29.06.2026
Vera Weber

Judith Webers Hügelstadt

«Unsere Ahnen haben niemals die Schönheit einer Landschaft zerstört. Ihre Bauten, ihre Dörfer, ihre Städte wurden stets selbst zum Blick, zur Aussicht. Und zwar durch die Harmonie ihrer Linienführung, ihrer Farben, durch das vollkommene Ineinanderfliessen von Landschaft und Gebäuden» erkannte Judith Weber in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, und sie fragte aufgrund dieser Erkenntnis schon fast provokativ: «Warum bauen wir heute keine schönen Städte mehr?» 

Dieser Frage folgten weitere Gedanken und letztendlich auch Taten: «Ich sehe eine Stadt in den Wolken», sagte Judith Weber, «aber sie muss nicht in den Wolken bleiben, wenn wir sie selbst bauen.»

Judith Weber begann zu zeichnen. Als Vorbild dienten ihr Montalto in den Ligurischen Alpen sowie Manciano in der Toskana. Diese mittelalterlichen Hügelstädte, die sich an den Hang dem Himmel entgegen schmiegen, in einem stillen Einverständnis zwischen Natur und Baukunst. Judith Weber wollte den Gedanken der mittelalterlichen Stadt neu umsetzen. Nicht als Rückgriff auf ein verklärtes Gestern, nicht als museale Kulisse, sondern als Hügelstadt der Zukunft.

Judith Webers Gedanken zur Stadt blieben deshalb keine nostalgische Fantasie, sondern entwickelten sich zum Modell eines Gegenentwurfs zur «Landschaftsfresserei». Im Innern des künstlich modellierten Stadthügels liess Judith Weber jene Funktionen «verschwinden», die moderne Städte zwar benötigen, welche sie jedoch oft entstellen: Parkplätze, Technik sowie Ver- und Entsorgung. Oben hingegen entfaltet sich das eigentliche Leben: Häuser, Gärten, Plätze, Arkaden, Treppen, Brunnen, Läden, Schulen, Theater und Cafés.

Das Raffinierte an Judith Webers Vision, die sie 1989 zusammen mit dem Künstlerehepaar Nicole und Paul du Marchie in das Modell «Hügelstadt Sonnenberg» umsetzte, ist die Verbindung von Schönheit und Vernunft. Diese Stadt fordert keinen Verzicht, keine Rückkehr ins Vorindustrielle. Im Gegenteil: Der Komfort der Gegenwart bleibt – nur tritt er in den Hintergrund. Die Technik dient, ohne zu dominieren. Die Stadt wird wieder lesbar, begehbar, erfahrbar. 

Judith Weber war beseelt von dem hartnäckigen Gedanken, dass wir anders, schöner und menschlicher bauen und gleichzeitig die Natur und Landschaft erhalten könnten. Sie entwickelte eine neue Form von Raumplanung, die zugleich poetisch und effizient ist. Die Hügelstadt spart Boden, gibt der Landschaft Raum zurück und bündelt das Leben, ohne es zu verdichten bis zur Unwirtlichkeit.

Vielleicht war Judith Webers Idee ihrer Zeit voraus. Vielleicht ist sie es bald 40 Jahre später noch immer. In Anbetracht der stetig zunehmenden Bevölkerungszahl in der Schweiz und des damit einhergehenden immensen Kulturlandverlust ist die «Hügelstadt Sonnenberg» aktueller denn je.

Doch selbst die intelligenteste Raumplanung kann keine dauerhafte Lösung sein, wenn die Zuwanderung und damit das Bevölkerungswachstum ungebremst weitergehen. Wer Natur und Tiere wirklich schützen will, muss auch den Mut haben, das Bevölkerungswachstum als zentrales Problem zu benennen. Die Realität ist: Mehr Menschen bedeuten mehr Beton, mehr Strassen, mehr Verkehr, mehr Konsum, mehr Massentierhaltung, mehr Abfall, mehr Energiebedarf und damit zwangsläufig weniger Natur und weniger Lebensraum für Tier und Mensch.

Judith Webers Modell der «Hügelstadt Sonnenberg» wird im Schloss Wyl im Emmental der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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