Im Jahr 2021 verabschiedete Frankreich ein historisches Gesetz, das die Haltung und Zucht von Walen und Delfinen in Gefangenschaft beendet. Fünf Jahre später leben noch immer zwei Orcas im Marineland von Antibes, das inzwischen für die Öffentlichkeit geschlossen ist. Nach Auffassung der französischen Behörden rechtfertigt die Dringlichkeit der Situation eine Verlegung in den Loro Parque auf Teneriffa, wo weiterhin täglich Orca-Shows stattfinden.Die Fondation Franz Weber (FFW) lehnt diese Lösung ab und setzt sich dafür ein, dass Wikie und ihr Sohn Keijo im Marineland bleiben, bis ein geeignetes Meeresschutzgebiet, das derzeit in Kanada entsteht, sie aufnehmen kann.
Ein historisches Gesetz
Die Verabschiedung des neuen französischen Gesetzes zeigt nicht nur den Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern vor allem auch die Entwicklung des gesellschaftlichen Bewusstseins. Diese Entscheidung anerkennt endlich eine inzwischen umfassend dokumentierte Realität: Delfine und Orcas sind nicht dafür geschaffen, in Gefangenschaft zu leben. Der französische Gesetzgeber hat zudem anerkannt, dass in Delfinarien gehaltene und gezüchtete Meeressäuger keinen Beitrag zum Schutz wildlebender Populationen leisten.
Die Schweiz hatte bereits 2012 mit dem Importverbot von Walen und Delfinen ein wichtiges Zeichen gesetzt. Frankreich verdient Anerkennung dafür, diesem Weg 2021 gefolgt zu sein. Dieses Verbot beantwortet jedoch nicht die Frage, was mit den Tieren geschieht, wenn die Einrichtungen, in denen sie gehalten werden, ihren Betrieb einstellen.Â
Eine von der Industrie geschaffene Dringlichkeit
Heute hat das Marineland von Antibes seine Tore für die Öffentlichkeit geschlossen. Seine beiden Orcas, die 25-jährige Wikie und ihr zwölfjähriger Sohn Keijo, die letzten Orcas auf dem europäischen Festland, werden dort weiterhin in veralteten Becken gehalten. Die französischen Behörden und die Eigentümer des Parks berufen sich auf eine angebliche «Dringlichkeit», um ihre rasche Verlegung zu rechtfertigen.
Diese Situation ist jedoch kein Zufall. Sie ist das Ergebnis des Systems der Zoo- und Delfinarienindustrie, die Meeressäuger in Frankreich wie auch anderswo fast ein Jahrhundert lang ausgebeutet hat. Obwohl das französische Gesetz seit Jahren bekannt war, wurde keine nachhaltige Lösung vorbereitet, um die Zukunft der betroffenen Tiere zu sichern. Der aktuelle Druck dient weit mehr wirtschaftlichen Interessen und Immobilienprojekten als den Bedürfnissen von Wikie und Keijo.
Teneriffa: eine Scheinlösung
Die derzeit vorgesehene Option für einen raschen Transfer dieser beiden Orcas, möglicherweise bereits Ende Juni 2026, ist der Loro Parque auf Teneriffa.
Bei einem Besuch vom 31. Mai bis 1. Juni 2026 konnten Vertreter der FFW die Anlagen des «Orca Ocean» im Loro Parque auf Teneriffa besichtigen sowie die vier derzeit dort gehaltenen Orcas begutachten. Der verfügbare Raum ist für Tiere von der Grösse und sozialen Komplexität von Orcas äusserst begrenzt, zumal einzelne Tiere regelmässig von der Gruppe getrennt werden müssen. Die mögliche Ankunft von Wikie und Keijo wirft daher ernsthafte Fragen hinsichtlich der Haltung von sechs Orcas in einer bereits heute stark eingeschränkten Anlage auf.
Die FFW besuchte zudem die täglichen Orca-Shows, die in einer von ständigem Lärm, grossem Besucherandrang, lauter Musik, Lautsprecherdurchsagen und lautstarken Reaktionen des Publikums geprägten Umgebung stattfinden. Dies ist besonders problematisch für Tiere, deren Orientierung, Kommunikation und Wahrnehmung ihrer Umwelt in hohem Masse auf Schall beruhen.
Die spanischen Behörden lehnen den Transfer ab
Bis heute haben die spanischen Behörden die Einfuhr der beiden Orcas in den Loro Parque verweigert, da sie die dortigen Bedingungen als unzureichend beurteilen.
Die FFW fordert die spanischen Behörden auf, an dieser Ablehnung festzuhalten. Sollte sich ihre Haltung ändern, wird die FFW sämtliche ihr zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel ausschöpfen, um einen Transfer zu verhindern. Dies wäre aus Sicht der FFW nicht mit dem Tierwohl und dem Geist der französischen Gesetzgebung zur Haltung von Meeressäugern in Gefangenschaft vereinbar.
Die Hoffnung auf ein Schutzgebiet
Die FFW unterstützt eine tiergerechtere Alternative: den Verbleib der beiden Orcas in Antibes, bis ein geeignetes Meeresschutzgebiet bereit ist, sie aufzunehmen.
Das Whale Sanctuary Project wird derzeit in Nova Scotia (Kanada) aufgebaut. Zwar sind die Gewässer dort kälter als in Frankreich, doch Wikie und Keijo stammen von Orcas ab, deren Ursprung in Island liegt. Sie sind physiologisch an kalte Meeresumgebungen angepasst. Eine Verlegung nach Nova Scotia sollte daher möglich sein, sofern sie schrittweise erfolgt, von Tierärzten begleitet und sorgfältig überwacht wird.
Darüber hinaus hat sich das Whale Sanctuary Project bereit erklärt, die Betreuung und medizinische Versorgung der Orcas in Antibes sicherzustellen. Dafür benötigt das Projekt jedoch finanzielle Unterstützung sowohl für die Versorgung der Tiere als auch für die Fertigstellung des kanadischen Schutzgebiets. Eine weitere Möglichkeit wäre die Schaffung eines neuen Schutzgebiets vor der französischen Küste.
Ein Schutzgebiet ist keine risikofreie Lösung. Es ist jedoch die einzige Option, die Wikie und Keijo die Aussicht auf ein besseres Leben bietet. Der Loro Parque hingegen führt zu einem bereits bekannten Ergebnis: lebenslange Gefangenschaft. Dort würden die beiden Orcas dieselben künstlichen Becken, dieselben Vorführungen vor Publikum und dieselben Zuchtprogramme vorfinden, von dem sich Frankreich 2021 eigentlich verabschieden wollte. Für Wikie und Keijo wäre dies kein Neuanfang, sondern die Fortführung der Ausbeutung. Diese Perspektive ist umso besorgniserregender, als in den vergangenen Jahren bereits vier Orcas im Loro Parque gestorben sind.
Eine gesellschaftliche Entscheidung
Das Schicksal von Wikie und Keijo muss mit der historischen Entscheidung Frankreichs von 2021 vereinbar sein, die Gefangenschaft von Meeressäugern zu beenden. Statt ein überholtes Modell künstlich zu verlängern, sollte es einen wegweisenden Präzedenzfall schaffen und das Ende von Meeressäugerparks und Unterhaltungsanlagen beschleunigen.
Gefangenschaft ist Folter für Orcas
Orcas gehören zu den intelligentesten und sozial komplexesten Tieren unseres Planeten. In freier Wildbahn leben sie in stabilen Familienverbänden, kommunizieren über gruppenspezifische Dialekte und geben ihr Wissen über Generationen hinweg weiter. Sie legen täglich bis zu 160 Kilometer zurück, tauchen mehrere Hundert Meter tief und nutzen ihre hochentwickelte Echoortung permanent zur Orientierung, Jagd und Kommunikation. Nichts davon ist in einem Delfinarium möglich.
Selbst das grösste Becken kann den Bedürfnissen von Orcas niemals auch nur annähernd gerecht werden. In Gefangenschaft werden sie in künstlich zusammengesetzten Gruppen gehalten, ihrer Bewegungsfreiheit beraubt und einer von Vorführungen, lauter Musik und der ständigem Besucherandrang geprägten Umgebung ausgesetzt. Für Tiere, deren Orientierung, Kommunikation und Wahrnehmung der Umwelt in hohem Masse auf Schall beruhen, stellt diese permanente Reizüberflutung eine erhebliche Belastung dar.
Die Folgen der Gefangenschaft sind klar dokumentiert: verkürzte Lebenserwartung, chronische Krankheiten, Verhaltensstörungen, erhöhte Aggressivität, Zahnschäden durch das Beissen auf Betonwände sowie zahlreiche weitere körperliche und psychische Beeinträchtigungen. Heute herrscht unter Wissenschaftlern weitgehend Einigkeit über eine einfache Erkenntnis: Keine künstliche Anlage kann den körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnissen eines Orcas jemals gerecht werden.
Für diese Giganten der Meere bedeutet Gefangenschaft nicht nur den Verlust ihrer Freiheit, sie ist ein dauerhafter Zustand des Leidens.
Was geschieht im Orca Ocean des Loro Parque?