11.03.2026
Fondation Franz Weber

Die Tötung «überschüssiger» Tiere ist kein Naturschutz

Der Zoo Zürich hat kürzlich bekannt gegeben, dass am 3. und 4. März 2026 zehn Gelada-Paviane (Theropithecus gelada) euthanasiert wurden. Laut Zoo wurden die Tiere aus der Gruppe im Gehege «Simien Mountains» entfernt, weil es innerhalb der Gruppe zu Spannungen gekommen sei. Für die Fondation Franz Weber (FFW) zeigt dieser Fall einmal mehr grundsätzliche strukturelle Probleme im Management von Tierpopulationen in europäischen Zoos auf.

Zoos können natürliche Sozialstrukturen nicht nachbilden

Geladas sind hochsoziale Primaten, die in den äthiopischen Hochländern gewöhnlich in komplexen, mehrstufigen Gesellschaften leben, in denen kleine Fortpflanzungseinheiten grössere Verbände bilden können, die aus Dutzenden oder sogar Hunderten von Individuen bestehen. Die künstlichen Bedingungen der Gefangenschaft machen es unmöglich, diese natürlichen Sozialstrukturen nachzubilden, und Spannungen innerhalb von Gruppen in Gefangenschaft werden von Zoos häufig als Begründung für Eingriffe angeführt.

Ein strukturelles Problem in den Zuchtprogrammen der Zoos

Die jüngsten Tötungen waren jedoch nicht das Ergebnis einer plötzlichen Notsituation, sondern einer geplanten populationsbezogenen Managemententscheidung. Solche Praktiken hängen mit der Funktionsweise koordinierter Zuchtprogramme in vielen Zoos zusammen. Tiere werden zur Fortpflanzung gebracht, obwohl ihr langfristiger Lebensraum begrenzt ist, was zwangsläufig dazu führt, dass bestimmte Individuen als «überschüssig» eingestuft werden.

Die Leitung des Zoos Zürich betont, dass Tiere sich fortpflanzen müssten, um ihr Wohlbefinden zu verbessern; wissenschaftliche Belege für diese Behauptung gibt es jedoch nicht. Die Wissenschaft zum Tierwohl konzentriert sich in erster Linie auf den körperlichen und mentalen Zustand: allgemeine Gesundheit, Stressniveau, Komfort sowie die Möglichkeit, artspezifische grundlegende Verhaltensweisen auszuleben. Die Verhinderung der Fortpflanzung beeinträchtigt das Wohlbefinden an sich nicht, und Instrumente des Populationsmanagements wie Verhütung oder kontrollierte Zucht werden sowohl im Wildtiermanagement als auch in zoologischen Einrichtungen breit angewendet.

Im vorliegenden Fall waren die meisten der getöteten Tiere sehr junge Individuen. Die Euthanasie gesunder Tiere – einschliesslich juveniler Tiere – verursacht zweifellos emotionalen Stress bei den überlebenden Tieren, wirft ernsthafte ethische Fragen auf und verdeutlicht ein strukturelles Problem in der Verwaltung von Tierpopulationen in Gefangenschaft.
«Diese Praxis verletzt nicht nur ethische Grundsätze, sondern verstösst sehr wahrscheinlich auch gegen das Schweizer Tierschutzgesetz, das die Würde jedes einzelnen Tieres schützt», erklärt Anna Zangger, Juristin und Leiterin der internationalen Kampagnen bei der FFW.

Interessant ist, dass der Zoo Zürich die Tötung dieser Primaten mit den Best-Practice-Richtlinien des EEP (Ex Situ Programme) zu rechtfertigen versucht hat. Diese Richtlinien empfehlen jedoch keineswegs das Töten als routinemässige Erstmassnahme. Abschnitt M der EEP-Richtlinien beschreibt alternative Ansätze zum Populationsmanagement, darunter Verhütung, Vasektomie und das Management überschüssiger Männchen. Die Richtlinien halten ausdrücklich fest, dass eine Tötung erst in Betracht gezogen werden darf, nachdem alternative Lösungen gemäss dem EAZA (European Association of Zoos and Aquariums) Culling Statement umfassend geprüft wurden. Vor diesem Hintergrund scheint die Verantwortung in erster Linie bei den langfristigen Managemententscheidungen des Zoos selbst zu liegen: Die Gelada-Gruppe soll auf 48 Individuen angewachsen sein, und gesunde Tiere wurden später getötet, als weder ausreichend Platz noch Transfermöglichkeiten vorhanden waren.

Die Grenzen des Narrativs vom «Naturschutz-Zoo»

Zoos präsentieren sich häufig als Institutionen, die dem Naturschutz verpflichtet sind. In den meisten zoologischen Einrichtungen weltweit liegt der Schwerpunkt jedoch weiterhin auf der Präsentation von Tieren zur Unterhaltung des Publikums, während die Mittel für Naturschutzprojekte nur einen kleinen Anteil ihrer Gesamteinnahmen ausmachen. Die wenigen Zoos, die tatsächlich einen bedeutenden Beitrag zum Naturschutz leisten, erzielen ihre grössten Wirkungen durch direkte Arbeit in den natürlichen Lebensräumen bedrohter Arten – und fühlen sich, anders als der Zoo Zürich, nicht dazu veranlasst, diese Arten in unnatürlichen Gehegen für Unterhaltungszwecke zu halten.

Im Fall der Geladas ist dieses Modell besonders schwer nachvollziehbar, da die Art nicht bedroht ist und auf der Roten Liste der IUCN* weiterhin als ‚Least Concern‘ („nicht gefährdet“ / „geringste Besorgnis“ bzw. „préoccupation mineure“) eingestuft wird. Zudem gibt es keinerlei dokumentierte Fälle von im Zoo geborenen Geladas, die wieder in die Wildnis ausgewildert wurden. Tiere in Gefangenschaft zu züchten, um sie später als “überschüssig” zu töten, ist kein Naturschutz – es ist Populationskontrolle in Zoos», so Tomas Sciolla, Spezialist für Biodiversitätsschutz und Zoo-Transformation bei der Fondation Franz Weber.

Für die Fondation Franz Weber werfen die Todesfälle der zehn Geladas grundsätzliche Fragen über die Rolle von Zoos auf und darüber, ob die Zucht von Tieren in Gefangenschaft – während gleichzeitig regelmässig als überschüssig eingestufte Individuen eliminiert werden – tatsächlich als Beitrag zum Naturschutz bezeichnet werden kann.

*International Union for Conservation of Nature

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