12.12.2020
Dr. Diana Soldo

«Wir müssen die Wälder vor uns Menschen schützen»

Nicht nur die Wälder in Indonesien, Brasilien, Kongo und Polen brauchen dringend Schutz. Auch unseren Wäldern hier in der Schweiz müssen wir Sorge tragen. Der Klimawandel und der Biodiversitäts-Verlust zwingen uns dazu, unseren Umgang mit dem Wald zu überdenken und zu verändern – weg vom Gedanken des «Selbstbedienungsladens».

Wälder bestehen nicht nur aus Bäumen. Sie sind Lebensräume für unzählige Pflanzen-, Tier- und Pilzarten. In unseren Wäldern leben über
20 000 Arten, über deren Interaktionen und Zusammenhänge wir nach wie vor nur wenig wissen – Ökosysteme sind so komplex, dass wir sie wohl nie vollumfänglich verstehen werden. Es ist alles vernetzt, alles interagiert, Pflanzen tauschen Informationen aus, Pilze bilden riesige Netzwerke, Tiere kooperieren mit Pflanzen. Den Wäldern verdanken wir unsere Landschaft, unser Wasser, unser Klima: Der Wald bildet Humus und schützt den Boden vor Erosionen. Er speichert Kohlendioxid und produziert Sauerstoff. Er reinigt die Luft und schwächt Stürme ab. Er speichert, filtriert und transpiriert Wasser und bildet so Trinkwasser und Wolken. All dies sind Ökodienstleistungen, von denen wir restlos abhängig sind.

Kein Selbstbedienungsladen
Der Klimawandel und der Biodiversitätsverlust bedrohen unsere Wälder und unsere Weltgesellschaft gleichermassen. Sich diesen globalen Bedrohungen zu stellen bedeutet gleichzeitig, dass wir unseren Umgang mit dem Wald überdenken. Wir müssen aufhören, den Wald als Selbstbedienungsladen zu betrachten und immer wieder einzugreifen, sondern müssen ihn als System wahrnehmen und entsprechend
bewahren. Wir müssen uns ernsthaft mit unseren Schweizer Wäldern befassen – es geht ums Überleben unseres Waldes, und damit gleichzeitig um unser Überleben.

Die immer grösseren und schwereren Maschinen verdichten den Boden, so dass kaum noch Wasser und Sauerstoff gespeichert werden kann. Bäume werden für die Verbrennung in unseren Heizanlagen oder den Export nach China im Minutentakt gefällt und entastet. Bäume, die hunderte, wenn nicht sogar tausende Jahre alt werden könnten, werden im Schnitt vor ihrem hundertsten Geburtsjahr gefällt. Aus diesem Grund sind in unseren Wäldern in der Zwischenzeit alte Bäume, die so viele ökologische Funktionen haben, kaum noch anzutreffen.

Gelichtete Stellen sind der Sonnenstrahlung ausgesetzt, die den Boden austrocknet. Für viele Lebewesen bedeutet dies den Tod. Oft nutzen invasive Pflanzen-, Tier und Pilzarten die Gelegenheit, um sich auszubreiten. Junge Waldbäume, die sonst im Schatten und im Schutz grösserer Bäume gedeihen, wachsen zwar schneller, weil mehr Licht zur Verfügung steht, sind gleichzeitig aber schwächer und halten Hitze, Trockenheit und Stürme weniger gut aus, womit sie anfälliger für Krankheiten und Schädlinge sind.

Menschenhand schwächt den Wald
Weil die Zerstörung der natürlichen Lebensräume zu einem massiven Artenverlust geführt hat, wird heute im Wald eingegriffen, um die Biodiversität zu fördern. Die Biodiversität muss aber nicht gefördert, sondern vor uns geschützt werden. Es ist nicht der Mensch, der die Biodiversität erzeugt – es ist die Natur. Es ist nicht möglich, isoliert einzelne Arten zu retten, wenn gleichzeitig hunderte andere zum Verschwinden gebracht werden – weil alles miteinander verbunden ist, weil alles interagiert. Der Wald ist eine Lebensgemeinschaft, nicht eine Zooanlage, wo einzelne Arten gepflegt werden müssen. Bäume fällen und neue zu pflanzen ist nicht die Lösung, es ist die Ursache des Problems. Was bedeutet das konkret? Wir sollten so weit wie möglich nicht mehr in Waldsysteme eingreifen, um sie nicht noch mehr aus dem natürlichen Gleichgewicht zu bringen: Wir müssen ihre Widerstandskraft fördern, indem wir sie nicht zusätzlich belasten. Wir wissen inzwischen, dass Wälder mehr CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen, wenn wir nicht in ihr System eingreifen. Kleine Bäume können nicht mit grossen mithalten – so braucht es zum Beispiel 150 kleine Bäume, um die gleiche Menge Sauerstoff eines grossen alten Baumes zu produzieren.

Waldschutz neu gedacht
Wir können es uns nicht mehr leisten, in diesem Ausmass Böden zu belasten, Bäume zu fällen und Flächen zu lichten. Wenn wir Holz ernten, dann muss dies schonender und rücksichtsvoller geschehen. Wir müssen mit unseren Wäldern anders umgehen – und zwar jetzt: Wir müssen die Wälder vor uns Menschen schützen.

 

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