Im Siedlungsgebiet der Thur, dem grossen Fluss in der Ostschweiz braucht es Anpassungen beim Hochwasserschutz. Das ist nachvollziehbar. Doch was darüber hinaus vorgesehen ist, hat mit Augenmass wenig zu tun. Über 200 teils hundertjährige Alleebäume – zwei Drittel einer 4,8 Kilometer langen Baumreihe, einzigartig in der Schweiz – sollen gefällt werden. Die Fondation Franz Weber setzt sich gegen dieses Vorhaben zur Wehr.
Offiziell geht es bei der geplanten Thursanierung um Hochwasserschutz. Doch die Schutz-Planer haben jegliches Mass verloren! Denn wer das Flussbett verbreitert, und das Wasser verlangsamt, nimmt der Thur ihre Kraft. Geröll und Schwemmmaterial bleiben liegen. Inseln, Kies- und Sandbänke entstehen. Die Flusssohle hebt sich – Fachleute sprechen von «Auflandungen». Und was passiert, wenn sich das Bett hebt? Das Hochwasser kommt schneller.
Die Hochwasserschützer tun deshalb gut daran, bei ihrer «Tabula Rasa»-Planung zwei Gänge zurückzuschalten. Für die Entdeckung der Langsamkeit ist es nie zu spät…
Denn der Widerspruch könnte grotesker nicht sein: Der Kanton St. Gallen will hundert Kilometer Fliessgewässer neu beschatten, um der Klimaerwärmung zu begegnen – und gleichzeitig in Wattwil fĂĽnf Kilometer Ufer nahezu kahlschlagen. 80- bis 100-jährige Bäume sollen fallen, obwohl sie Sauerstoff liefern, Tonnen von CO2 und Feinstaub binden und die Umgebungstemperatur im Sommer um bis zu zehn Grad senken.Â
Fabian Dietrich, Baumpflegespezialist mit eidg. Fachausweis, bringt es auf den Punkt: «Um die Umweltleistung eines einzigen 80-jährigen Baumes zu kompensieren, braucht es rund 400 Jungbäume. Vierhundert! Und Jahrzehnte Geduld. Wer glaubt ernsthaft, dass Ersatzpflanzungen innert nützlicher Frist wieder Schatten spenden, Fische schützen und Mückenplagen verhindern?»
Unbestritten ist eine moderate Umgestaltung im Siedlungsgebiet. Dort, wo neue Strukturelemente den Lebensraum für Fische verbessern und Spazierwege erhalten bleiben. Doch ausserhalb – dort, wo Landwirtschaftsland an die Thur grenzt – soll der Flussraum von vierzig auf hundert Meter anwachsen. Nicht aus Not, sondern aus planerischem Ehrgeiz.
Die überparteiliche «IG vernünftige Thursanierung Wattwil» stemmt sich dagegen. Sie verlangt keinen Stillstand, sondern Vernunft: Hochwasserschutz ja – aber ohne ökologischen Kahlschlag. Die Fondation Franz Weber (FFW) unterstützt die lokalen Kräfte in ihrem Widerstand gegen diesen ökologischen Wahnsinn.
Denn diese Allee ist mehr als eine Reihe Bäume. Sie ist Sauerstofffabrik, Klimaanlage, Naherholungsgebiet, Landschaftsbild. Sie ist Erinnerung und Zukunft zugleich. Diese Allee zu fällen bedeutet nicht nur, Holz zu schlagen. Es heisst, ein Ökosystem, eine Landschaft und einen natürlichen Schutz gegen Hitze – ja sogar gegen Überschwemmungen – zu zerstören. Und das lässt sich nicht durch ein paar junge Setzlinge ersetzen.
Vielleicht ist die eigentliche Frage an der Thur nicht, wie weit man den Fluss verbreitern kann, sondern ab welchem Punkt man die Natur nicht mehr schützt – sondern opfert.