Jährlich werden in Europa mehrere Millionen lebende Tiere und Pflanzen im Wert von 100 Milliarden Euro völlig legal importiert. Für einen Grossteil dieser Importe sind die Angaben über die Art allerdings zu vage oder fehlen ganz. Wie soll man die Nachhaltigkeit eines Handels mit unbekanntem Inhalt sicherstellen, der sich nicht nachvollziehen lässt? Zu diesem Problem wurden Ende 2025 auf dem Weltgipfel über den Handel mit gefährdeten Arten – der CoP20 der CITES in Samarkand (Usbekistan) – bedeutende Fortschritte erzielt. Ein konkreter Schritt für den Naturschutz und den globalen nachhaltigen Handel mit Tier- und Pflanzenarten auf der ganzen Welt.
Eine bittere Erkenntnis aus den Korallenriffen
Ob Clownfische, Doktorfische, Riffbarsche, Kardinalfische oder Grundeln – bei Meereszierfischen handelt es sich um tropische Arten mit leuchtenden Farben, die weltweit in den Aquarien zu finden sind. Sie stammen überwiegend aus Korallenriffen in Südostasien und dem Pazifik, wo sie von einheimischen Fischern gefangen und dann nach Europa und in die USA und alle Welt exportiert werden. Ein Handel von beträchtlichem Umfang, dessen Existenz der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist.Â
Dr. Monica V. Biondo, Leiterin Forschung und Naturschutz der Fondation Franz Weber (FFW), befasst sich im Rahmen ihrer Arbeit bei der FFW seit vielen Jahren federführend mit dieser Problematik. Dank des kontinuierlichen Engagements der Fondation Franz Weber – getragen und massgeblich geprägt durch die fachliche Expertise und Beharrlichkeit von Dr. Biondo – stellten die EU, die USA und die Schweiz 2019 einen Antrag, den weltweiten Handel mit marinen Zierfischen eingehend zu untersuchen. Die Vertragsstaaten des CITES-Artenschutzübereinkommens nahmen diesen Antrag an.
Denn die Folgen sind erheblich: Ohne Kenntnis von Art und Herkunft lassen sich die tatsächlichen Auswirkungen dieses Handels auf Wildpopulationen und Korallenökosysteme nicht bewerten – insbesondere, da diese durch zahlreiche menschengemachte Stressfaktoren bereits stark geschwächt sind. Â
Gestützt auf diese Erkenntnisse nahm die FFW an der zwanzigsten Vertragsstaatenkonferenz (CoP20) des Übereinkommens über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES) teil, die Ende 2025 in Usbekistan stattfand. Dabei verfolgte sie zwei Ziele: konkrete Fortschritte beim Handel mit Meereszierfischen zu erzielen und die Debatte auf den Handel mit freilebenden Arten insgesamt auszuweiten.
Die CoP20 der CITES: ein erster Schritt für die Meereszierfische
Nach jahrelangem Engagement wurde ein Durchbruch erzielt: Die Vertragsstaaten werden eingeladen, die Erfassung von Daten über den internationalen Handel mit marinen Zierfischen auf Artenebene und die Nutzung bestehender Datenbanken zu fördern sowie das Verzeichnis der im Handel befindlichen Arten zu prüfen. Ein wichtiger erster Schritt hin zu einer besseren Nachverfolgbarkeit. Allerdings sind diese Massnahmen weiterhin freiwillig: Die Vertragsstaaten werden «aufgefordert», sie umzusetzen, sind jedoch nicht dazu verpflichtet. Damit bleibt der Handel mit Meereszierfischen im Rahmen der CITES weitgehend unreguliert.Â
Transparente Handelsdaten als Voraussetzung für wirksamen Artenschutz
Das Problem betrifft jedoch nicht nur Meereszierfische. Für andere Tier- und Pflanzenarten werden Importe in TRACES* nur unter weit gefassten Kategorien wie «Reptilien» oder «andere lebende Tiere» verzeichnet, was eine Identifizierung und Bestandsaufnahme der tatsächlich in Europa importierten Arten unmöglich macht.Â
Die FFW nahm diesen Befund zum Anlass, auf der CoP20 gemeinsam mit anderen NGOs eine Veranstaltung mit dem Titel «Rethinking Trade Data Gaps» (Lücken der Handelsdaten überdenken) zu organisieren. In einer vielbeachteten Stellungnahme bekräftigte die EU-Kommissarin Cristina de Avila auf dieser Veranstaltung: «Robuste, transparente und artspezifische Daten bilden die Grundlage jeder effizienten politischen Massnahme». Sie verwies auf die stattliche Anzahl gehandelter Arten, die in keiner CITES-Liste aufgeführt sind und über die keinerlei Angaben vorliegen. Vor diesem Hintergrund bezeichnete sie TRACES als ein Instrument mit ungenutztem Potential, mit dem sich diese Lücken in Europa schliessen liessen. Der Verband für Zoos und Aquarien (AZA) schloss sich dieser Einschätzung an: Ohne exakte Bestimmung der Arten lassen sich Aussagen über Nachhaltigkeit nicht überprüfen. Â
Dr. Monica V. Biondo erläuterte die Funktionsweise von TRACES als Datenerhebungsinstrument. Am Beispiel des Handels mit marinen Zierfischen, zu dem sie seit fast 15 Jahren forscht, zeigte sie auf, wie einfach dieses Instrument anzupassen wäre: Das System verfügt bereits über die erforderlichen Voraussetzungen, so dass die obligatorische Erfassung von drei Informationen genügte – immer die konkrete Art, die Herkunft des Exemplars (Wildfang oder Zucht) und der exakte Ort des Fangs oder der Aufzucht. Diese drei Anpassungen sind speziell für den Zierfischhandel relevant, doch das Prinzip liesse sich problemlos auf andere Tiere und Pflanzen übertragen. – Diese Angaben könnten die Überwachung des Handels revolutionieren und eine solide wissenschaftliche Grundlage für Beschlüsse schaffen.Â
Die Weichen sind gestellt
Die Ergebnisse der CoP20 sind ermutigend, auch wenn die Massnahmen weiterhin freiwillig sind. Immerhin wurde auf der Konferenz eine Verständigung darüber erzielt, dass man nicht schützen kann, was man nicht kennt. Mit tatkräftiger politischer Unterstützung und einem bereits vorhandenen konkreten Instrument (TRACES) wären für Europa die Weichen gestellt. Nun ist es Aufgabe der EU, eine transparente Erfassung der Arten durchzusetzen, damit aus legalem Handel ein wirklich nachhaltiger Handel wird, und so einen konkreten Beitrag zum Erhalt gefährdeter Arten und ihrer Lebensräume zu leisten.
* Das Trade Control and Expert System (TRACES) ist das Online-Zertifizierungs- und Registrierungssystem der EU für die Einfuhr von lebenden Tieren, Pflanzen und deren Erzeugnissen aus Drittstaaten, das die Gesundheitssicherheit und die Einhaltung der Bestimmungen gewährleisten soll. Es wurde 2004 eingeführt, wird heute von mehr als 115000 Nutzerinnen und Nutzern in über 90 Ländern verwendet und ist in 39 Sprachen verfügbar.
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