06.07.2026
Leïla Ezzat

Blue Salmon – nachhaltiger Lachs made in Switzerland?

Im Kanton Glarus will das Unternehmen Swiss Blue Salmon AG eine riesige Aquakulturanlage auf bisher unbebautem Gelände errichten. Das Ziel? Die Produktion von mehr als 2’500 Tonnen «Swiss made»-Lachs pro Jahr, die angeblich etwa 10 Prozent der Inlandnachfrage decken soll. In Spitzenzeiten sollen bis zu 1,5 Millionen Lachse in der Zuchtanlage gehalten werden. Weit davon entfernt, «nachhaltig» zu sein, würde diese Produktion die Umwelt massiv belasten – auf Kosten des Tierwohls.

Was bei der Lachszucht auf dem Spiel steht

Fisch ist für über drei Milliarden Menschen weltweit eine wichtige Proteinquelle. Doch die Ozeane und Binnengewässer geraten durch Überfischung, Umweltverschmutzung und Klimawandel zunehmend unter Druck: Mehr als ein Drittel der wildlebenden Fischbestände ist heute überfischt. Die eigentliche Herausforderung besteht also nicht darin, natürliche Lebensräume noch intensiver zu nutzen, sondern darin, aquatische Proteine zu gewinnen, ohne dabei die Ökosysteme weiter zu zerstören.

Etwa die Hälfte der von Menschen verzehrten Fische stammen mittlerweile aus Aquakulturen. Doch hinter der scheinbaren «Nachhaltigkeit» verbergen sich zahlreiche Umweltprobleme, insbesondere bei der Zucht fleischfressender Arten wie Lachs. Vor allem offene Netzgehege stehen in der Kritik, da sie Gewässer verschmutzen und Wildbestände gefährden, während geschlossene Zuchtsysteme einen hohen Bedarf an Energie und Wasser haben. Das Schweizer Projekt «Blue Salmon» löst eine Debatte über die Grenzen der Massentierhaltung von fleischfressenden Fischen aus.

Das Projekt der XXL-Lachsfarm Blue Salmon in der Schweiz

Wildlachs, der lange Zeit nur in gehobenen Restaurants auf den Tisch kam, steht heute unter starkem Druck, was zu einer Ausweitung der Aquakultur (sogenannter «Zuchtlachs») geführt hat, vor allem in Norwegen, Schottland und Chile. In der Schweiz ist der Lachsverzehr innerhalb von zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen, wobei die Fische grösstenteils importiert werden und aus Zuchtbetrieben im Ausland stammen.

Vor diesem Hintergrund plant die Swiss Blue Salmon AG den Bau der bislang grössten Aquakulturanlage des Landes: Das Unternehmen will 170 bis 200 Millionen Franken in eine Lachsfarm mit geschlossenem System investieren, in der 2’500 Tonnen Lachs pro Jahr produziert werden sollen, was etwa 10 Prozent des nationalen Bedarfs ausmacht. Die Anlage soll sich über eine Fläche von 25’000 Quadratmetern erstrecken, wobei das Gebäude selbst etwa 17’000 Quadratmeter umfassen soll. Geplant sind zwei jeweils 106 Meter lange Hallen.

Das Projekt Blue Salmon verspricht viel, nämlich «Nachhaltigkeit», «Reinheit» und «Tierwohl». Doch die Realität hinter diesem strahlenden Image sieht ganz anders aus. Denn das Unternehmen würde beträchtliche Mengen an Energie für seine Lachsfarm benötigen und will das Wasser zur Kühlung der Anlage aus dem Walensee abpumpen. Zudem besteht die Gefahr, dass Abwärme und biologische Abfälle ein empfindliches Ökosystem beeinträchtigen, das sich in unmittelbarer Nähe des Naturschutzgebiets, Hüttenböschen-Seeflechsen, befindet.

Fakten, die verschwiegen werden: Herkunft der Eier

Die Swiss Blue Salmon AG unterschlägt in ihren Informationen zu dem Projekt jedoch ein wichtiges Detail: Die Eier für die Lachszucht stammen nicht aus der Schweiz. Denn der Atlantische Lachs ist in der Schweiz nicht heimisch, weswegen die Eier importiert werden müssten – aus Island. Auch Lucky Shrimp bezog die Larven für seine – zum Scheitern verurteilte – Garnelenzucht von einer österreichischen Farm. Ein ähnliches Szenario zeichnet sich für Blue Salmon ab (siehe unten).

Zuchtlachse fressen wildlebende Fische

Von den Auswirkungen vor Ort einmal abgesehen, steht die Lachszucht auch international in der Kritik, da sie auf Fischmehl und Fischöl aus Wildfängen angewiesen ist, die mindestens 20 Prozent der Futterrationen ausmachen. Das Image einer «effizienten» Produktion – insbesondere im Vergleich zur Fleischproduktion – täuscht über den enormen Druck auf die kleinen pelagischen Fische hinweg, die massenhaft gefangen werden, um Aquakulturanlagen mit Futter zu versorgen, darunter Sardinen, Sardellen, Makrelen und Heringe.

Eine 2024 in der Fachzeitschrift Nature Food veröffentlichte Studie verdeutlicht die Grenzen dieses Modells: Die Forscherinnen und Forscher zeigen, dass über Wildfische mehr essenzielle Mikronährstoffe (Omega 3, Selen, Jod, Vitamin D und B12) in die Produktionskette gelangen als letztendlich im Zuchtlachs enthalten sind. Mit anderen Worten: Die kleinen Fische, die zur Herstellung von Futter für Zuchtanlagen verwendet werden, sind nährstoffreicher als der daraus gewonnene Lachs. Um diese Abhängigkeit zu verringern, ersetzt die Fischzuchtindustrie nach und nach einen Teil der verfütterten Meeresfische durch pflanzliche Proteine, vor allem Soja – was erneut negative Auswirkungen auf die Umwelt hat, wie Entwaldung und Bodenumwandlung.

Tierleid hinter geschlossenen Türen

Das Tierwohl ist ein weiteres zentrales Thema, das in der Diskussion über industrielle Aquakultur oft zu kurz kommt. In einem 2025 veröffentlichten Bericht prangert die NGO Compassion in World Farming International die Lebensbedingungen in Zuchtanlagen mit geschlossenem System (RAS) an. Die Dichte der darin gehaltenen Fische ist extrem hoch: In den Anlagen leben durchschnittlich dreimal so viele Tiere wie in ihrem natürlichen Lebensraum – in Spitzenzeiten bis zu 1,5 Millionen Lachse.

Die Folgen sind eine Verschlechterung der Wasserqualität, erhöhter Stress sowie Verhaltens- und physiologische Störungen wie Appetitlosigkeit, verlangsamtes Wachstum, Verdauungsprobleme und sogar Kannibalismus.

Im Bericht wird zudem vor der hohen technischen Anfälligkeit dieser komplett künstlich angelegten Anlagen gewarnt. Ein Ausfall der Filteranlage, mangelnde Sauerstoffversorgung oder Probleme bei der Entgasung können innerhalb weniger Stunden zu einem Massensterben führen, bei dem hunderttausende Fische verenden. Hinzu kommen der permanente Lärm der Pumpen, das Fehlen einer natürlichen Umgebung und die Tatsache, dass die Tiere sich nicht artgerecht verhalten können.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass Fische fühlende Wesen sind, die Schmerz und Angst empfinden können. Auf blosse Produktionseinheiten in geschlossenen Industrieanlagen reduziert, geraten sie bei der Debatte um «nachhaltigen Lachs» ins Hintertreffen.

Die Stunde der Entscheidung

Blue Salmon befindet sich in der Schweiz derzeit in einer entscheidenden administrativen Phase. Der Verein Fair Fisch hat innerhalb der Frist für die öffentliche Auflage Einsprache eingelegt und eine Petition lanciert. Nun muss die Gemeinde eine Entscheidung treffen.

Die Fondation Franz Weber begrüsst die Schritte, mit denen sich Fair Fisch gegen das Projekt Blue Salmon zur Wehr setzt. Allen technologischen Versprechen und Marketingmassnahmen zum Trotz ist diese Art von Anlage mit schwerwiegenden ethischen und ökologischen Problemen verbunden: Tierleid, erhöhter Druck auf die wildlebenden Meeresressourcen, Anlegen von künstlichen Lebensräumen und enormer Energieverbrauch.

Weit davon entfernt, «nachhaltig» zu sein, gefährdet die Intensivhaltung von Lachs unsere Umwelt, unsere Landschaften und die Würde der Tiere.

Erstaunlicher Lachs

Der Atlantische Lachs lebt die ersten zwei bis fünf Jahre seines Lebens in seinem Heimatfluss. Bevor er ins Meer hinausschwimmt, stellt sein Körper ihn von Süss- auf Salzwasser um – Kiemen und Darm passen sich an, damit er nicht austrocknet. Nach eins bis vier Jahren auf dem offenen Ozean kehrt er zurück, um in seinem Geburtsfluss zu laichen. Der Laichakt ist meist das letzte Kapitel seines Lebens – nur sehr wenige Lachse (unter fünf Prozent) überleben die Strapazen dieser Reise.

In der geplanten Zuchtanlage in Mollis hingegen wird ihm all dies verwehrt: Dort lebt der Lachs nur rund zwei Jahre und verbringt sein gesamtes, kurzes Leben im Süsswasser.

Quellen:

1. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO). The State of World Fisheries and Aquaculture 2024 (SOFIA 2024). Rome: FAO; 2024. https://www.fao.org/documents/card/en/c/ca2801en

2. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO). FAO releases the most detailed global assessment of marine fish stocks to date [communiqué en ligne]. Rome: FAO; [s. d.]. https://www.fao.org/newsroom/detail/fao-releases-the-most-detailed-global-assessment-of-marine-fish-stocks-to-date/en

3. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO). World fisheries and aquaculture production. In: The State of World Fisheries and Aquaculture 2024 (SOFIA 2024) [ressource en ligne]. Rome: FAO; 2024. https://openknowledge.fao.org/server/api/core/bitstreams/1273bc36-339b-43d2-8163-af4d805f2ad2/content/sofia/2024/world-fisheriesaquaculture-production.html

4. WWF Suisse. Consommer du poisson en respectant l’environnement : conseils au quotidien [page web]. Gland: WWF Suisse; [s. d.]. https://www.wwf.ch/fr/vie-durable/consommer-du-poisson-en-respectant-lenvironnement-conseils-au-quotidien

5. World Wildlife Fund (WWF). Farmed salmon [page web]. Washington (DC): WWF; [s. d.]. https://www.worldwildlife.org/our-work/oceans/sustainable-seafood/farmed-seafood/farmed-salmon/

6. Tlusty MF, Tausig H, Taranovski C, Jeans M, Tyedmers P, et al. Reframing the sustainable seafood narrative. Glob Environ Change. 2019;57:101991. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2019.101991

7. Aas TS, Åsgård T, Ytrestøyl T. Utilization of feed resources in the production of Atlantic salmon (Salmo salar) in Norway: an update for 2020. Aquac Rep. 2022;27:101316. https://doi.org/10.1016/j.aqrep.2022.101316

8. Willer DF, Watts M, Little DC, et al. Wild fish consumption can balance nutrient retention in farmed fish. Nat Food. 2024. https://doi.org/10.1038/s43016-024-00932-z

9. Agrociwf. Issues of intensive recirculating aquaculture systems (RAS): literature review 2025 [rapport PDF]. 2025. https://www.agrociwf.fr/media/fpodigep/issues-of-intensive-recirculating-aquaculture-systems-ras-2025-literature-review.pdf

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