02.04.2020
Matthias Mast

«Wir waren immer auf Augenhöhe»

Franz Weber gilt als der erste Umweltschützer. Doch er war nicht allein! Seine Kämpfe für die Umwelt und die Tiere focht er immer zusammen mit seiner Ehefrau aus. In der vorliegenden Ausgabe erinnert sich Judith Weber an ihre aussergewöhnliche Lebens- und Liebesgemeinschaft mit Franz.

48 Jahre lang standen Sie, Judith Weber, an der Seite Franz Webers, als Lebenspartnerin und als Mitstreiterin für die Tiere und die Umwelt. Mit welchem Gefühl erleben Sie die ersten Weihnachten ohne «Ihren» Franz?
Judith Weber (JW): Ich denke in diesen Adventstagen besonders oft an ihn. Weihnachten war für Franz sehr wichtig, wir feierten stets am Heiligabend im traditionellen Rahmen, zusammen mit unserer Tochter Vera sowie Verwandten und Freunden. Zum Abschluss besuchten wir jeweils die Mitternachtsmesse in St. Maurice VS.

Im Jahre 1971 trafen Sie den damals bereits berühmten Umweltschützer Franz Weber. Erinnern Sie sich noch an diesen ersten Augenblick des Kennenlernens?
JW: Und wie! Es war auf einem Bauernhof, auf dem Meierhof am Sempachersee. Franz wurde von Bauern um Hilfe gerufen, wegen der geplanten Autobahn A2 oder N2, wie man sie dazumal nannte, die durch wertvolles Kulturland führen sollte. Dank Franz’ Kampagne wurde die Linienführung positiv verändert, unter anderem mit zwei Tunnels. Diese so genannte «zweite Schlacht von Sempach», wie Franz sie nannte, bildete auch den Auftakt zu seiner ersten nationalen Volksinitiative «Demokratie im Nationalstrassenbau».

War es Liebe auf den ersten Blick?
Ja, wenn Sie diesen doch ziemlich abgedroschenen Ausdruck bemühen wollen. Franz Weber war für mich der Inbegriff eines schönen Mannes, mein Interesse galt daher nicht nur dem berühmten Umweltschützer, dem Retter des Engadins, sondern auch dem Mannsbild (schmunzelt). Rückblickend würde ich unsere erste Begegnung als ein unwiderstehliches Aufeinanderzugehen bezeichnen.

Und Sie wurden ab da in seinen Kampf für die Umwelt eingebunden?
Ich erinnere mich an seine erste an mich direkt gerichtete Frage: «Was machen Sie für die Erde?» An meine Antwort erinnere ich mich nicht mehr, jedoch an seine Bemerkung zum Abschied: «Vielleicht arbeiten wir ja eines Tages zusammen.» Unsere Begegnung war unser Schicksal. Ich machte automatisch seine Sache sofort zu meiner eigenen Sache. Ebenso war es bei Franz, er machte meine Sache zu seiner.

Was heisst das?
Franz konzentrierte sich zu dem Zeitpunkt, als wir uns kennen lernten, auf den Kampf gegen die Zerstörung der Landschaft. Doch von unserem ersten Zusammentreffen an machte er auch meine brennende Liebe zu den Tieren zu seiner eigenen.

Aus dem Umwelt- und Landschaftsschützer wurde demnach dank Ihnen auch der Tierschützer Franz Weber?
So hat er das immer gesagt. Es mag vielleicht unbescheiden tönen, aber auf die Idee für seine erste Tierschutz-Kampagne, der nach wie vor weltberühmte Kampf gegen die brutale Abschlachtung der Robbenbabys, habe ich ihn gebracht. Ich begleitete ihn auf seinen ersten Reisen nach Kanada, als Co-Kampagnenleiterin und vor allem als Interview-Partnerin für viele Fernsehstationen, da Franz im Unterschied zu mir der englischen Sprache nicht mächtig war.

Weshalb stand dann immer nur Franz Weber und nicht Sie im Vordergrund?
Nun, bei unseren Auftritten in Kanada und auch in New York stand, wie bereits erwähnt, ich im Zentrum des Interesses der Medien. Hier in Europa war der Name Franz Weber einfach zu bekannt, ja bereits eine Marke, da hatte es nicht noch Platz für eine Judith (lacht). Das hat mich aber nie gestört, ich kannte meinen Stellenwert, so konnte ich Franz’ dominantes Wesen problemlos akzeptieren.

Da denkt man automatisch an die starke Frau hinter dem erfolgreichen Mann…
Das war bei Franz und mir nicht der Fall. Ich stand nicht hinter ihm, sondern ich stand ihm zur Seite. Wir bildeten eine Liebes- und Lebensgemeinschaft auf Augenhöhe.

Judith Weber, die gleichberechtigte Ehefrau und Assistentin des berühmten Franz Weber?
Vielleicht sollte man eher sagen: Franz war der Aussenminister und ich die Innenministerin, doch zusammen bildeten wir die Regierung, und dies fast 50 Jahre lang (lacht). Das Wesen von Franz war einzigartig gut für Auftritte in der Öffentlichkeit. Denn Franz kannte keine Angst, die Höchsten und Mächtigen anzusprechen und zu verärgern und oft auch deren Zorn zu erregen. Seine Furchtlosigkeit befreite viele Menschen von ihrer Angst.

Der Name Franz Weber stand und steht für zahlreiche Kampagnen für den Schutz der Umwelt und der Tiere. Ist es jemals vorgekommen, dass er eine Idee oder ein Projekt präsentierte, bei dem Sie sagten: Nein, da mache ich nicht mit?
Das gab es nie! Sie müssen wissen, dass wir immer alles miteinander besprochen haben, vom Anfang bis zum Ende. Und das täglich von morgens früh bis abends spät. Manchmal war es für uns beide gar nicht mehr ersichtlich, wessen Idee es war, eine bestimmte Kampagne zu lancieren. Bei unserer Arbeit waren wir wie ein einziges Ich. Und zusammen standen wir alles durch, sei es beim stunden- und tagelangen Unterschriftensammeln auf der Strasse gegen den zerstörerischen Autobahnzubringer in Ouchy bei Lausanne oder bei heftigen Angriffen in den Medien.

Eine Autobahn durch das malerische Ouchy kann man sich aus heutiger Sicht nicht vorstellen. Sie aber mussten damals gegen eine Autobahneuphorie ankämpfen.
Und auch gegen eine Baueuphorie. Man stelle sich einmal den Lavaux vor ohne die Franz-Weber-Initiativen oder Delphi in Griechenland und Les Bauxde-Provence, die jetzt verschandelt wären mit Beauxit-Förderfabriken, und erst die von einem Kraftwerk zerstörten Donau-Auen. Grauenhaft!

Ehrenbürger in Delphi. In seinem ehemaligen Wohnort Montreux ist eine Diskussion im Gange, einen Park oder einen Platz nach seinem berühmten Einwohner zu benennen.
Ob es einmal so weit kommt, ist ungewiss. Sie sagen ja selber, dass man darüber diskutiert, die Meinungen gehen also auseinander…

Stört Sie das?
Nein, wir waren immer Gegenstand von Diskussionen (lacht). Wenn Franz ein physisches Denkmal erhält, freut mich das selbstverständlich. Aber viel wichtiger ist, dass er in den Herzen der Menschen ein Denkmal erhält.

Wie sieht das Franz-Weber-Denkmal in den Herzen aus?
Franz Weber hatte die wunderbare, ja die wahrhaft vom Himmel gesandte Fähigkeit, Verzagte aufzurichten, Mutlose mit Hoffnung zu erfüllen und Kampflust in jene hineinzujagen, die schon am Aufgeben waren.

Und auf gleicher Höhe wie das Franz-Weber-Denkmal müsste auch das Judith-Weber-Denkmal stehen…
(lacht) Wenn schon, gäbe es nur ein Denkmal: das Franz-und-Judith-Weber-Denkmal!

Wie möchten Sie in den Herzen der Menschen in Erinnerung bleiben?
Als die Ehefrau und Freundin, die ihren Ehemann und Freund bei allen Aufgaben liebend und intellektuell begleiten und oft auch überzeugen durfte, als gleichberechtigte Beraterin und Mitstreiterin. Franz und ich waren ein Paar durch dick und dünn.

  • Dieses Interview wurde erstmals im Journal Franz Weber 130 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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