16.04.2020
Keith Lindsay

Das Leben der Elefanten

Beinahe geräuschlos, mit Schritten, die den Sand kaum berühren, trabt eine Gruppe Elefanten in einer Reihe zielstrebig einen ausgetretenen Pfad entlang. Die Tonnen schweren Riesen bewegen sich rasch, doch stets vorsichtig, und setzen ihre Füsse in einer Linie, die überraschend schmal ist für ein Tier von so gewaltiger Grösse, wobei sie ihr Körpergewicht über starkknochigen «Säulen» geschickt ausbalancieren.

Fressen, Trinken, Schlafen – wesentliche Aufgaben für ein Leben in der Wildnis
Da Elefanten einen immensen Kalorienbedarf decken müssen, führt sie ihre ständige Suche nach Nahrung von einem Ort zum nächsten: Durchschnittlich zehn Kilometer legen sie über bis zu drei Viertel des Tages verteilt zurück auf der täglichen Suche nach den besten Teilen der üppigsten Pflanzen. Saftige grüne Blätter oder trocknendes gelbes Gras, Kletterpflanzen, Kräuter und Blumen, reife Früchte, Zweigspitzen von Büschen, Rinden bevorzugter Bäume, Stängel, Wurzeln… was eben an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten des Jahres verfügbar und überlebenswichtig ist. Rupfen, Ziehen, Reissen, Schütteln – all das erfordert den Einsatz von Rüsseln, Stosszähnen oder Füssen, oder alles zusammen, um die Vielfalt der diversen Nahrungsmittel nutzen und verarbeiten zu können.
Elefanten brauchen eine Menge Nahrung, doch sie müssen auch trinken, entweder täglich oder mindestens jeden zweiten Tag, und sie benötigen essenzielle Mineralien, ebenso wie Orte, um sich zu wälzen, abzukühlen und auszuruhen. Es gelingt ihnen, während der heissesten Zeit des Tages ein oder zwei Stunden zu dösen und sich zwischen Mitternacht und der Dämmerung hinzulegen, um einige Stunden zu schlafen.
Häufig existieren für diese Ruhepausen bevorzugte Orte. Unter günstigen Bedingungen, wie in regnerischen Monaten, wenn an vielen Orten Nahrung und Wasser zu finden sind, suchen sie weitläufig nach den besten Ressourcen. Wenn die Wasservorräte schwinden und die Vegetation austrocknet, werden sie zurückhaltender. Am Ende der Trockenzeit sammeln sich die Elefanten innerhalb weniger Kilometer Entfernung von ständigen Wasserquellen.

Die Gärtner Afrikas
Wie alle Tiere entfernen sie auf ihrer Nahrungssuche Pflanzenteile. Da sie grosse Mengen fressen, führt diese Futtersuche zu einer Veränderung, Öffnung und Diversifizierung der Struktur von Pflanzengemeinschaften – mit nachhaltigen Auswirkungen auf die Lebensräume anderer Tierarten. Die Samen vieler Pflanzenarten werden von Elefanten mitgeführt und in reichhaltigem Dung eingepflanzt. Für einige Arten erfüllen nur die Elefanten diese Aufgabe. So sind sie tatsächlich die Architekten afrikanischer Savannen und Wälder – eine Schlüsselspezies, deren An- oder Abwesenheit eine Kettenreaktion für die anderen Pflanzen und Tiere in Gang setzt.

Elefantengedächtnis
Es gibt vieles, was Elefanten über Nahrung und andere Ressourcen wissen müssen, und dieses Wissen erwerben sie ein Leben lang. Die ältesten Tiere im sozialen Gefüge erinnern sich, wo zu bestimmten Zeiten und unter welchen Bedingungen das beste Futter zu finden ist, führen ihr Gefolge durch die Welt und geben so diese Informationen weiter.

Enge soziale Beziehungen, hoch entwickelte Sinne
Ihre geräuschlose Wegsuche wird nur dann unterbrochen, wenn sie untereinander grummeln, um den Kontakt aufrechtzuerhalten oder um ihre Absicht weiterzulaufen kundzutun. Oder – lauter – wenn sie mit einem engen Bekannten, den sie in den Tagen ihrer Trennung vermissten, wiedervereint sind. Bei diesen Gelegenheiten kann die Luft von Trompetenstössen und tiefem Grollen erfüllt sein, wenn sie ihrer Freude über das Wiedersehen Ausdruck verleihen. Kommt es zum Streit, stossen sie manchmal hörbar beleidigt die Luft aus oder geben Warnungen in Frequenzen unterhalb des menschlichen Gehörs ab. Kälber machen mehr Lärm: Sie quäken und quieken und hupen. Die Rufe enthalten Elemente höherer und niedrigerer Frequenzen, von denen einige ebenfalls unterhalb des menschlichen Hörvermögens liegen. Diese Rufe können viele Kilometer weit wahrnehmbar sein und von sich durch den Boden fortpflanzenden seismischen Schwingungen begleitet sein. Elefanten sind imstande, die Rufe von Verwandten, Freunden, Bekannten, Feinden und Fremden zu erkennen – Experimente mit abgespielten Lauten ergaben, dass Elefanten Hunderte von verschiedenen Individuen erkennen. Sie wissen wahrscheinlich ziemlich genau, wo viele ihrer abwesenden Gefährten sich aufhalten, einfach, indem sie deren weit entfernten Geräusche hören und überwachen.
Der Geruchsinn von Elefanten ist wahrscheinlich noch besser als ihr Gehör. Mit ihren über den Boden schlenkernden Rüsseln stossen sie ständig auf Geruchsfährten, die andere Arten, die sich in derselben Umgebung aufhalten wie sie, und andere Elefanten, die vor ihnen da waren, gelegt haben.
Treffen sie sich, gehört es zu ihrem Begegnungs- und Begrüssungsritual, die Rüssel auszustrecken, um ihre Artgenossen, deren Mäuler und andere
Körperöffnungen zu riechen, um sich wieder miteinander vertraut zu machen und die neuesten Nachrichten über die von ihren Nachbarn aufgenommene Nahrung oder ihre körperliche Verfassung zu erfahren. Männchen beschnuppern den Urin der von ihnen aufgesuchten Weibchen, um die Pheromone, die die Phase des Reproduktionszyklus angeben, einzuschätzen, und Weibchen erhalten ähnliche Informationen über die Männchen. So besitzen Elefanten ein ständiges Bewusstsein für die sie umgebenden Gerüche, das die Welt, die sie sich über Laute erschliessen, vervollständigt, und zwar in weit höherem Mass als ihr eingeschränktes Sehvermögen.

Matriarchat und einzelgängerische Männchen
Die Gesellschaft der Elefanten besteht in Wirklichkeit aus zwei unterschiedlichen Lagern der getrennt lebenden Geschlechter, deren Leben sich überlappen. Die Weibchen bleiben von Geburt an zusammen, während die Männchen losere, doch häufig dauerhafte Verbände mit anderen Männchen bilden und
sich nur von Zeit zu Zeit weiblichen Herden anschliessen. Weibchen leben eng mit ihren Schwestern, Müttern, Tanten und Cousinen zusammen sowie
mit Freundinnen, die entweder durch gemeinsame Interessen oder Respekt zusammenfinden oder sich in Notzeiten vereinigen, wenn ihre Familienmitglieder sterben und sie alleine zurückgelassen werden. Männchen leben in anderen Gebieten und verbringen die meiste Zeit mit Fressen oder Zweikämpfen, in denen sie halbernst ihre Kräfte messen. Wenn sie älter werden, treffen sie sich nur dann mit Weibchen, wenn sie paarungsbereit sind.

Eine Familienangelegenheit
Kälber werden nach einer 22 Monate dauernden Trächtigkeit geboren und mit Trompetenstössen und Tanzeinlagen begrüsst. Sie kämpfen sich auf die Beine, laufen fast direkt nach ihrer Geburt und werden so Teil der Welt ihrer Familien, die unaufhörlich in Bewegung ist. Sie werden von ihren Müttern, aber auch von älteren Schwestern, Tanten und Cousinen umsorgt, die sie vor Gefahren wie Raubtieren, unebenen Böden und Wasser beschützen, und zugleich geduldig auf ihre Verspieltheit und ihren Drang, andere Elefanten und ihre Umgebung zu erkunden, eingehen. Dieses «Allomothering», d. h. die Unterstützung der Mutter durch andere Weibchen, gewährt den Müttern eine Pause und gibt den jüngeren Weibchen die Gelegenheit, zu lernen und die Praxis zu erwerben, die sie eines Tages für die Versorgung ihrer eigenen Kälber benötigen. Elefanten wachsen in einer ebenso sicheren wie stimulierenden Umgebung auf, da sie ganz allmählich an die Adoleszenz und das anschliessende Erwachsensein herangeführt werden. Sie erwerben die Fähigkeiten, sich zu ernähren und in der Gesellschaft der Elefanten zurechtzufinden, die für ihr Überleben und Gedeihen unerlässlich sind. Würden sie solche Lebenskompetenzen und die Einzelheiten ihrer Umgebung nicht erlernen, kämen sie nur schwer zurecht. Stirbt eine Elefantenmutter und hinterlässt ein Kalb innerhalb seiner ersten zwei Lebensjahre, so wird es wahrscheinlich eingehen, da ihm die Muttermilch fehlt – die Kooperation der Elefantenweibchen geht selten so weit, dass sie fremde Kälber säugen. Doch Kälber, die älter als zwei Jahre sind, können überleben, wenn die Familie intakt ist. Ältere Jungtiere und verwandte Erwachsene können die Fürsorge übernehmen.
Meint es das Schicksal gut mit den Familien, wachsen sie über die Jahre. Ihr Zusammenhalt ist eng, doch irgendwann – besonders in Trockenzeiten – führen unterschiedliche Prioritäten oder Nahrungskonkurrenz dazu, dass sie sich entlang der Mutter-Tochter-Linien trennen. In Zeiten des Überflusses vereinigen sie sich wieder in Familien und Grossfamilien sowie mit befreundeten, nicht mit ihnen verwandten Familien. In den guten regenreichen Zeiten findet man riesige Ansammlungen mit Dutzenden Familien und Hunderten Individuen vor, während sie sich in Trockenzeiten in der Nähe von Flüssen oder Wasserstellen drängen.
Juvenile männliche und weibliche Elefanten entwickeln schon früh unterschiedliche Verhaltensweisen. Junge Männchen entfernen sich immer weiter von ihren Müttern, beschäftigen und erproben sich in gemeinsamen Spielen und raufen mit anderen. Treffen Familien in grösseren Gruppen zusammen, machen sich die männlichen Kälber sofort auf, um die anderen Jungtiere kennenzulernen. Mit etwas über zehn Jahren verbringen sie immer mehr Zeit selbständig und entfernt von der Familie. In diesem Stadium – und manchmal auf einen Schubs von den älteren Weibchen hin – werden sie unabhängig und reihen sich unter die Junggesellen ein.

Die Männchen und ihre Hormone
Erwachsene Männchen leben die meiste Zeit des Jahres getrennt von den Familien und sind damit beschäftigt, sich zu ernähren und Energiereserven aufzubauen. Sind sie in Form, erreichen sie, insbesondere während der Regenzeiten, eine «Musth» genannte Phase, in welcher der Hormonspiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron in die Höhe schnellt. Dann treten über einige Wochen oder Monate Aggressionen an die Stelle der freundlichen Kameradschaft. Männchen in der Musth trampeln ostentativ herum, verspritzen stechenden Urin – mit Chemikalien, die anzeigen, dass sie zu allem bereit sind – und suchen nach brünstigen Weibchen. Die Weibchen wiederum wollen während ihrer kurzen, lediglich einwöchigen Ovulationszeit von diesen Männchen gefunden werden und sammeln sich in grossen Gruppen. Treffen Männchen in der Musth auf andere Männchen, stossen sie sie weg; geraten zwei Musth-Bullen aneinander, taxieren sie sich lange Zeit gegenseitig. Letztendlich kann es jedoch zum Kampf um das Paarungsrecht kommen, manchmal mit tödlichem Ausgang.

Natürliche – und weitaus weniger natürliche – Sterblichkeit
Ist es Elefanten gelungen, ein hohes Alter zu erreichen, stellen sie möglicherweise fest, dass ihre letzten verbliebenen Zähne die grobe Nahrung, die sie in Massen zu sich nehmen müssen, nicht länger zermalmen können. Ihre Energie erschöpft sich allmählich und sie sterben in einem friedlichen und stattlichen Alter. Diese Zeit kann für Afrikanische Elefanten in ihren 60ern kommen. Verknappt sich jedoch das Nahrungsangebot drastisch, wie in Dürreperioden, kann die Mortalität erheblich steigen. Die kleinsten Kälber, insbesondere diejenigen, die noch die Milch ihrer Mütter benötigen, trifft es am härtesten: Sie sind die ersten Opfer. In extremen Dürrezeiten laufen jedoch selbst juvenile und erwachsene Tiere Gefahr zu sterben, wenn sie nicht ausreichend Nahrung in einer Wasserstellen-Entfernung finden, die innerhalb eines Tages bewältigt werden kann. Diese Tode sind zwar bedauerlich, aber natürlich und bilden eine Form der Populationsbegrenzung. Manchmal wandern die Elefanten auch aus dicht bevölkerten Gebieten ab, verlassen die Schlüsselregionen auf der Suche nach besseren Möglichkeiten an anderen Orten. Viele sterben bei diesem Besiedelungsversuch, doch die erfolgreichen Tiere erschliessen sich so einen neuen Lebensraum.
Andere Elefanten sterben, wenn gelegentlich Krankheiten ausbrechen. Ihr schlimmster Feind ist jedoch der Elfenbeinhandel, also der Tod durch Menschenhand. Stossen Elefanten auf den Körper eines toten Artgenossen, besonders eines Verwandten, werden sie ernst und feierlich. Sie harren still bei dem Kadaver aus, wobei sie oftmals seine Knochen berühren und sanft bewegen. Es ist bekannt, dass Elefanten die Kadaver mit Zweigen oder anderen Pflanzen bedecken. Ganz offensichtlich sind sie tief bewegt.

Intelligente und sensible Geschöpfe
Obschon sie sich in vielerlei Hinsicht deutlich von uns unterscheiden, zeigen sie viele ähnliche Verhaltensweisen, wie sie allen intelligenten, geselligen und komplexen Tiere zu eigen sind – darunter auch Gefühle wie Freude und Sorge und die Fähigkeit, Probleme zu lösen und sich die Lösungen zu merken. Aufgrund der Strukturen ihrer Gesellschaft, der engen sozialen Beziehungen, die sie knüpfen, und ihrer Reproduktionsanforderungen bedeutet jeder gewilderte Elefant, jedes seiner Familie entrissene Elefantenkalb eine Katastrophe für die gesamte Herde und somit eine Gefahr für den Arterhalt. Auch die Ökosysteme sind durch das allmähliche Verschwinden der Afrikanischen Elefanten bedroht.
Die Elefanten bilden eine Nation, die Seite an Seite mit uns lebt. Und wir müssen uns bemühen, sie zu verstehen, mit ihnen zusammenzuleben und sie zu schützen. Andernfalls könnten sie in nur ein bis zwei Jahrzehnten ausgestorben sein.

 

Projektseiten der FFW zum Thema Elefantenschutz: