15.07.2021
Leonardo Anselmi

Gran Seaflower 2021: Ein Funken Hoffnung in der Karibik

Anfang 2021 haben die saisonalen Tropenstürme in der Karibik mit beispielloser Wucht gewütet und die Region entsprechend verwüstet. So gesehen stellt diese klimabedingte Naturtragödie eine Chance für die von der Fondation Franz Weber initiierte Kampagne «Gran Seaflower» dar – für den Schutz des Ökosystems und der Biodiversität.

Für die verschiedenen Küsten- und Inselregionen im Südwesten der Karibik stand der Jahresbeginn 2021 unter dem Zeichen des Wiederaufbaus: Die saisonalen Tropenstürme haben in den einzelnen Regionen grossen Schaden angerichtet. Die Regierungen erkannten auf brutale Weise, dass sie die Augen jetzt nicht mehr vor den sozialen Missständen und den Umweltbedingungen der afrokaribischen Gemeinschaften verschliessen konnten. In dieser Hinsicht sind die jüngsten Entwicklungen zu einem Treiber geworden, der dem Schutz der dortigen Korallenriffe und der damit verbundene Initiative «Gran Seaflower» einen kräftigen Schub verpassen könnte: Da wir von der FFW nun die Aufmerksamkeit der lokalen Regierungen haben, ist unsere Position in der Region gestärkt worden, sodass wir mehrere massgebliche Fortschritte erzielen konnten.

Historische Siege
Das Jahr 2021 hat in den Tropen vielversprechend angefangen. Im Grenzkonflikt mit Kolumbien hatte der Internationale Gerichtshof in Den Haag (2012) Nicaragua die Souveränität über eine bestimmte Gewässerzone zugesprochen. Dieses Gebiet erklärte die Nationalversammlung von Nicaragua im Februar 2021 zum Biosphärenreservat. Bezogen auf die Initiative «Gran Seaflower», bedeutet diese Erklärung zwei Siege für die Fondation Franz Weber. Zunächst zeigt es, dass das Hauptargument der Stiftung institutionell untermauert wurde: Von nun an ist offiziell anerkannt, dass Seaflower keineswegs einem einzigen Staat gehört und das noch nicht einmal juristisch. Ein weiterer bedeutender Fortschritt: Die nicaraguanische Regierung hat dank des Dialogs, der von der Fondation Franz Weber unter der Ägide des ehemaligen kolumbianischen Präsidenten Ernesto Samper initiiert wurde, endlich anerkannt, dass das Modell des UNESCO-Biosphärenreservats der beste Weg ist, das Ökosystem des Korallenriffs Seaflower wiederherzustellen und zu verwalten.

Ein schöner Durchbruch
Für Kolumbien, das bis jetzt als schlechter Schüler fungierte, indem es über drei Jahre lang den Richterspruch von Den Haag nicht anerkannte und gegenüber den Nachbarländern auf der «Verteidigung der Souveränität von Seaflower» beharrte, ist diese Erklärung eine Herausforderung. Im Anschluss an die gesetzgebende Entscheidung Nicaraguas trat ganz klar zutage, dass die kolumbianische Regierung die Initiative Seaflower bereits aufmerksam verfolgte und sich ausserdem verschiedene Begriffe zu eigen gemacht hatte, wie etwa «Westkaribik» oder «grenzüberschreitende Verwaltung des Schutzgebiets», was in Kolumbien noch nie da gewesen war.
Die kolumbianische Aussenpolitik hat tatsächlich ihre Sichtweise geändert, von der völligen Ablehnung bis hin zur Möglichkeit einer eventuellen Anerkennung des Urteils, mit der Option eines friedlichen Dialogs mit Nicaragua.

Gemeinsame Aktionen
In dieser für die Entwicklung so günstigen Situation ist es dem Team der Fondation Franz Weber gelungen, zum ersten Mal in 30 Jahren eine gemeinsame Erklärung der Inselbevölkerung von San Andrés, Providencia und Santa Catalina auf den Weg zu bringen. Das Communiqué beinhaltet ein Aktionsbündnis zwischen den verschiedenen Repräsentanten der Inseln. Diese beschwören die kolumbianische Regierung, den Dialog nicht nur mit Nicaragua zu führen, sondern auch mit den anderen Nachbarländern von Seaflower. Das von den zuständigen Behörden unterzeichnete Communiqué hat umso mehr Gewicht, als dass es von den wichtigsten Medien Kolumbiens verbreitet wurde. Die Resonanz war entsprechend gross.

Nach der Veröffentlichung und Übersetzung des Dokuments, die von der Fondation Franz Weber ermöglicht wurde, kontaktierte das kolumbianische Aussenministerium die Inselvertreter. Die Repräsentanten des Ministeriums bitten nun offiziell darum, die Initiative «Gran Seaflower» dem Vizeminister Francisco Echeverri zu unterbreiten.

Erster Besuch unter Iván Duques
Durch die Vermittlung der FFW reisten die Sprecher der Inselbevölkerung Graybern Livingston und Kent Francis nach Bogota zu einer diplomatischen Rundfahrt, die auf die Umweltzerstörung des Archipels aufmerksam machte. Es handelt sich dabei um die erste Reise seit zwei Jahren und vor allem auch die erste in das Land unter der Präsidentschaft von Iván Duques! Zu ihren vordringlichen Anliegen gehörten: Ein Treffen mit dem kolumbianischen Aussenministerium, eine Begegnung mit Hochschullehrern und einflussreichen Persönlichkeiten, die die Initiative «Gran Seaflower» unterstützen, ein Auftritt vor der Zweiten Kommission des Senats der Republik sowie ein Besuch bei allen nationalen Medien.

Obschon das Communiqué der Inselbevölkerung bereits vor dem Treffen mit dem Aussenministerium in den Medien verbreitet wurde, erwies sich die Begegnung als sehr positiv, insbesondere, weil die junge kolumbianische Regierung ihren Willen bekundete, friedliche Beziehungen mit Nicaragua zu pflegen. In Gegenwart von Mateo Córdoba, dem Vertreter der FFW, konnten die beiden Delegierten von den Inseln die Grundzüge des Projektes «Gran Seaflower» vor einer Versammlung wohlgesinnter Menschen präsentieren und ihr Publikum für die internationale Strahlkraft der Initiative sensibilisieren.

Der gute Wille
Aufseiten der Exekutive wurde das Ziel ebenfalls erreicht. Der Vizeminister für auswärtige Beziehungen erklärte sich voll und ganz einverstanden mit den geplanten Vorgehensweisen. Er stimmte auch zu, dass man weiterhin Vorkehrungen auf internationaler Ebene treffen solle, um die notwendigen Voraussetzungen für den Dialog zwischen den Nachbarländern zu schaffen. Der Vizeminister Echeverri betonte, dass sich der kolumbianische Staat und seine Botschaften in der Karibik letztendlich aufgeschlossen gezeigt hätten, eine Konfliktlösung auf friedlichem Wege zu suchen – und das beinhalte natürlich auch die gemeinschaftliche Verwaltung der verschiedenen marinen Ökosysteme.

Verhandlung auf San Andrés
Im Kongress wurde die Inseldelegation bei einer offiziellen Vorstellung der Initiative ebenfalls gut aufgenommen. Dies geschah während einer Sitzung der Zweiten Kommission des Senats, der mit den auswärtigen Angelegenheiten auf Gesetzgebungsebene betraut ist. Nach dieser Präsentation, die von der Fondation Franz Weber und den Inselbewohnern gemeinsam vorbereitet wurde, genehmigte die Kommission einstimmig, die Senatoren der regierenden Partei eingeschlossen, die Abhaltung einer öffentlichen Verhandlung auf der Insel San Andrés. Diese soll nur die Themen angehen, die mit einer allfälligen grenzüberschreitenden Verwaltung von Seaflower zu tun haben. Man darf also sagen: Endlich gibt es eine offizielle Verabredung mit den kolumbianischen Behörden zu einer öffentlichen Verhandlung im Juni 2021. In diesem Rahmen wird die Fondation Franz Weber eine Präsentation vor hochrangigen Entscheidungsträgern der kolumbianischen Regierung veranstalten.

Internationale Aktionen
Es dürfte für alle klar ersichtlich sein, dass das Team der FFW im Laufe des Halbjahrs 2021 alles andere als untätig war. Die breite Unterstützung und die Erklärungen auf internationaler Ebene unterstreichen auf exemplarische Weise den Charakter der regionalen Initiative «Gran Seaflower». Es kommt Leben in die Angelegenheit und das wirft Wellen weit über die Ozeane dieser Welt hinweg. Im spanischen Senat hat die Senatorin Sara Vilà (Izquierda Confederal, IC) eine schriftliche Anfrage an die Regierung formuliert. Diese wird vom Ministerium für ökologischen Wandel und Demographie aufgegriffen, das mit Sicherheit im Besonderen die Initiative «Gran Seaflower» erwähnen wird. Auf der Basis dieser vorteilhaften Aufnahme ist geplant, einen Antrag auf Unterstützung beim spanischen Senat zu stellen. Die ersten Verhandlungen zwischen der Gruppe, die den Antrag stellt (IC), und den anderen parlamentarischen Gruppierungen, lassen vermuten, dass er die Unterstützung der Mehrheit bekommen wird – selbst wenn dieser noch immer nicht offiziell debattiert wurde.

Beim spanischen Kongress konnte der Abgeordnete Juan López de Uralde (Unidas Podemos-En Comú Podem- Galicia en Común, UP-ECP-GeC) eine Anfrage an die Regierung richten. Er erhielt eine öffentliche Antwort vom Ministerium für ökologischen Wandel und Demographie, was wiederum auf
ein grosses Interesse seitens der spanischen Regierung hindeutet, die Initiative «Gran Seaflower» zu unterstützen.

Politische Beziehung mit Spanien
Eine weitere direkte Kommunikation mit der spanischen Regierung kam zudem über das Staatssekretariat für die Agenda 2030 zustande. Nachdem seine Direktion ihr Interesse bekundet hatte, bat sie um eine Frist von einigen Wochen, um zu evaluieren, welches die beste Form sei, die Initiative «Gran Seaflower» im Rahmen der Agenda 2030 voranzubringen – ein Instrument, das die Ziele für nachhaltige Entwicklung umsetzen soll. Einige elementare Prinzipien von «Gran Seaflower» finden sich tatsächlich in den Zielen der Agenda wieder, was die Initiative für Madrid besonders interessant macht. All das
stimmt zuversichtlich, dass eine politische Beziehung mit dem spanischen Staat im Entstehen ist. Das ist umso wichtiger, weil Spanien, historisch bedingt, politischen Einfluss auf die Regierung Kolumbiens ausübt.

Direkter Austausch mit den USA
Die Initiative «Gran Seaflower» beschränkt sich nicht nur auf die romanischen Länder: Im Europäischen Parlament haben die Europaabgeordneten Ernest Urtasun (Verdes/Ale), Idoia Villanueva und Manuel Pineda (La Izquierda) die Europäische Kommission um eine zufriedenstellende Antwort vom litauischen EU-Kommissar für Umwelt, Meere und Fischerei, Virginijus Sinkevičius, ersucht. In Washington hat sich am 11. Mai 2021 der Kongress der Vereinigten Staaten ebenfalls für die Initiative «Gran Seaflower» und deren Umsetzbarkeit auf Land und Leute interessiert. Bei einer Sitzung hat der Abgeordnete Jim McGovern, Vorsitzender der Menschenrechtskommission des Kongresses, auf den verspäteten Wiederaufbau angespielt, den die kolumbianische Regierung auf der Insel Providencia nach dem Hurrikan IOTA von November 2020 angekündigt hatte. Dabei erwähnte McGovern insbesondere die Inselbevölkerung und ihre historische Verbindung mit den afrokaribischen Gemeinschaften anderer Länder in der Karibik. Ein Punkt, der ein wesentliches Argument der FFW darstellt. Es handelt sich hier um einen wichtigen Schritt, denn durch Ernesto Sampers Vermittlung wird hier der Boden bereitet für den direkten Austausch zwischen dem Kongress der Vereinigten Staaten und der Initiative «Gran Seaflower». Dank dieser ersten Erfolge hoffen wir nun, dass sich die Beziehungen untereinander in den nächsten Wochen konkretisieren werden.

Mehr Informationen:

  • Unsere Projektseite: «Gran SeaFlower»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 136 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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