18.12.2020
Leonardo Anselmi

Die Ozeane dort schützen, wo sie sind: Die Kampagne «Gran SeaFlower» ist gestartet!

Im Südwesten der Karibik existiert ein kleines Schutzgebiet, das von der UNESCO in die Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen wurde: Das Biosphärenreservat SeaFlower. Diese herrliche Landschaft, die sich durch einen unermesslichen Artenreichtum auszeichnet, ist massiv gefährdet. Wie alle Meere der Welt leidet es unter dem Klimawandel und den Aktivitäten des Menschen. Die Fondation Franz Weber hat deshalb am 12. Oktober 2020 offiziell ihre Kampagne zur Rettung des drittgrössten Korallenriffs der Welt lanciert.

Laut der UN-Organisation IPBES (Wissenschaftliche und politische zwischenstaatliche Plattform für Biodiversität und Ökosystem-Dienstleistungen) ist die Südwestkaribik eine der Regionen mit dem grössten marinen Artenreichtum der Welt. Das warme Wasser und das tropische Klima führten an Land und im Meer zu einer regelrechten Explosion des Lebens und der Artenvielfalt. Vor allem den warmen Gewässern dieses Gebiets, die nordwärts transportiert werden, ist es zu verdanken, dass heute in Skandinavien Leben existiert. Die globale Bedeutung dieser Region ist enorm, was allerdings nur wenig bekannt ist. Die starke Umweltzerstörung, unter der das Gebiet aktuell zu leiden hat, könnte sich massiv auf den Rest der Welt auswirken. Deshalb muss dieses Korallen-Ökosystem um jeden Preis gerettet werden. Und gleichzeitig bietet sich hiermit die Gelegenheit, einen ökopolitischen Präzedenzfall für die multilaterale Zusammenarbeit zum Schutz der Biodiversität zu schaffen! Ein Teil der Region wurde im Jahr 2 000 zum Biosphärenreservat erklärt und von der UNESCO in die Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen: Das Schutzgebiet SeaFlower. Aktuell gilt es als Teil des kolumbianischen Territoriums und wird von Kolumbien verwaltet, was zwischen den verschiedenen Nachbarstaaten unweigerlich zu Gebietsstreitigkeiten führt. Eine multilaterale Zusammenarbeit, die nicht nur die sechs betroffenen Länder (Kolumbien, Costa Rica, Honduras, Jamaika, Nicaragua und Panama), sondern auch die indigenen Völker und die Wissenschaftsgemeinde einbezieht, ist daher dringend geboten, um das Reservat wiederherzustellen,
zu erhalten und sogar zu erweitern. Nur so kann der Schutz des gesamten Ökosystems gewährleistet werden. Am 12. Oktober 2020 hat die Fondation Franz Weber hierzu offiziell eine Kampagne lanciert, an der sie bereits seit mehreren Jahren arbeitet: Gran SeaFlower.

Öko-Geo-Politik: Vereinen, was niemals hätte getrennt werden dürfen
Die durch die Meeresströmungen miteinander verbundenen Ökosysteme, welche die Karibik ausmachen, sind ökologisch voneinander abhängige Systeme, in denen jeder Hort der Artenvielfalt für seinen Fortbestand auf die anderen angewiesen ist. Die karibischen Ökosysteme funktionieren wie eine riesige Perlenkette, die durch einen Faden verbunden ist, den die Meeresströmungen bilden. Aus diesem Grund kann eine Schildkröte, die ihre Eier in der Laguna de Caratasca in Honduras ablegt, zur Insel Uvita in Costa Rica oder zur Inselgruppe Cayos Miskitos in Nicaragua schwimmen und dort brüten: Ebenso wie die anderen Meerestierarten kennen Schildkröten keine politischen Grenzen.
Und so können die Bemühungen um die Erhaltung auch nicht an den Staatsgrenzen enden: Eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Nachbarländern ist unabdingbar. Doch bislang kam ein solcher Dialog nicht zustande. Ein Gebiet wurde politisch unterteilt, das ökologisch unteilbar ist. Die Kampagne Gran SeaFlower zielt darauf ab, diese politischen Grenzen zu überwinden, und ihr Kampagnenlogo – eine Blume, deren sechs Blütenblätter die sechs betroffenen Nachbarländer repräsentieren – symbolisiert dieses Ziel perfekt.

Politische, wissenschaftliche und gemeinschaftliche Zusammenarbeit
Das erste Ziel der Kampagne besteht darin, den Abschluss eines multilateralen Abkommens zwischen Kolumbien, Costa Rica, Honduras, Jamaika, Nicaragua und Panama zu erleichtern, und so die Zusammenarbeit zu ermöglichen, die für den effizienten Schutz des bestehenden Biosphärenreservats SeaFlower unerlässlich ist. Zeitgleich soll dieses Schutzbestreben auf das gesamte Korallenökosystem der Region ausgeweitet werden.
Zweitens zielt Gran SeaFlower darauf ab, die Einbindung und die Befugnisse der lokalen Gemeinschaften zu stärken und ihnen eine Plattform zu bieten: Hier sollen sie sowohl lokale Projekte zum Erhalt und zur Wiederherstellung der Ökosysteme und zur Umstellung der menschlichen Aktivitäten als auch Initiativen zur Förderung der Gemeinschaft und der Kultur vorstellen können. Diese verstärkte Sichtbarkeit, insbesondere auf der Website der Kampagne, wird es den Akteuren vor Ort erleichtern, finanzielle Mittel für ihre Projekte zu erhalten.
Drittens sollen durch die Kampagne die wissenschaftlichen Forschungsprogramme in der Region gefördert werden, insbesondere durch die Ermittlung von Lösungen für die Finanzierung durch die internationale Gemeinschaft. Die so entstehende wissenschaftliche Datenbank wird ein besseres Verständnis der tatsächlichen Bedürfnisse dieses Ökosystems ermöglichen.
Für den Erhalt des Gebiets sind diese lokalen Initiativen von zentraler Bedeutung. Denn nur, wenn sich die Bevölkerung in die Massnahmen zum Schutz ihrer Umwelt eingebunden fühlt, lassen sich echte Fortschritte erzielen. Die lokalen Gemeinschaften und Organisationen, mit denen wir uns seit mehreren Jahren treffen, leisten bereits so viel vor Ort: Sie benötigen nur eine kleine Hilfestellung als Katalysator!

Vom Schutz der Arten zum Schutz der Lebensräume
Die Empfehlung der Kampagne Gran SeaFlower lautet, sich nicht allein auf den Schutz der Arten als solche zu konzentrieren, da dieses Modell sehr schnell an seine Grenzen stösst. Die FFW ist davon überzeugt, dass der Schutz der Arten unweigerlich mit dem Erhalt ihrer Lebensräume einhergehen muss. Wie soll es uns gelingen, die Tiere und Pflanzen zu schützen, wenn sie keinen Ort zum Leben haben?
In diesem Sinne setzen wir uns für einen Paradigmenwechsel bei den internationalen Übereinkommen und Institutionen ein und hoffen, dass die sechs am Schutz des Gran SeaFlower beteiligten Länder dieses Ziel gemeinsam mit uns verfolgen werden.

Schutz allein genügt nicht – Die zerstörten Ökosysteme müssen sich erholen können
So wie die Dinge liegen, genügt es nicht, Massnahmen zur Reduktion der Auswirkungen des Tourismus zu ergreifen oder weniger umweltschädliche Industriezweige zu entwickeln: Alle menschlichen Aktivitäten müssen sich positiv auf die Umwelt auswirken. Tatsächlich
sind die Ökosysteme in der Karibik bereits so stark beeinträchtigt, dass es nicht länger ausreicht, sie vor weiteren Schäden zu bewahren. Sie müssen in der Lage sein, sich zu erholen. So stehen wir beispielsweise mit PADI in Kontakt, dem gewerblichen Berufsverband der Tauchlehrer, dem wir empfehlen, die Wiederherstellung von Korallenriffen in seine Ausbildungsprogramme aufzunehmen. Insbesondere soll – so, wie man einen Baum pflanzen würde – bei jedem Tauchgang eine Koralle neuangesiedelt werden.

Einbindung der indigenen Völker – nur so ist die Wirksamkeit gewährleistet
Der Schutz einer ganzen Region ohne Einbindung der dort lebenden Bevölkerung – diese neokolonialistische Haltung, die im Bereich des Naturschutzes bedauerlicherweise nach wie vor gang und gäbe ist –, scheint langfristig zum Scheitern verurteilt. Die FFW ist davon überzeugt, dass sich niemand besser um ein Ökosystem kümmern wird als die Gemeinschaften, die es bewohnen und weiterhin dort leben wollen. Daher
will die Kampagne Gran SeaFlower die indigenen Gemeinschaften in ihren Bemühungen um den Schutz ihrer Umwelt stärken. Obwohl die FFW die Kampagne entworfen hat, haben wir keinesfalls die alleinige Verfügungsgewalt darüber: Wir fördern den Dialog, doch die Kampagne und ihre Umsetzung liegt in den Händen der Gemeinschaften, die an den südwestkaribischen Küsten leben. In diesem Geist wurde die Kampagne am 12. Oktober lanciert, an dem Tag, als die europäische Welt unter dem Kommando von Christoph Kolumbus die karibischen Gewässer erreichte, und die entsetzliche Geschichte der Sklaverei und der Zerstörung der natürlichen Ressourcen des amerikanischen Doppelkontinents ihren Anfang nahm.

Die nächsten Etappen der Kampagne
Damit ein zwischenstaatliches Kooperationsabkommen abgeschlossen werden kann, müssen die Umweltminister der sechs betroffenen Länder in naher Zukunft zusammenkommen. So werden sie in der Lage sein, die Möglichkeiten und Modalitäten der Zusammenarbeit zu bewerten und dann eine sogenannte «Vorvereinbarung» abzuschliessen, die es ihnen ermöglichen wird, mit der effektiven Ausarbeitung des Abkommens zu beginnen. Die FFW wird dabei als Vermittlerin des Dialogs fungieren und kann gegebenenfalls technische Unterstützung leisten. Die FFW empfiehlt, mindestens die folgenden Elemente in das Abkommen aufzunehme:

  • Eine Vereinbarung zwischen den sechs betroffenen Ländern, um die Region des Gran SeaFlower gemeinsam und in enger Zusammenarbeit zu verwalten und zu schützen
  • Eine an die UNESCO gerichtete Erklärung, in der die Schaffung eines in sechs Teile gegliederten grenzüberschreitenden Schutzgebiets angekündigt wird
  • Eine Ermahnung zur Umsetzung des bestehenden Abkommens von Cartagena (Übereinkommen zum Schutz und zur Entwicklung der
    Meeresumwelt im Karibischen Raum)
  • Ein Ersuchen an die Assoziation der karibischen Staaten um die Verabschiedung einer spezifischen und rasch wirkenden politischen Strategie zum Schutz der Korallenriffe des SeaFlower
  • Ein Ersuchen an die zwischenstaatlichen Gremien (UNEP, FAO und deren Partner), diesen Prozess zu begleiten und die Parlamente der sechs betroffenen Staaten zu ermahnen, spezielle Rechtsvorschriften zum Schutz der Region zu verabschieden.

Nach Abschluss und Unterzeichnung des Abkommens durch die Regierungen der sechs Staaten wird die heikelste Phase kommen: Die Umsetzung des internationalen Übereinkommens vor Ort. Hierfür empfiehlt die FFW die Einrichtung einer Bildungsstätte für karibische Umweltpolitik, in der Lehrgänge für diejenigen Bediensteten der öffentlichen Verwaltung angeboten werden, welche die im Abkommen vereinbarten politischen Massnahmen umsetzen müssen. Ziel dieser Strategie ist es, die Zeitspanne zwischen der politischen Entscheidung und der praktischen Umsetzung der Umweltpolitik zu verkürzen.
Parallel zu diesen «institutionellen» Ansätzen werden wir den Dialog mit den lokalen Gemeinschaften und den Wissenschaftern fortsetzen und die Realisierung ihrer Gemeinschafts- oder Forschungsprojekte erleichtern, deren Finanzierung von öffentlichen oder privaten Stellen aus der ganzen Welt ermöglicht wird.

Die Karibik zählt auf Sie!
Der Eigentümer eines kleinen, auf das Tauchen spezialisierten Hotels in Bocas del Toro, Panama, sagte uns einmal, dass seiner Meinung nach die Karibik «das beliebteste Meer der Welt» sei. Für ihn gibt es nur zwei Arten von Menschen auf der Welt: Diejenigen, die schon einmal in der Karibik waren, und diejenigen, die einmal die Karibik erleben möchten. Nach mehreren Jahren der Begegnungen mit den Regierungen und Bewohnern dieser Region können wir dem nur zustimmen: Die Rhythmen von Calypso und Reggae, der Kokosnussreis, die Unterwasserlabyrinthe der Korallenriffe, das Lächeln der kreolischen Kinder, die Sonne, die Wärme, die Farben, das warme Wasser – diese Region trägt man für immer im Herzen. All diese ökologischen, natürlichen, kulturellen und historischen Schätze, diese Landschaften, diese
Schönheit sind unendlich kostbar.

 

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