Auf dem Wildpferde Reservat Bonrook in Australien leben neben den etwa 800 Brumbies im Busch derzeit mehrere neu gerettete Pferde auf den Paddocks rund ums Homestead. Ihre Geschichten stehen exemplarisch für die Herausforderungen, denen Wildpferde in abgelegenen Regionen Australiens ausgesetzt sind – und für die Bedeutung raschen, verantwortungsvollen Handelns.
Im Journal Franz Weber 154 berichteten wir über die Rettung des Fohlens Maluka, das wir nach einem schweren Angriff durch verwilderte Hunde aus einer abgelegenen indigenen Community in Sicherheit bringen konnten. Maluka geht es heute auf Bonrook sehr gut. Er hat sich vollständig von seinem Trauma erholt und hat im gutmütigen Wallach Dizzy seinen «Onkel» gefunden, dem er nicht mehr von der Seite weicht. Bereits damals war klar, dass sein Schicksal kein Einzelfall war. In den darauffolgenden Wochen bestätigte sich unsere Befürchtung…
Ende Oktober erreichten uns weitere Hilferufe aus derselben Community, die rund 230 km südlich von Bonrook liegt. Wieder ging es um Wildpferde, die regelmässig die Siedlung aufsuchten, angelockt durch grünes Gras rund um die Häuser und den Fussballplatz. Wieder stellten verwilderte und verwahrloste Hunde eine akute Gefahr dar, insbesondere für die Fohlen. Sie wurden nicht aus Hunger angegriffen, sondern aus Jagdtrieb. Für neugeborene Fohlen endet dies oft tödlich.
Stute und neugeborenes Fohlen rechtzeitig in Sicherheit gebracht
Ende Oktober informierte uns die Leiterin des Gemeindebüros der indigenen Community, dass es ihr gelungen sei, eine Stute mit ihrem neugeborenen Fohlen in einem gesicherten Bereich unterzubringen. Auch dieses Fohlen war bereits von Hunden angegriffen worden, wenn auch weniger schwer als Maluka. Bewohner der Community berichteten zudem, dass dieselbe Stute in den vergangenen Jahren bereits zwei Fohlen durch Hundeangriffe verloren hatte. Diese Information erschütterte uns tief und bestärkte uns darin, die beiden unbedingt schnellstmöglich aus dieser Situation herauszuholen.
Bonrooks Station Manager Sam Forwood reagierte sofort und organisierte eine Rettungsaktion. Er bat Tim aus Pine Creek um Unterstützung, einen langjährigen Stationsarbeiter mit umfassender Erfahrung im sicheren Umgang und Transport freilebender Tiere. Am nächsten Morgen fuhren die beiden Männer früh mit einem Pferdeanhänger in die Community. Der alte, sehr stabile Zweipferdeanhänger ohne Mitteltrennwand und ohne Dach hat sich beim Verladen von Brumbies bewährt, da er weniger beengend wirkt, und die Tiere den Himmel sehen können.
Mit mobilen Gitter-Panels und Toren, die Sam bereits zuvor in die Community gebracht hatte, bauten sie einen Verladebereich und positionierten den Anhänger entsprechend. Die Stute folgte ruhig, angelockt von Äpfeln, die sie besonders mochte. So konnten Mutter und Fohlen ohne Aufregung bis nahe an den Anhänger geführt werden. Zunächst zögerte die Stute, den Anhänger zu betreten, doch mit Geduld und sanftem Druck ging sie schliesslich gemeinsam mit ihrem Fohlen hinein. Da diese Pferde schon lange immer wieder in die Aboriginal Community kommen, sind sie an Menschen gewöhnt, lassen sich jedoch nicht anfassen.
Ruhige Fahrt und sichere Ankunft auf Bonrook
Die Rückfahrt nach Bonrook verlief langsam und ruhig. Auch das Ausladen verlief problemlos. Zunächst hielten wir die Stute und ihr Fohlen auf einer separaten grossen Weide mit Wasser, Schatten und Futter, getrennt von den anderen Stationspferden, die alle Wallache sind (bis auf den alten Brumby-Hengst Dandy). Sam behandelte die Hundebisswunden des Fohlens medizinisch. Zu unserer grossen Freude erholte es sich in der darauffolgenden Woche überraschend schnell.
Wir tauften die Stute Jeannie, ihr Fohlen heisst Elsey. Jeannie ist Menschen gegenüber misstrauisch und stark beschützend, wenn es um ihr Fohlen geht. Trotz der traumatischen Erfahrungen durch die Hundeangriffe wirkt Elsey aussergewöhnlich vertrauensvoll, lieb und gutmütig. Ob sie vielleicht spürt, dass Menschen ihr das Leben gerettet haben?
Es ist das erste Mal seit 2016, dass wieder Stuten unter den Stationspferden von Bonrook leben. In den vergangenen zehn Jahren waren alle Rettungen und Aufnahmen unerklärlicherweise stets männliche Pferde.
Seit Januar sind nun Jeannie und Elsey mit den anderen Stationspferden auf den Weiden. Es ist wunderbar zuzuschauen, wie die beiden Fohlen Maluka und Elsey zusammen rumtollen. Jeannie und Elsey haben sich bereits an die Fütterungen und die Herde gewöhnt und haben kein Interesse im Busch zu leben. Hier auf Bonrook können sie in Frieden und Sicherheit leben – und Jeannie wird nie wieder ein Fohlen an wilde Hunde verlieren. Nicht unter unserer Verantwortung!
Eine weitere Rettung kündigt sich an
Auch nach dieser Rettung blieb die Situation angespannt. Weitere Pferde suchten während der Trockenzeit die Nähe der indigenen Community. Um die Tiere in gesicherte Bereiche zu locken, brachte Sam weiterhin Heu in die Community.
Bei meinem letzten Besuch auf Bonrook Ende November 2025 stand uns eine weitere Rettungsaktion bevor: Zwei Stuten – eine ältere, trächtige und eine jüngere, vermutlich ihre Tochter. Um weiteren Angriffen durch verwahrloste Hunde zuvorzukommen, wollten wir die Stuten unbedingt in Sicherheit bringen, bevor das Fohlen zur Welt kommt.
Gemeinsam mit Sam und Tim fuhr ich rund zweieinhalb Stunden in die Aboriginal Community, um die zwei Stuten abzuholen. Sie befanden sich bereits in einem eingezäunten Garten mit Schatten und Wasser. Vor Ort errichteten die Männer erneut mit den Gitter-Panels einen provisorischen Verladebereich, der sich wie ein Trichter zunehmend verengte und in einem schmalen Durchgang direkt zur Rampe endete.
Nervenaufreibende Verladung mit Happy End
Als alles vorbereitet war, öffneten wir das Tor und die Stuten liefen ruhig in den ersten Bereich. Jedoch ab da weigerten sich die beiden hartnäckig, den Anhänger zu betreten. Es brauchte viel Geduld, Ruhe und Zeit. Für mich war diese Phase extrem nervenaufreibend, da ich grosse Sorge hatte, dass sich die Tiere verletzen könnten. Ich hatte die Hoffnung beinahe schon aufgegeben, als plötzlich die vordere Stute mit einem kraftvollen Satz regelrecht die Rampe hinaufsprang. Die zweite folgte ihr kurz darauf. Es war eine enorme Erleichterung! Unversehrt waren sie nun sicher im Trailer. Die Pferde beruhigten sich, und wir konnten die zweieinhalbstündige Fahrt nach Bonrook antreten.
Auf Bonrook angekommen, wollten sie nun den Anhänger gar nicht mehr verlassen. Auch hier zahlten sich Geduld und Ruhe aus. Schliesslich trabten beide die Rampe hinunter und betraten ihre neue Weide auf Bonrook. Wir haben die Trächtige Sheelah und die jüngere Fina genannt. Fina leidet an einer alten offenen Wunde im Bereich des Widerrists, die wir medizinisch betreuen. Dies ist aber gar nicht so einfach, da Fina wild ist und sich nicht anfassen lässt. Ansonsten sind sie fit und munter.
Unerwarteter Besuch aus dem Busch
Knapp zwei Wochen nach ihrer Ankunft auf Bonrook näherte sich den beiden Stuten mehrfach ein wilder Brumby-Hengst. Es war deutlich, dass er ihre Anwesenheit gewittert hatte und versuchte, sie für sich zu gewinnen und mit in den Busch zu nehmen. Der mutige Hengst erschien an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Am vierten Tag öffnete Sam das Tor, um den Stuten die Wahl zu lassen. Beide folgten dem Brumby-Hengst in den Busch. Rund zehn Tage später kehrte jedoch Fina allein zurück. Sie stand am Tor zum Pferdepaddock und wollte wieder rein. Wir gehen davon aus, dass Sheelah inzwischen ihr Fohlen zur Welt gebracht hat und Fina vertrieben hat, um ihren Nachwuchs zu schützen.
Zudem haben wir festgestellt, dass die geretteten Stuten Fina und Jeannie trächtig sind, da beide deutlich sichtbare Bäuche zeigen. Nach Berechnungen begann die Trächtigkeit bereits vor ihrer Ankunft auf Bonrook. Wir gehen davon aus, dass ihre Fohlen im Juli zur Welt kommen werden. Auch wenn auf Bonrook in keiner Weise gezüchtet wird, besteht bei jeder Rettung das Risiko, dass Stuten bereits trächtig sind, wenn sie zu uns kommen.
Unser Ziel ist es, gerettete Brumbies wenn möglich in die Wildnis Bonrooks zu entlassen. Nur Tiere, die Pflege, zusätzliche Fütterung oder medizinische Versorgung benötigen, bleiben auf den Paddocks rund um das Homestead.
Es war zutiefst berührend mitzuerleben, wie die Natur ihren eigenen Weg findet. Dass Bonrook den Pferden diese Wahl ermöglicht, ist etwas ganz Besonderes: Die eine Stute kann ein neues Leben in einer Brumby-Herde auf den Rangelands Bonrooks beginnen, während die andere sich an die Versorgung auf den Paddocks erinnert und in diesen sicheren Zufluchtsort zurückkehrt. Das Wichtigste: Beide Optionen bieten Schutz, Sicherheit und Freiheit.
In Zusammenarbeit mit der Fondation Franz Weber hat die australische Filmemacherin Lin Sutherland die Situation der Brumbies in Australien in einem Dokumentarfilm festgehalten. Der Film zeigt das Leben der Wildpferde, die Herausforderungen ihres Schutzes sowie die Arbeit der Fondation Franz Weber auf dem Wildpferde Reservat Bonrook.