22.03.2024
Anna Zangger

Die traurige Geschichte der Elefantenkuh «Heri» im Zoo Basel

Voller Stolz verkündete der Zoo Basel die bevorstehende Niederkunft eines Elefantenbabys. Bereits zuvor hatte die Fondation Franz Weber (FFW) öffentlich vor den Risiken der Schwangerschaft der 47-jährigen Elefantenkuh «Heri» gewarnt. Mitte Dezember des vergangenen Jahres kam dann die traurige Nachricht: Das Baby ist im Bauch seiner Mutter gestorben. Fazit: Einmal mehr stellt der Zoo seine Unkenntnis und Inkompetenz bei der Haltung und Zucht von Elefanten unter Beweis.

Heri ist eine afrikanische Elefantenkuh, die 1976 im Kruger Nationalpark in Südafrika geboren wurde. 1979, mit nur drei Jahren, wurde sie gefangen und in den Zoo Hannover gebracht, bevor sie 1988 schliesslich in den Zoo Basel umgesiedelt wurde. Dort lebt sie nun also seit fast 36 Jahren eingesperrt am selben Ort – auch wenn ihr Gehege inzwischen renoviert wurde. Vom «normalen» Leben eines afrikanischen Elefanten hat sie keinerlei Vorstellung: Da sie schon als Baby ihrer Herde entrissen wurde, hat sie nur das traurige Leben in Beton, Kälte, Isolation, erzwungenen Interaktionen mit anderen, für sie fremde, Elefanten und den Zoobesuchern, Langeweile und Trauer kennengelernt. Bereits 2004, als sie 28 Jahre alt war (ein hohes Alter für ein erstes Baby) versuchte der Zoo Basel, eine Schwangerschaft herbeizuführen. Ein Fehlschlag mit einem totgeborenen Elefantenbaby als Ergebnis.

Ohne in Vermenschlichung verfallen zu wollen, kann man sich doch vorstellen, was das für jedes Lebewesen bedeutet – erst recht für ein grosses, intelligentes Säugetier, dessen Gehirn mit dem der Grossaffen verglichen wird. Ohne soziale Bezugspunkte, ohne Erfahrung, ohne jemals eine erfolgreiche Geburt im Schoss der Herde miterlebt zu haben, muss der Stress, den Heri bei ihrer ersten gescheiterten Schwangerschaft empfand (von ihrer emotionalen Belastung ganz zu schweigen!) enorm gewesen sein.

Tusker: Das Männchen, das dem «Zolli» Glück bringen sollte

Doch der Basler Zoo beliess es nicht dabei. Im April 2021 nahm er mit grossem Tamtam den afrikanischen Elefantenbullen Tusker auf, der 1992 ebenfalls im Kruger Nationalpark geboren wurde, 1995 eingefangen und in die Zoos von Europa gebracht wurde. Sein Transfer nach Basel hatte einen ganz bestimmten Zweck: den drei Elefantenweibchen des Zoos die Fortpflanzung zu ermöglichen. Seine Umsiedlung hätte schon 2017 stattfinden sollen, musste jedoch verschoben werden, da Tusker mit Tuberkulose in Berührung gekommen war. Bei seiner Ankunft wurde offenbar nichts unternommen, um die anderen Elefanten vor einer möglichen Ansteckung zu schützen. Im Gegenteil, ihre Begegnung wurde im Rahmen des Zuchtprogramms des Zoos noch gefördert!

Für den Zoo eine Überraschung: Heri wurde trächtig

Im Januar 2023 verkündete der Basler Zoo seine «Freude» über die Entdeckung, dass Heri trächtig war. Nach dreissig Jahren erfolgloser Zuchtversuche würde der «Zolli» endlich ein Elefantenbaby willkommen heissen können. Laut dem Zoo waren alle Voraussetzungen für einen reibungslosen Ablauf der Geburt erfüllt, was die FFW sofort in einer Pressemitteilung in Frage stellte, in der sie ihre extreme Besorgnis über diese Ankündigung äusserte.

Biologe und Elefantenexperte, Keith Lindsay, mit dem die FFW seit vielen Jahren zusammenarbeitet, hatte das Sterblichkeitsrisiko für das Elefantenbaby sogar als «ausserordentlich hoch» eingeschätzt. Dies insbesondere aufgrund Heris reifen Alters, ihrer mangelnden Erfahrung (sie hatte erst ein Mal, im Jahr 2004, ein – totes – Baby zur Welt gebracht), dem Fehlen älterer Weibchen, die ihr hätten beistehen können, und der Wetterbedingungen bei der Geburt (mitten im Winter). Tomas Sciolla, Experte der FFW für die Erhaltung der Biodiversität und die Transformation der Zoos wies zudem darauf hin, dass der Zoo Basel, welcher bereits seit 150 Jahren besteht (seit 1874), lediglich zwei lebensfähige Elefantenkälber in seiner langen Geschichte verzeichnete.

Tusker erkrankte an Tuberkulose und wurde eingeschläfert

Eine weitere «Überraschung» ereignete sich für den Zoo: Im August 2023 entdeckte er, dass Tusker bereits seit Monaten an Tuberkulose litt (erinnern wir uns daran, dass seine Umsiedlung verschoben werden musste, weil er dem Virus ausgesetzt worden war) und daher eingeschläfert werden «musste». Ganz offensichtlich war nichts unternommen worden, um ihn beim Auftreten der ersten Symptome von den drei Elefantenkühen, vor allem von Heri, deren Schwangerschaft dem Zoo bekannt war, zu isolieren. Dr. Lindsay, der im Juni 2023 den Zoo besuchte, bemerkte, dass der Bulle geschwächt wirkte. Dies hätten die Tierärzte des Zoos ebenfalls schon viel früher feststellen müssen, um eine Ansteckung der anderen Elefanten zu verhindern.

Erneut prangerte die FFW in einer Pressemitteilung die Untätigkeit und Inkompetenz des Basler Zoos an und forderte, die Haltung von Elefanten und vor allem das Zuchtprogramm für sie zu beenden. In diesem Zusammenhang erklärte ein weiterer Fachmann, mit dem die FFW zusammenarbeitet, Dr. David Perpiñan, Tierarzt und Experte für Zoomedizin: «Laut mehreren Studien lassen sich die meisten Fälle von Tuberkulose bei Elefanten auf die menschliche Form der Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosum) zurückführen und werden somit vonMenschen auf Elefanten übertragen». Das bedeutet, dass diese Krankheit überwiegend Elefanten betrifft, die Kontakt mit Menschen hatten, sprich, in Gefangenschaft leben.

Tuskers Tod war keineswegs «Pech», sondern eine Folge der Haltungsbedingungen in Zoos.

Besorgniserregende Anzeichen

Am 20. November 2023 äusserte die FFW in einem Brief an den Zoo Basel ihre Besorgnis über Heris Gesundheitszustand. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung hatten den Zoo mehrmals besucht und an der Elefantenkuh, die kurz vor dem Ende ihrer Schwangerschaft stand, äusserst besorgniserregende Anzeichen festgestellt. Die FFW erinnerte den Zoo daran, dass die Richtlinien der EAZA (European Association of Zoos and Aquariums) für Elefanten nicht empfehlen, Elefantenkühen, die älter als zwanzig Jahre sind und keine Erfahrung mit der Fortpflanzung haben, die Trächtigkeit zu ermöglichen (Heri war bei ihrer ersten missglückten Schwangerschaft 28 und dieses Mal 47). Zudem seien Dr. Lindsay zufolge «die Risiken für das Elefantenkalb und die Kuh klar beschrieben, sodass es schwer nachzuvollziehen ist, warum der Basler Zoo als Mitglied der EAZA sich entschieden hat, diese Empfehlungen zu ignorieren und die Schwangerschaft zuzulassen.»

Ausserdem bot die FFW dem Zolli Unterstützung durch ihre Experten (Biologen und Tiermediziner) an, damit die Geburt trotz der Risiken unter bestmöglichen Bedingungen stattfinden hätte können. Der Zoo bequemte sich zu einer fünfzeiligen Antwort, in der er das Schreiben der FFW als «irritierend und scheinheilig» bezeichnete und bekräftigte, dass er sich über die anstehende Geburt freue und mit den Risiken bestens vertraut sei.

Die Tragödie

Vielleicht hätte der Zoo es sich zweimal überlegen sollen, bevor er das Hilfsangebot der FFW so kategorisch ablehnte. Am 15. Dezember 2023 veröffentlichte der Zoo eine Pressemitteilung, in der er erklärte, dass das sehnlichst erwartete Elefantenbaby im Bauch seiner Mutter kein Lebenszeichen mehr von sich gebe und Heris Zustand kritisch sei. Die FFW reagierte natürlich unverzüglich und verurteilte diese absolut vorhersehbare Tragödie.

Später präzisierte der Zoo, dass sich der Zustand der Mutter schliesslich glücklicherweise stabilisiert habe, das tote Elefantenkalb jedoch in ihrem Bauch verblieben sei, was dem Zoo zufolge vollkommen normal und für die Mutter kein Problem sei. Denn entweder werde es «auf natürliche Weise» ausgeschieden oder es verbliebe in ihrem Bauch wie ein «Stein in ihrem Magen». Man glaubt, sich verhört zu haben! Seitdem herrscht Funkstille im Zoo.

Tatsächlich sind die Risiken für die Mutter nicht bekannt und können keineswegs ausgeschlossen werden. Was noch wichtiger ist: Diese Situation, vor der die FFW bereits vor einem Jahr gewarnt hatte, wäre vermeidbar gewesen, wenn man die Befruchtung einer älteren und unerfahrenen Elefantenkuh durch einen Bullen, der mit Tuberkulose in Berührung gekommen war, verhindert hätte. Dazu hätte man Massnahmen ergreifen müssen, um Heri während ihrer Schwangerschaft vor einer Exposition mit der Krankheit zu schützen, und dazu hätte man vor allem ein Zuchtprogramm beenden müssen, das der Erhaltung der Art in keiner Weise nützt. Die Elefanten in unseren Zoos werden schlichtweg niemals ausgewildert. Sie verbringen ihr gesamtes Leben in zu kleinen Gehegen unter ungünstigen klimatischen Bedingungen und sind den Launen der Zoos unterworfen, die um jeden Preis Babys haben wollen, um die Besucherzahlen zu steigern… und ihren Profit.

In der Schweiz halten nur noch der Zoo Basel sowie die Zoos von Zürich und Rapperswil Elefanten. Es ist an der Zeit, darauf komplett zu verzichten.


Welche Alternativen gibt es für die in Zoos gehaltenen Elefanten?

Die Elefanten in den Schweizer Zoos haben nicht viele Alternativen zu ihrem traurigen Leben in Gefangenschaft. Sie können nicht sinnvoll ausgewildert werden, da sie nicht mehr an das Leben in der Wildnis angepasst sind. In Europa – und zwar in Frankreich – existiert nur ein Gnadenhof für Elefanten. Anders als die Zoos, deren einziges echtes Ziel es ist, das Publikum zu unterhalten, um Gewinne zu erzielen, stellen Gnadenhöfe das Tierwohl in den Mittelpunkt. Sie verfügen über grosse Grünflächen, die es den Elefanten erlauben, zu ihrem natürlichenVerhalten zurückzukehren: Die ständige Suche nach Nahrung (vor allem nach Gras), die freie Bildung von sozialen Gruppen oder die Möglichkeit, unerwünschten sozialen Interaktionenaus dem Weg zu gehen, usw.

Der Gnadenhof in Frankreich ist jedoch zu klein, um alle in Europa in Gefangenschaft lebenden Elefanten aufzunehmen. Es läuft ein Projekt für einen Gnadenhof in Portugal, was für die Befreiung all dieser Dickhäuter jedoch ebenfalls nicht ausreichen wird. Fest steht, dass die Zoos aufhören müssen, freilebende Elefanten zu importieren und ihre Programme für die Zucht in Gefangenschaft beenden müssen, damit wenigstens in Zukunft kein Elefant mehr das Schicksal seiner gefangenen Artgenossen erleiden muss.

Wirre Erklärungen

Während der Zoo im Januar 2023 versicherte, dass alle Voraussetzungen für eine reibungslose Geburt erfüllt seien, erklärt er nun, dass er sich der Risiken immer bewusst gewesen sei. Was davon soll man nun glauben? Die wiederholten «Überraschungen», mit denen der Zoo sich offenbar konfrontiert sieht (Befruchtung von Heri durch Tusker, obwohl sie als zu alt galt, Krankheit und Tod von Tusker, Tod des Elefantenbabys, usw.) zeugen eher von Unkenntnis der Biologie von Elefanten sowie von Inkompetenz bei der Haltung und Zucht der Tiere. Beweis dafür ist die Tatsache, dass der Zoo in mehr als dreissig Jahren keine einzige erfolgreiche Geburt eines Elefanten verzeichnen konnte. Zusätzlich sind in diesem Zeitraum mindestens sechs Elefanten in Basel gestorben, die totgeborenen Kälber nicht mitgerechnet.

Heris Fall wird politische Konsequenzen haben

Nicht nur die FFW macht sich Gedanken um die Haltung der Elefanten im Zoo Basel, insbesondere von Heri. So reichte Christine Keller, Mitglied des Grossen Rats von Basel-Stadt, im Januar 2024 eine Anfrage an den Bund ein, um Antwort auf eine Reihe von Fragen zu erhalten, die nicht nur Heri betreffen, sondern auch das Orang-Utan-Weibchen Revital, das 2023 gestorben war, wenige Tage, nachdem es ein Baby geboren hatte. Das Neugeborenewurde letztendlich vom Zoo eingeschläfert, da es angeblich keine ausreichenden Überlebenschancen hatte.

Die Antworten des Kantons, vor allem des Bundesamts für Veterinärwesen, sind, gelinde gesagt, enttäuschend. Demnach seien die «Standards» vom Zoo eingehalten worden, es sei keine Massnahme gegen den Zoo geplant, die Zucht «bereichere» das Leben von Elefanten in Gefangenschaft und die Zoos seien generell von Bedeutung für den Arterhalt. Auf die Entscheidung, Heri mit einem möglicherweise kranken Bullen zusammenkommen zu lassen, obwohl sie angesichts der Risiken für Mutter und Kind nicht noch einmal trächtig werden durfte, wird überhaupt nicht eingegangen. Grossrätin Keller will es nicht dabei bewenden lassen: Sie wird weiterhin unbequeme Fragen stellen, und zwar im Rahmen des Gremiums, das die Subventionen des Kantons Basel-Stadt für den Zoo prüfen wird.

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