Millionen Jahre bevor die Menschheit existierte, streiften Schildkröten bereits über die Erde. Sie überstanden den Lauf der Zeit, Klimaveränderungen und tiefgreifende Umwälzungen unseres Planeten. Heute jedoch drohen sie zu verschwinden, nicht wegen einer Gefahr aus der Natur, sondern wegen uns Menschen.
Uralte Tiere, universelle Symbole
Kaum eine Tierart vermittelt ein so starkes Gefühl von Beständigkeit wie die Schildkröte. Ihre Evolutionsgeschichte reicht rund 230 Millionen Jahre zurück, in eine Zeit, in der Kontinente, Ökosysteme und das Leben auf der Erde völlig anders aussahen als heute.
Vielleicht deshalb nehmen Schildkröten seit jeher einen besonderen Platz in Kulturen auf der ganzen Welt ein. Sie gelten als Symbol für Langlebigkeit, Geduld, Stabilität, Schutz und Gleichgewicht. Ihr Panzer steht in vielen Traditionen für Geborgenheit, ihre langsame Fortbewegung für die Weisheit langer Zyklen und ihre Widerstandskraft für eine stille Form von Stärke. Sie sind Teil von Geschichten, Legenden und dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit.
Gleichzeitig spielen sie in ihren Lebensräumen eine wichtige ökologische Rolle. Während sie sich fortbewegen, fressen und den Boden nutzen, tragen sie zur Verbreitung von Samen, zur Durchmischung des Bodens und zur Regeneration der Vegetation bei. Ihr Verschwinden würde nicht nur den Verlust einer Art bedeuten, sondern ein ganzes Netz ökologischer Beziehungen schwächen, das sich über Millionen von Jahren entwickelt hat.
Eine Schildkröte aus dem tiefen Süden
In Südamerika lebt eine besondere Art: die Chaco-Schildkröte, auch Argentinische Landschildkröte (Chelonoidis chilensis) genannt. Sie ist die Landschildkröte, die am weitesten südlich auf unserem Planeten vorkommt. Untersuchungen ihrer Abstammung haben gezeigt, dass sie die nächste heute lebende Verwandte der Riesenschildkröten der Galápagos-Inseln ist.
Im Gegensatz zu ihren Verwandten auf den Inseln lebt die Chaco-Schildkröte in trockenen, offenen und von Jahreszeiten geprägten Landschaften des Gran Chaco und angrenzender Regionen. Ihr Leben ist eng an den Boden, die Vegetation, das Klima und die natürlichen Zyklen dieser Gebiete angepasst.
Die Argentinische Landschildkröte steht seit 1975 im Anhang II des Übereinkommens über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES). Dieses Regelwerk kontrolliert zwar den internationalen Handel, verhindert jedoch nicht die illegalen Entnahmen innerhalb des Landes. Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) stufte die Art bereits 1996 als gefährdet ein. Aufgrund von Lebensraumverlust und illegalem Handel wird erwartet, dass sie ab 2026 als stark gefährdet eingestuft wird.
Rettung allein reicht nicht aus
Die Argentinische Landschildkröte gehört zu den Arten, die am stärksten vom illegalen Heimtierhandel betroffen sind. Tausende Tiere werden aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen und unter prekären Bedingungen transportiert: dicht zusammengedrängt, ohne Wasser, geeignetes Futter oder tierärztliche Versorgung. Viele sterben, noch bevor sie ihr Ziel erreichen. Andere überleben jahrelang in Innenhöfen, Kisten, auf Terrassen oder in städtischen Gärten, weit entfernt von den Böden, Klimabedingungen und Reizen ihres natürlichen Lebensraums.
In den vergangenen Jahren haben ein stärkeres öffentliches Bewusstsein und vermehrte Kontrollen durch die Behörden zu mehr Beschlagnahmungen geführt. Doch damit stellt sich eine schwierige Frage: Was geschieht danach?
Ein Tier zu retten, reicht nicht aus, wenn es keinen geeigneten Ort gibt, an dem es aufgenommen werden kann. In Argentinien stehen beschlagnahmte Schildkröten oft vor einem zweiten Problem: dem Mangel an spezialisierten Zentren mit ausreichender Kapazität und Infrastruktur, um die Tiere zu untersuchen, zu rehabilitieren und – wenn möglich – wieder auszuwildern. Ohne solche Einrichtungen bleiben viele dauerhaft in Gefangenschaft, nicht aus mangelndem Willen, sondern weil echte Alternativen fehlen.
Genau hier setzt die Fondation Franz Weber an: Die bestehende Lücke soll in eine echte Chance für den Schutz dieser bemerkenswerten Tiere verwandelt werden.
San Acan: Eine konkrete Antwort
Im Schutzgebiet Equidad bot sich der Fondation Franz Weber eine einzigartige Möglichkeit: ein Gelände innerhalb des historischen Verbreitungsgebiets der Art, ein erfahrenes Team in den Bereichen Tierschutz, tierärztliche Betreuung, Wildtiermanagement und Naturschutz sowie die Überzeugung, dass der Schutz einzelner Tiere und ihrer Lebensräume untrennbar zusammengehören.
So entstand San Acan: das erste spezialisierte Zentrum für einheimische Landschildkröten in Argentinien. Das Projekt entstand nicht spontan, sondern ist das Ergebnis von drei Jahren Vorbereitung, Studien und technischer Planung.
Heute befindet sich San Acan in der ersten Bauphase und bereits mehr als 700 Seiten Projektunterlagen wurden erarbeitet. Die erste Phase umfasst rund 60’000 m² natürliche Rehabilitationsflächen sowie 300 m² für Quarantäne und spezialisierte Pflege.
Langfristig wird das Zentrum in der Lage sein, bis zu 5’000 Schildkröten aufzunehmen und zu betreuen. Grundlage dafür ist ein flexibles System, bei dem die individuelle Beurteilung, Rehabilitation und die bestmögliche Lösung für jedes einzelne Tier stets im Mittelpunkt stehen.
Das Konzept des Zentrums orientiert sich am jeweiligen Weg, den jedes Tier benötigt. Zunächst gelangen die Schildkröten in einen Aufnahme- und Quarantänebereich, wo sie vom tierärztlichen Team untersucht werden. Dort werden ihr Gesundheitszustand, ihre körperliche Verfassung, Verletzungen, Krankheitsanzeichen und ihre tatsächlichen Genesungschancen beurteilt.
Tiere, die rehabilitiert werden können, kommen anschliessend in weitläufige Rehabilitationsbereiche. Eine Umgebung, die ihrem ursprünglichen Lebensraum entspricht, mit ähnlichen Böden, Pflanzen, klimatischen Bedingungen und natürlichen Zyklen. Genau das ist zentral. San Acan will Schildkröten nicht in künstlicher Umgebung halten, sondern ihnen Bedingungen bieten, unter denen sie artspezifisches Verhalten wiedererlangen, ihre Gesundheit stärken und ihre Fähigkeit zur Rückkehr in die Wildnis zurückgewinnen können.
Schildkröten, die bereit dafür sind, werden ausgewildert und weiter beobachtet. Tiere hingegen, die aufgrund langer Gefangenschaft, gesundheitlicher Probleme oder verlorener Überlebensfähigkeiten nicht mehr in die Natur zurückkehren können, finden in San Acan einen dauerhaften Zufluchtsort. Ein Ort, der grosszügig, naturnah und darauf ausgelegt ist, ihnen ein würdevolles Leben zu ermöglichen.
Der Name San Acan wurde gemeinsam mit Pablo Reyna gewählt, einer wichtigen Persönlichkeit der Kamiare-Gemeinschaft, die historisch in den Bergen von Córdoba lebte. Durch seinen Beitrag konnte das Projekt mit der kulturellen Erinnerung des Gebietes verbunden werden. San Acan bedeutet sinngemäss «Beschützer des Flusses» oder «Wegweiser des Wassers». Ein Bild, das Schutz, Natur und lokale Identität miteinander verbindet.
Ein ambitioniertes Projekt und eine lange verdrängte Verantwortung
San Acan ist ein ambitioniertes Projekt. Doch wir wissen mit Gewissheit, dass wir dieser Herausforderung gewachsen sind.
Über Jahrzehnte hinweg wurden Chaco-Schildkröten der Natur entrissen und als Haustiere verkauft. Heute wissen wir: Jedes verlorene Tier zählt. Bei einer langlebigen Art mit langsamer Fortpflanzung bedeutet jede einzelne Schildkröte, die aus der Wildnis verschwindet, einen schweren Schlag für Populationen, die ohnehin bereits unter Druck stehen.
Mit San Acan möchte die Fondation Franz Weber das Schicksal tausender Tiere verändern. Damit eine Beschlagnahmung nicht das Ende einer Geschichte ist, sondern der Beginn einer echten Chance auf Genesung und Schutz.
Schildkröten waren lange vor uns hier. Sie begleiteten die Geschichte der Erde und die Geschichte der Menschheit. Nun liegt es an uns, der heutigen Krise mit Verantwortung zu begegnen: sie zu schützen, ihnen ihren Platz in der Welt zurückzugeben und dafür zu sorgen, dass sie auch in Zukunft langsam, aber stetig, ihren Weg weitergehen können.