21.10.2020
Leonardo Anselmi

Ein Tag, der die Welt veränderte

Die Gegner des Stierkampfs feierten am 28. Juli 2020 den 10. Jahrestag der Abschaffung der Corrida in Katalonien. Der Kraftakt der Bürgerplattform «PROU!» und ihren Partnern, darunter die Fondation Franz Weber (FFW), veränderte nicht nur das Leben der Stiere in dieser Region. Die gewaltigen Anstrengungen offenbarten zugleich die Macht der Demokratie mit Mitsprache-Recht. Zudem wurden Tierschützer auf der ganzen Welt zur Nachahmung angeregt.

Freudentränen bei allen Menschen, denen das Schicksal der Tiere am Herzen liegt. Sie feierten die historische Abschaffung des Stierkampfs in Katalonien am 28. Juli 2010. Auch die Stierkampf-Anhänger weinten – jedoch vor lauter Wut. Welcher Schmach für diese mächtige Lobby, die enge Beziehungen zu den höchsten Instanzen Spaniens pflegt. Welch ein Symbol! Katalonien setzte ein starkes Zeichen, und setzte sich vom übrigen Spanien ab. Katalonien bewies: Im Land der Iberer – dort wo der Stierkampf aus der Taufe gehoben wurde – ist man imstande zur Barbarei nein zu sagen.

Ein historischer Sieg 
Für Maricinia Alvarez, eine engagierte venezolanische Stierkampfgegnerin, bedeutete dieses Gesetz die «Niederlage der Skepsis». Denn weltweit glaubten weder Anhänger noch Gegner des Stierkampfs daran, dass die tief verwurzelte Tradition eines Tages verschwinden könnte. Grund: eine mächtige und einflussreichen Elite verteidigte leidenschaftlich den Stierkampf.

Katalanische Bürger für Verbot 
Zwar hatten einige politische Gruppierungen versucht Initiativen zum Verbot des Stierkampfs vorzulegen, dies ohne Erfolg. Als jedoch eine Umfrage von 2007 ergab, dass sich eine erdrückende Mehrheit der katalanischen Bürger für ein Verbot dieses Spektakels aussprach, wurden die Weichen neu gestellt. Und als FFW und «PROUI!» feststellten, wie gross die Unterstützung der Öffentlichkeit war, bot sich eine unverhoffte Gelegenheit. Nun war es an uns zu entscheiden, wie wir diese Chance nutzen konnten.

Bürgerplattform «PROU!»
Das Zusammentreffen günstiger Umstände verlieh der Bewegung eine neue Dynamik. Zu dieser Zeit lief eine Gesetzesinitiative des Volkes (ILP) zum Verbot gentechnisch veränderter Erzeugnisse, die von zahlreichen Tierschützern unterstützt wurde. Wir nutzten dieses förderliche Klima zur Mobilisierung und zur Diskussion. In der Folge wurde die Bürgerplattform «PROU!» gegründet und lanciert – benannt nach dem katalanischen Wort «Genug!». Damals konnten wir uns die spätere Tragweite unserer Initiative nicht einmal ansatzweise vorstellen! Die Volksinitiative war die tödliche Waffe der Aktivisten: Der Kampf zur Abschaffung des Stierkampfs wurde nicht nur von einer isolierten und marginalisierten politischen Partei geführt – er brachte den Willen der gesamten Gesellschaft zum Ausdruck.

Barcelona wurde zum Vorbild 
Nicht nur der Tierschutz wurde durch diesen Sieg gestärkt – er ist zugleich ein Triumph der Demokratie. Barcelona wurde weit über seine Grenzen hinaus zum Vorbild: dieser Sieg ist eine glänzende Lektion für alle, die für eine bessere Welt kämpfen! Katalonien kann stolz sein: dort wurde ein Präzedenzfall geschaffen, von dem sich Tierschützer auf der ganzen Welt bei ihrem Vorgehen leiten lassen können. Und der Fall Kataloniens zeigte einmal mehr, dass das Volk die Macht hat, die Dinge zu verändern – wenn es aktiv wird!

Vera Weber im katalanischen Parlament 
Am 29. Juli 2010 trafen sich mehrere Mitglieder der Plattform «PROU!» mit der FFW-Präsidentin Vera Weber, welche die Plattform seit ihrer Gründung unterstützt hatte. Die FFW setzte sich damals bereits seit Jahren für die Abschaffung des Stierkampfs ein. Die Einladung ins katalanische Parlament, um dem «Anfang vom Ende» der Folter der Stiere beizuwohnen, sei eine grosse Ehre für sie gewesen, sagt Vera Weber. Die FFW und ihre Präsidentin waren schon immer davon überzeugt, dass es gelingen wird, den Stierkampf weltweit abzuschaffen. Deshalb schlossen sich bereits 2010 mehrere Mitglieder von «PROU!» dem FFW-Team an. Die Arbeit in den acht Ländern, wo Stierkämpfe stattfinden, wird vor Ort zusammen mit Organisationen weitergeführt.

Stierkampf-Anhänger zitterten
Nicht nur für die Tierschützer wurden am 28. Juli 2010 die Weichen neu gestellt. Zum ersten Mal zitterten die «aficionados» – die Stierkampf-Anhänger. Die Verfechter der Tierquälerei, welche unsere Bewegung lächerlich machte und uns als eine «Minderheit» abstempelte, musste nun auf die harte Tour erfahren, dass sie in der «Minderheit » sind. Seitdem ist die FFW und ihr starkes Team als effizienter und allgegenwärtiger Akteur an allen Prozessen zur Abschaffung des Stierkampfs auf der ganzen Welt beteiligt. Tatsächlich verlieh diese Volksinitiative der Stierkampf-Debatte eine neue Dimension: sie hob die Diskussion auf eine höhere Ebene, womit die Misshandlung und Folter der Tiere politische und gesellschaftliche grosse Bedeutung erhielt.

Der gesunde Menschenverstand hat gesiegt 
2016 hob das spanische Verfassungsgericht das Gesetz zum Verbot von Stierkämpfen in Katalonien auf. Doch bis heute fand seit Inkrafttreten dieses Gesetzes in Katalonien kein einziger Stierkampf mehr statt! Der gesunde Menschenverstand hatte eben gesiegt, daran kann auch ein Gericht nichts ändern. In der Mathematik ist ein Axiom eine als richtig erkannte Aussage, die keines Beweises bedarf. Im Volksmund könnte man von der «Theorie des gesunden Menschenverstands» sprechen. Wenn man eine Linie zwischen mehreren Punkten zieht, sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass sie miteinander verbunden sind. Implizit lässt sich daraus ableiten, dass es zwischen diesen Punkten zu einem Schneeballeffekt kommen kann. Auf den Kampf zur Abschaffung des Stierkampfs angewandt, ist die Theorie der Axiome eine perfekte Metapher für Katalonien. Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass Katalonien dank der Arbeit der Plattform «PROU!» und des FFW als Ausgangspunkt fungierte, der einen Kaskadeneffekt auslöste. Dort gelang es die Verbindung zwischen den verschiedenen Akteuren herzustellen und so die Wirkung ihrer Aktionen in der ganzen Welt zu vervielfachen.

Die Abschaffung der Grausamkeit 
«In Katalonien wurde die Bibel des Abolitionismus geschrieben», argumentierte der damalige kolumbianische Senator Camilo Sanchez, als er 2011 ein Gesetz zur Abschaffung des Stierkampfs im Kongress vorstellte. Mit diesen Worten fasste er die Vorträge zusammen, die Experten und Wissenschaftler im März 2010 vor dem katalanischen Parlament gehalten hatten. Laut Camilo Sanchez fand in Katalonien der Übergang von einer Debatte zwischen Stierkampf-Anhängern und -Gegnern zu einer Aussprache zwischen Stierkampf-Anhängern und Abolitionisten statt. Mit anderen Worten: man diskutierte nicht mehr über die Befürwortung oder Ablehnung des Stierkampfs, sondern über die Abschaffung oder Nicht-Abschaffung der Grausamkeit. In 15 Vorträgen legten «PROU!»-Experten dem Parlament die besten Argumente gegen den Stierkampf dar: Aus wissenschaftlicher, philosophischer, politischer, historischer, anthropologischer, kultureller sowie aus rechtlicher Sicht. Miteinbezogen wurde auch sogar die Meinung eines ehemaligen Stierkampf-Anhängers. Mit Hilfe dieser Vorträge wurde eine Argumentationsbasis geschaffen. Diese Grundlage gestattet es, jede einzelne der fadenscheinigen Geschichten zu widerlegen, welche Stierkampf-Anhänger gebetsmühlenartig wiederholen, um die grausame Tierquälerei zu rechtfertigen.

Dank FFW jetzt echte Reformen 
Der Domino-Effekt war damit noch nicht zu Ende. Auf der ganzen Welt, wo Stierkämpfe stattfinden, wurden immer mehr Slogans formuliert, die sich am «Katalonien-Effekt» inspirierten. Von Portugal bis Lateinamerika wurden Plattformen gegründet, um die abolitionistische Bewegung zu stärken. Die Zeit der sterilen Demonstrationen und des Dilettantismus war vorbei. Nach Katalonien sowie dank des beharrlichen Engagements der FFW – kann heute die Anti-Stierkampf-Bewegung echte Reformen vorschlagen. So waren in Mexiko, am Tag nach dem katalanischen Verbot, in einer der belebtesten Avenue Plakate mit dem Slogan «Folgen wir Katalonien – nicht dem Stierkampf» zu sehen. Das Ziel: mexikanische Politiker aufzufordern, Stellung zu beziehen. Nicht ohne Grund: in Mexiko befindet sich die grösste Arena der Welt, das Monumental, mit über 52 000 Plätzen!

In Siena sollen Pferderennen verboten werden
Da Katalonien kein Monopol auf Tierquälerei hat, diente das Gesetz in einigen Ländern als Anstoss, um das Engagement für ihre eigenen im Namen der Tradition misshandelten Tiere voranzutreiben: In der italienischen Stadt Siena hat ein traditionelles und archaisches Pferderennen von unerhörter Grausamkeit unter dem Namen Palio traurige Berühmtheit erlangt. Dabei kommen jedes Jahr mehrere Pferde zu Tode. Die damalige Tourismusministerin, Michela Brambilla, die das Schicksal der Tiere nicht gleichgültig liess, veröffentlichte im katalanischen Parlament folgende Erklärung: «Wenn Katalonien den Stierkampf verboten hat, können die Italiener auch Pferderennen wie den Palio von Siena verbieten.»

Referendum in Ecuador angenommen
Einige Monate später, Ende 2010, war Ecuador am Zug: es kündigte ein landesweites Referendum an, in dem das Volk über das Verbot von Spektakeln, bei denen Tiere getötet werden, entscheiden sollte. Dieses Referendum wurde in der Mehrheit der Regionen angenommen.

Auch Kolumbien führt jetzt Kampf gegen Corrida 
Ein anderes Land, das zum Vorreiter für diese Institutionalisierung der Abschaffungsdebatte wurde, ist Kolumbien. 2012 unterstützte der damalige Bürgermeister von Bogota, Gustavo Petro, den Kampf gegen die Corrida. Er wies wiederholt darauf hin, dass der Fall Katalonien ihn zur Nachahmung angeregt habe.

FFW hat die Anti-Stierkampfbewegung professionalisiert 
Die FFW und ihre Partner können stolz auf die geleistete Arbeit sein. Ihnen ist es zu verdanken, dass sich die Anti-Stierkampf-Bewegung professionalisiert und zu einer ernstzunehmenden Gegnerin der Stierkampf-Anhänger auf der ganzen Welt entwickelt hat. Das «katalanische Modell» hat überall seinen Stempel hinterlassen. Es hat dazu beigetragen, tausende von Stieren zu retten und die Debatte über Tiere menschlicher zu führen. Doch der Kampf ist noch längst nicht zu Ende: nicht nur, weil mächtige Lobbys weiterhin unsere Anstrengungen untergraben und der Stierkampf in acht Ländern noch immer praktiziert wird, sondern auch, weil er nicht die einzige verabscheuungswürdige Tradition ist, an der Stiere beteiligt sind.

Neuer Vorstoss gegen Correbous 
Die «Correbous» sind in Katalonien nach wie vor erlaubt. Bei diesen «Spektakeln» sterben die Stiere zwar nicht, doch die Qualen sind nicht akzeptierbar: Zuerst werden ihre Hörner angezündet, dann treibt man sie durch die Strassen, wo sie mit Seilen misshandelt werden. Deshalb unternahmen wir vor zwei Jahren einen neuen Vorstoss mit einer Plattform, der die wichtigsten Tierschutz-Organisationen Kataloniens angehören. 2019 nahm das Parlament einen Antrag an, dessen Ziel die Entwicklung von Massnahmen ist, die es erlauben, auch die Correbous zu verbieten. Zehn Jahre sind seit dem katalanischen Geniestreich vergangen: es ist an der Zeit, eine neue Heldentat zu vollbringen!