2025 wurden Pupy und Kenya, die beiden letzten in argentinischen Zoos gehaltenen Afrikanischen Elefanten, nach jahrelangen Bemühungen der Fondation Franz Weber ins Elefantenschutzgebiet in Brasilien umgesiedelt. Damit gibt es in Argentinien nun keine Elefanten in Gefangenschaft mehr. Doch einige Monate später starben Pupy und Kenya. Auch wenn die genaue Ursache unklar bleibt, zeigt ihre Geschichte, welche Folgen die jahrzehntelange Gefangenschaft für ihr körperliches und seelisches Wohlergehen hatte.
Viele Jahre lang setzte sich die Fondation Franz Weber (FFW) beharrlich dafür ein, die Haltungsbedingungen von Elefanten in argentinischen Zoos zu verbessern. Langfristiges Ziel war es, sie in das einzige auf Elefanten spezialisierte Schutzgebiet in Südamerika umzusiedeln, was der FFW zuvor schon mit mehreren asiatischen Elefanten gelungen war.
Der Tod von Pupy und Kenya löste starke Emotionen aus – jedoch auch heftige Kritik an den Schutzgebieten. Einige Kritiker diffamierten sie sogar als Orte, an denen Elefanten lediglich zum Sterben hingebracht würden. Solche Anschuldigungen verdienen jedoch mehr als nur Behauptungen – sie verdienen Fakten.
Krank und geschwächt durch jahrzehntelange Gefangenschaft
Die 35-jährige Pupy verstarb sechs Monate nach ihrer Ankunft im Schutzgebiet, Kenya, die 44 Jahre alt war, nach fünf Monaten. Beide hatten mehr als drei Jahrzehnte lang in Gefangenschaft in argentinischen Zoos gelebt. Sie hatten kaum jemals etwas anders gekannt als Langeweile, Mauern und Betonböden, Tarurigkeit und Verzweiflung, bevor sie auf dem Elefantenschutzgebiet ankamen. Erst dort entdeckten sie, was es bedeutet, ein Elefant zu sein.
Die vorläufigen Ergebnisse der Autopsien, die das Elefantenschutzgebiet veröffentlichte – ein in Zoos äusserst ungewöhnlicher Schritt – ergaben, dass ihre Körper durch die jahrzehntelange Gefangenschaft schwer geschädigt und beeinträchtigt waren.
Pupy litt an einer durch Amöben verursachten Lungenentzündung in Verbindung mit einer Immunschwäche. Kenya wies schwere Knochenläsionen auf, die zum Verlust mehrerer Zehenglieder geführt hatten. Sie litt zudem an einer nicht diagnostizierten fortgeschrittenen chronischen Atemwegserkrankung, die sie sich bereits lange vor ihrer Verlegung nach Brasilien zugezogen hatte.
Mit anderen Worten: Nicht das Schutzgebiet hat die Elefantinnen krank gemacht, sondern sie trafen dort bereits in stark geschwächtem Zustand ein.
Die Umsiedlung: Ursache oder Indikator?
Natürlich setzt der Transport die Tiere unter Stress. Doch die Teams der FFW und des Elefantenschutzgebiets taten alles, was in ihrer Macht stand, um diesen Stress auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, indem sie die Verlegung monatelang – im Falle Kenyas sogar jahrelang – vorbereiteten. Auch auf der Reise selbst wurden sämtliche Vorsichtsmassnahmen eingehalten. Die Elefantinnen blieben die gesamte Fahrt über ruhig. Übrigens führen auch Zoos im Rahmen des Tieraustauschs regelmässig Langstreckentransporte durch.
Stress an sich ist keine Krankheit und war nicht dafür verantwortlich, dass Pupy sechs und Kenya fünf Monate nach ihrer Ankunft im Schutzgebiet starben. Bereits bestehende Erkrankungen, die der Körper lange Zeit kompensiert hat, können jedoch unter Stress sichtbar werden.
Legt das den Schluss nahe, dass die zwei Elefantinnen ihren Lebensabend besser in Betongehegen ohne angemessene Pflege, ohne Artgenossen und ohne Wahlfreiheit verbracht hätten? Die Umsiedlung aufgrund der Risiken abzulehnen, hätte bedeutet, dass sie bis ans Ende ihrer Tage unter unwürdigen Bedingungen in Gefangenschaft verblieben wären.
Pupy hatte ihr ganzes Leben lang das Gehege im Zoo mit Kuky geteilt. Der Kontrast zwischen ihren Schicksalen ist eklatant: Kuky starb in Gefangenschaft zu einem Zeitpunkt, als der legale Weg für ihre Umsiedlung endlich frei war. Sie starb mitten in der Stadt als Gefangene. Pupy dagegen erreichte das Elefantenschutzgebiet und durfte – wenigstens für einige Monate – in einer natürlichen Umgebung mit mehr Platz, Wahlfreiheit und Würde leben.
Der Tod ist kein Versagen
Auch in Zoos sterben Elefanten – mit dem Unterschied, dass ihr Tod oft als «natürlich» bezeichnet wird, ohne Veröffentlichung von Autopsieergebnissen, ohne öffentliche Diskussion und ohne, dass die Strukturen hinterfragt werden.
«Natürlich» – dieser Begriff mutet ironisch an, wenn alles darauf hindeutet, dass die Gefangenschaft selbst das Überleben der Elefanten gefährdet. Pupy und Kenya sind der Beweis dafür.
Auf einem Gnadenhof oder einem Schutzgebiet wird der Tod sichtbar. Er stört, weil er eine unbequeme Wahrheit ans Licht bringt; nämlich den wahren Preis jahrzehntelanger Gefangenschaft und Tierquälerei. Diese Transparenz sollte jedoch als Vorbild dienen und nicht als Angriffsfläche.
Ethische Grundsatzfrage: Lebensdauer oder Qualität?
Zählt man auf einem Schutzgebiet lediglich die Todesfälle, ohne die Lebensqualität zu berücksichtigen, die erhaltene Pflege, den Zugang zu einer angemessenen Umgebung, die Möglichkeit sozialer Interaktionen und die Würde, reduziert man das Leben auf eine blosse Statistik. Im Kern steht eine ethische Grundsatzfrage: Ist es besser ein würdiges, wenn auch möglicherweise kürzeres Leben zu führen – oder ein etwas längeres unter Bedingungen, die Körper und Geist massiv belasten?
Für die Fondation Franz Weber und all ihre Mitarbeitenden liegt die Antwort auf der Hand. Tomas Sciolla, Experte für die Erhaltung der Biodiversität und Umwandlung von Zoos sowie Direktor des Gnadenhofs Equidad in Argentinien, erläutert:
«Pupy und Kenya endlich über natürlichen Boden gehen zu sehen, mit viel Platz, Wahlmöglichkeiten und im für Elefanten typischen Rhythmus, war zutiefst bewegend. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten konnten sie Verhaltensweisen zeigen, die in der Gefangenschaft unterdrückt wurden. Ihr Tod ist kein Schuldspruch gegen Gnadenhöfe, sondern offenbart den wahren Preis eines Lebens in Gefangenschaft, was die Wissenschaft seit Jahren belegt.»
Trotz allem machen wir weiter
Der Tod von Pupy und Kenya ist kein Argument gegen Umsiedlungen. Fünf Elefanten leben noch immer im Elefantenschutzgebiet in Brasilien, darunter Maia, die 2016 ankam. Der Tod ist vielmehr ein Argument gegen eine langfristige Gefangenschaft unter inadäquaten Bedingungen und für die Freiheiten, die das Leben auf einem Gnadenhof zu bieten hat.
Er erinnert uns daran, dass die Rettung eines Elefanten nicht mit seiner Umsiedlung endet, sondern auch bedeutet, versuchen zu heilen, was jahrzehntelange Gefangenschaft zerstört hat. Doch selbst die beste Pflege kann manchmal nicht alle Schäden rückgängig machen. Sie kann jedoch dazu beitragen, dem Tod mehr Würde zu verleihen als dem Leben zuvor – und die Tiere zumindest von chronischem Stress und anhaltendem Leiden zu befreien.
Dr. Keith Lindsay, international anerkannter Elefantenbiologe betont:
«Die Geschichte von Pupy und Kenya zeigt den Triumph der Empathie über die Gleichgültigkeit angesichts des Leids. Wie jämmerlich ihr Dasein in den Zoogehegen war, war für jeden offensichtlich, der das natürliche Verhalten von Elefanten kennt. Nach ihrer Ankunft im Schutzgebiet veränderten sie sich sofort: Sie erkundeten ihre Umgebung, suchten nach Nahrung, streiften frei umher und blühten auf. Viele Elefanten werden durch diese Freiheit dauerhaft geheilt. Pupy und Kenya schenkte sie einen friedlichen und würdigen Tod in einer Oase der Ruhe.»
In der Schweiz warten noch immer Rosy und Maya
Diese Überlegungen beschränken sich nicht auf Argentinien und Brasilien. Auch in der Schweiz halten die Zoos von Basel, Rapperswil und Zürich Elefanten unter Bedingungen, die ihren biologischen und sozialen Bedürfnissen keineswegs gerecht werden, wobei es in jüngerer Zeit vermehrt zu Todesfällen kam.
In Basel warten Rosy und Maya darauf, dass der Zoo entscheidet, was mit ihnen geschehen soll. Wie früher Pupy und Kenya fristen auch sie ihr Dasein auf beengtem Raum, auf künstlichem Boden, mitten in der Stadt, in einer Umgebung, die ihren komplexen physischen, sozialen und kognitiven Bedürfnissen nicht gerecht wird. Nach Angaben des Zoos vertragen sich die zwei Elefantenkühe seit dem Tod von Heri im letzten Jahr nicht mehr. Nun will die Einrichtung sie in andere Zoos verlegen und dafür «neue» Elefanten aufnehmen.
Die Fondation Franz Weber ist überzeugt, dass Rosy und Maya auf einen Gnadenhof umgesiedelt werden müssen, statt ihr Leben weiterhin in Gefangenschaft zu verbringen. In der Nähe befinden sich zwei Gnadenhöfe: einer in Südwestfrankreich, der andere in Portugal.
Ist der Zoo Basel mutig genug, um mit gutem Beispiel voranzugehen und Rosy und Maya eine echte Chance auf ein neues, würdevolles Leben zu geben – auf einem Gnadenhof mit mehreren Hektaren natürlichen Landes, wo sie sich frei bewegen, soziale Bindungen knüpfen und ein artgerechtes Elefantenleben führen können, statt in einer Einrichtung zu verbleiben, die darauf ausgelegt ist, sie öffentlich zur Schau zu stellen?