27.10.2020
Alejandra Garcia

Equidad: ein Pferdeleben!

Viele von Ihnen interessieren sich für die Pferde unseres argentinischen Gnadenhofs Equidad und fragen uns, wie denn der Alltag der Pferde aussieht, die weder als Reit- noch als Nutztiere dienen. Die Antwort ist einfach: Sie leben ganz einfach ihr Leben! Und zwar aus praktischen ebenso wie aus weltanschaulichen Gründen.

Da die meisten unserer Schützlinge Überlebende schwerster körperlicher und seelischer Misshandlungen sind, sind sie häufig nicht in der Verfassung, geritten zu werden. Gleichzeitig – und vor allem – folgt die Entscheidung, die Pferde nicht zu «nutzen», einem Grundsatz, der unserer tiefsten Überzeugung entspricht: Tiere müssen für den Menschen nicht zwangsläufig nützlich sein. In Argentinien geht nichts ohne Pferde. Sie sind ein zentraler Bestandteil der traditionellen Kultur und Feste, und als Gefährten der «Gauchos», der berühmten berittenen Viehhüter – dem argentinischen Äquivalent der Cowboys –, nicht wegzudenken. Auch in verschiedenen Sportarten kommen sie zum Einsatz, insbesondere beim «Pato», dem mit dem Polo verwandten argentinischen Nationalsport. Darüber hinaus sind die Tiere wertvolle Partner für die Arbeit in den Städten und auf den Feldern. Doch obwohl das Pferd allgegenwärtig ist, kennt die Gesamtheit der argentinischen Gesellschaft dieses Tier und seine Bedürfnisse letztendlich nicht gut. Das wollen wir ändern!

Achtung der Grundbedürfnisse 
Daher ist es uns auf unserem Gnadenhof Equidad ein Anliegen, dass die Pferde hier wieder das werden dürfen, wofür sie geschaffen sind: Freie Herdentiere. Um glücklich und gesund zu sein, haben Pferde ganz bestimmte Bedürfnisse: Sie müssen sich unablässig bewegen, mit ihren Artgenossen zusammen sein und nach Herzenslust fressen können. Auf Equidad haben wir alles daran gesetzt, diese Prinzipien zu achten und die Bedürfnisse unserer Schützlinge – die durch die Hölle gingen und sich ihr Dasein und ihre karge Kost ein Leben lang hart verdienen mussten – bestmöglich zu befriedigen.

Sensibilisieren, damit es nicht länger nötig ist, Pferde zu retten
Wir haben uns eine doppelte Aufgabe gestellt: Zum einen möchten wir unseren Pferden ein perfektes Leben bieten, zum anderen verfolgen wir ein pädagogisches Ziel. Indem wir regelmässig Inhalte über die sozialen Netzwerke verbreiten, wollen wir das Bewusstsein der Argentinierinnen und Argentinier dafür schärfen, die Ursachen der Tierquälerei zu beseitigen. Sollen sich die Lebensbedingungen der Pferde in Argentinien nachhaltig verbessern, müssen alle mitmachen! Natürlich ist es essenziell, diejenigen Tiere zu retten und aufzunehmen, für die es bereits zu spät ist. Doch weitaus effektiver ist es, Missständen vorzubeugen, um künftige Tragödien zu verhindern.

Mythen entlarven 
Zum Glück sind wir nicht mehr als einzige der Ansicht, dass es notwendig ist, die Pferdebesitzer mit den Bedürfnissen ihrer Gefährten vertraut zu machen. Immer mehr Forschende führen heute Studien über die Bedürfnisse von Pferden durch.
Denn neben echten Misshandlungen und grausamen Übergriffen, die keinen Zweifel an den bösen Absichten derer lassen, die sie verüben, existiert auch eine subtile und «unsichtbare» Form der Tierquälerei. Letztere rührt daher, dass Menschen, welche die Bedürfnisse ihrer Pferde nicht kennen, ihnen das vorenthalten, was für die Tiere am wichtigsten ist.
Und dies meist mit den besten Absichten!

Die Vermenschlichung vermeiden
Nehmen wir zum Beispiel die Pferdebox. Viele Reiterinnen und Reiter glauben, ein Leben in der Box bedeute für das Pferd Komfort. Einige scheuen keine Mühe, um die Behausung ihres Pferdes zu dekorieren und es mit besonders weichem Einstreu und Spielzeugen zu beglücken. Doch auch wenn diese Menschen aufrichtig davon überzeugt sind, das Wohlbefinden ihres Gefährten sicherzustellen, leugnen sie leider nur seine wahre Natur, die das Pferd dazu veranlasst, lieber draussen im Regen zu stehen als sein Leben in einem winzigen Kerker zu verbringen. Ein Pferd im Regen oder im Winter auf der Weide zu lassen, ist für viele Halter, die ihre eigene, menschliche, Vorstellung von Bequemlichkeit auf das Tier projizieren, Tierquälerei. Doch aus Sicht des Pferdes ist – bis auf wenige Ausnahmen – das Gegenteil der Fall!
Das Gleiche gilt für die Interaktion zwischen Pferden. Wie wir wissen, sind Pferde Herdentiere, so dass es für ihr Glück und ihr seelisches Gleichgewicht unerlässlich ist, sie mit ihren Artgenossen zusammenzubringen. Das Problem dabei: Die Spiele werden von ihren Besitzern oftmals als Kämpfe missdeutet, weshalb viele ihrem Pferd ein Leben in der Herde verweigern. Obschon die Spiele und der Austausch manchmal äusserst brutal und im Falle eines Kampfes sogar tödlich enden können, sind sie für die Pferde unverzichtbar.

Turnierpferde sind traurige Pferde 
Auch wenn der Schein trügt, ist die Realität für Turnierpferde, deren Wert manchmal in die Millionen geht, gar noch grausamer: Da die Besitzer nichts so sehr fürchten, als dass ihre Champions sich verletzen und nicht mehr rennen können, enthalten die meisten Trainer oder Besitzer ihren Tieren den Ausgang und den Kontakt mit etwaigen «Kumpels» vor und holen sie nur aus dem Stall, um sie arbeiten zu lassen – also selten mehr als zwei Stunden am Tag. Für diese Menschen zählt der Geldwert mehr als das grundsätzliche und primäre Wohlergehen ihres Wettkampftiers». Um ihr Gewissen zu beruhigen und die Moral der betroffenen Pferde zu stärken, die häufig Verhaltens- und Gesundheitsprobleme entwickeln (stereotypes Verhalten, Nervosität, Geschwüre, usw.), verwöhnen viele Besitzer ihre Tiere zum Ausgleich wie in einem Spa. Für die Pferde ist das wahrscheinlich nicht unangenehm, und der Öffentlichkeit vermittelt diese Pflege den Eindruck, dass die tierischen Athleten leben wie Paschas. Doch keine Massage der Welt macht den Verlust der Freiheit wett.

Das Verhältnis zum Pferd muss sich wandeln
Das Bewusstsein für die Grundbedürfnisse dieser Tiere zu schärfen ist unerlässlich. Unser wichtigstes Anliegen ist es, darüber hinaus das Verhältnis der Menschen zu den Pferden zu ändern. Auf Equidad warten wir nicht erst das Fazit der Wissenschaft ab, um dann die Empfehlungen der Forschenden in die Tat umzusetzen. Wir müssen nicht auf unseren Pferden reiten, um wundervolle Momente mit ihnen zu verbringen: Die Tiere sind uns nichts schuldig! Auf dem Gnadenhof leben wir mit rund 140 Pferden und Eseln zusammen. Indem wir unsere Schützlinge beobachten und für sie sorgen, bemerken und leben wir die Dinge, für deren wissenschaftliche Niederschrift die Forschenden mehrere Jahrzehnte brauchten, jeden einzelnen Tag.
Bei uns interagieren die Pferde ungehindert, spielen viel, baden im Teich und haben 24 Stunden täglich freien Zugang zu Nahrung und Wasser. Wir haben keine Boxen, lediglich Gehege, die als Krankenstation fungieren, wenn ein Tier ärztliche Pflege benötigt. Kurz: Die Pferde leben ihr Leben, und ihr Dasein auf dem Gnadenhof ist ihrer Natur angepasst. nicht der unseren!

  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 133 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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