19.01.2017
Natalia Parra

Die FFW baut an der neuen Friedens-Ära mit

Der Friedensprozess in Kolumbien bietet dem Land gewaltige Chancen. Die Fondation Franz Weber baut mit an der Zukunft des Landes. Geschlossene
Kreisläufe und Ökotourismus sollen dabei helfen, das einzigartige Naturerbe Kolumbiens nachhaltig zu bewahren.

Die Vielfalt der Ökosysteme und Lebensräume Kolumbiens ist beispiellos. Von verschneiten Gipfeln über Nebelwälder, Trockenwälder, Mangrovenwälder, Tropenwälder, Feuchtgebiete, Flusslandschaften und Savannen bis hin zur Küste beherbergt der lateinamerikanische Staat eine unglaubliche Fülle an unterschiedlichen Lebensräumen. Kolumbien gehört zu den drei «megadiversesten» Ländern der Erde.

Mit 1921 Vogelarten leben hier weltweit die meisten verschiedenen Federtiere, und mit 537 Reptilienarten belegt Kolumbien weltweit Platz drei.
Es gibt hier 803 Amphibien und 492 Säugetierarten, rund 300000 wirbellose Tierarten und 3435 Fischarten (Meerund Süsswasserfische). Mit
41000 Pflanzenarten steht das Land am Äquator an zweiter Stelle. Obwohl Kolumbien nur ein Prozent der Landmasse der Erde ausmacht, beherbergt das Land zehn Prozent der Artenvielfalt. Es weist weltweit die grösste Pflanzen- und Tierartendichte pro Quadratkilometer auf.

Land der Vielfalt
Die Vielfalt der Lebensräume verbunden mit der bewegten Geschichte macht Kolumbien auch zu einem Land mit grosser ethnischer und kultureller Vielfalt. Über 80 Ethnien bevölkern Kolumbien, angefangen bei den ursprünglichen indigenen Völkern. Dazu kommen infolge der spanischen Kolonialisierung Bewohner mit europäischen Wurzeln und Afrikanisch-Stämmige, deren Vorfahren einst als Sklaven verschleppt wurden. Dieses Paradies der Vielfalt war über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte aber auch eine Hölle für Mensch und Tier. Die spanische Kolonialisierung brachte Ausbeutung, Vertreibung und Vernichtung mit sich. Mit der Unabhängigkeitsbewegung erfassten Kämpfe das gesamte
Land. Praktisch während des gesamten 19. Jahrhunderts befand sich Kolumbien in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Allmählich verlagerte sich die Auseinandersetzung auf Kämpfe zwischen Grossgrundbesitzern und Kleinbauern, Zentralisten und Föderalisten, Konservativen und Liberalen, zwischen Militär, Rebellen und Drogenkartellen sowie auf Machtkämpfe untereinander.

Die Folgen der Abstumpfung
Die Natur blieb von den Auswirkungen der grausamen Kämpfe natürlich nicht verschont. Bomben trafen nicht nur Menschen und deren Siedlungen, sondern hatten auch verheerende Auswirkungen auf Wasser, Wald und Wiesen mit all ihren Bewohnern. Die psychische Abstumpfung der Menschen infolge des Kriegs ermöglichte bestialische Akte, auch gegen Tiere. Ehemalige Kämpfer schildern uns, wie ihre Befehlshaber sie zwangen, Tiere grausam zu töten und deren Blut zu trinken. Um Menschen töten zu können, sollte zuvor jedes Mitgefühl getilgt werden. Tiere wurden auch als Waffen missbraucht, etwa Esel oder Hunde als Bombenträger. Heute kommen wieder Hunde zum Einsatz: zum
Entschärfen von Minen.

Bei Vertreibungen blieben Tiere oft zurück. Sie verwilderten, starben oder gerieten in die Hände von Schlächtern und Sadisten. Zudem bedeutet das Zurücklassen geliebter Haustiere insbesondere für Kinder eine zusätzliche emotionale Entwurzelung. Untersuchungen belegen, dass in Regionen, wo besonders viele Massaker stattfanden, sadistische Handlungen oder gesellschaftlich akzeptierte Formen der Tierquälerei wie
Stier- oder Hahnenkämpfe häufiger sind.

Schutz für Naturschätze
Paradoxerweise haben die Auseinandersetzungen zwischen Regierung, Rebellen und Drogenbaronen Kolumbiens Naturschätze teilweise auch bewahrt. Weite Landstriche blieben von der Verwüstung durch Holzfäller, Minenfirmen, Agrarmultis, Viehzüchter, Goldgräber, Strassenbauer, Jäger und andere verschont, da sich diese oft nicht in die von Rebellengruppen kontrollierten Waldgebiete trauten. Dies darf sich mit dem Friedensprozess nicht ändern! Seit sechs Jahren treiben die Regierung des Friedensnobelpreisträgers Juan Manuel Santos und die Revolutionärsvertreter der FARC («Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia») den langwierigen Friedensprozess voran. Ein nunmehr vom Kongress unterzeichnetes Abkommen zur Abrüstung und Überführung der Guerilla in die Zivilgesellschaft misst auch der Bewahrung von Kolumbiens Naturschätzen grosses Gewicht bei.

Am Wendepunkt
Dieser Wendepunkt bietet Kolumbien eine einmalige Chance. Und er ruft uns, die Umwelt- und Tierschützer der Fondation Franz Weber, auf den Plan. Natürlich unterstützen wir den Friedensprozess vorbehaltlos. Wir sehen unsere Aufgabe vor allem darin, beratend bei der Umsetzung des Abkommens mitzuwirken. Jetzt, in der Nachkrisenzeit, müssen sich alle Parteien um nachhaltiges Handeln bemühen. Dies muss unbedingt beinhalten, die in Kolumbien noch erhaltenen Naturschätze und bis heute intakten Gebiete als nationales Erbe zu bewahren.

Unsere Aufgabe liegt darin, aufzuzeigen, dass die Bewahrung des kolumbianischen Naturerbes nicht nur eine Investition in eine nachhaltige Zukunft bedeutet, sondern auch grosses ökonomisches Potenzial birgt. Sanfter Tourismus statt Ressourcenausbeutung lautet unser Motto. Dieses Konzept in Verbindung mit der Sensibilisierung von Einheimischen und Gästen für geschlossene Kreisläufe, Fairtrade, Bio-Anbau und vieles mehr kann vielen Kolumbianern genau da Arbeit bieten, wo sie früher zu den Waffen griffen. Vielen ländlichen Gemeinden erschliessen
sich somit neue Einnahmequellen. Selbst Zeugnisse vergangener Konflikte sind für den Ökotourismus nutzbar, sei es ein Fluchttunnel oder ein ehemaliger Kriegskorridor. So wird für die Besucher der Wandel Kolumbiens greifbar. Vom Exerzierplatz zum Garten. Von der Waffe zur Kamera. Von der Verfeindung zur Versöhnung. Von der Hölle zum Paradies.

 

Weitere Informationen:

  • Unsere Projektseite «Umweltfrieden in Kolumbien»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 119 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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