterwachsen. Das Netzwerk steht, die Gemeinschaften sind mobilisiert und die Projekte bereit für die Umsetzung. Jedes wiederhergestellte Riff, jeder geschulte Fischer und jede neue Begegnung bringt Saltwatta Roots seinem Ziel näher: ein Meer – eine gemeinsame Zukunft.
Dieses Projekt folgt einem Grundsatz, der die Arbeit der FFW seit Langem prägt: die Meere dort zu schützen, wo sie sind, und Meerestiere dort zu schützen, wo sie leben. Seit mehr als sieben Jahren setzt sich die FFW in dieser Region für den Erhalt der Korallenriffe, der Meeresökosysteme und der von ihnen abhängigen Arten ein. Dieser Ansatz steht im klaren Gegensatz zu Aquarien: Statt Tiere ihrem natürlichen Lebensraum zu entreissen, um sie auszustellen, setzt sich die FFW dafür ein, sie dort zu schützen, wo sie hingehören – im Meer, in ihrem natürlichen Lebensraum.