19.04.2021
Anna Zangger

Helvetia Nostra – Hüterin der Schweizer Natur, Landschaft und Heimat

Seit über vierzig Jahren folgt sie Hilferufen aus der gesamten Schweiz. Wird ein Projekt ein Naturgebiet, eine einzigartige Landschaft oder eine historisch relevante Stätte bedroht, ist Helvetia Nostra mit gezücktem Schwert – oder vielmehr Schreibfeder – zur Stelle. Helvetia Nostra, wörtlich «Unsere Helvetia», versteht es, mit all ihren juristischen, politischen und medialen Mitteln aufzufahren, um die Zerstörung unseres schönen Landes zu verhindern. Die von Franz Weber, als «Wächterin» und «Beschützerin», gegründete Organisation wird wahlweise als veritable Heldin, als wertvolle Ansprechpartnerin oder als notorische «Nervensäge» angesehen. Doch wer ist sie wirklich – diese unermüdliche Kämpferin für Natur- und Heimatschutz in der Schweiz?

Die Geburt von Helvetia Nostra – Franz Webers «Instrument» in der Schweiz
In den 60er Jahren kommt dem damals als Journalist in Paris tätigen Franz Weber ein Bauvorhaben zu Ohren, welches Surlej – ein kleines Dorf (Bild links) in der Nähe von Silvaplana – und damit das ganze Engadin (GR) als solches zu verunstalten droht. Das ist der Moment, in dem Franz Webers Umweltbewusstsein erwacht: Er ruft sofort eine Kampagne ins Leben, um diese einzigartige Landschaft vor der Zerstörung zu retten – mit Erfolg. Es folgen weitere Kampagnen, zum Schutz von Baux-de-Provence und zum Stopp des massiven Baus neuer Autobahnabschnitte in der gesamten Schweiz. 1972 wird er nach Lavaux gerufen, denn die in Hunderten von Jahren von Menschenhand angelegten Weinberg-Terrassen drohen der Immobilienspekulation zum Opfer zu fallen. Der Fortschritt und die Modernisierung bedrohen Natur, Landschaft und Heimat: Franz Weber wird daher aus allen erdenklichen Orten der Schweiz und der ganzen Welt um Hilfe gebeten.

Als ihm bewusst wird, dass ihn sein Kampf für die Umwelt noch lange beschäftigen wird, beschliesst er 1975, die Fondation Franz Weber (FFW) zu gründen: eine Schweizer Organisation mit internationaler Ausrichtung, die es ihm insbesondere ermöglicht, zusammen mit Brigitte Bardot die Kampagne zum Schutz der Robbenbabys in Kanada zu lancieren. In der Schweiz benötigt er ein konkretes und effizientes Instrument zur Bekämpfung von zerstörerischen Projekten: eine zweite, eigenständige Organisation, die über ein Beschwerderecht verfügt und dadurch in der Lage sein soll, den Kampf Franz Webers vor den Schweizer Gerichten zu führen. So entsteht im Jahr 1977 Helvetia Nostra.

Mit dem Beschwerderecht ist Helvetia Nostra eine gut gerüstete Heldin
Helvetia Nostra, anfänglich ein Verband, ist heute eine Stiftung nach Schweizer Recht. Ihr Ziel ist der Schutz der Menschen und der Natur, ebenso wie die Schaffung, respektive die Erhaltung, lebenswerter Städte und Infrastrukturen. Ihr Tätigkeitsgebiet ist die gesamte Schweiz. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, ist Helvetia Nostra berechtigt, in bestimmten Fällen, die den Umweltschutz ganz allgemein sowie den Natur- und Heimatsschutz betreffen, Beschwerde vor Gericht einzulegen. Daher ist sie – neben anderen Schweizer NGOs (nicht Staatliche Organisation) von nationaler Bedeutung – in der Verordnung des Bundesrates über die Bezeichnung der in diesem Bereich beschwerdeberechtigten Organisationen (VBO) eingetragen.

Diese Besonderheit macht ihren Kampf so wirkungsvoll. Ohne Beschwerderecht hätte sie keine konkrete Möglichkeit, Bau- oder Naturnutzungsprojekte zu Fall zu bringen, die das bedrohen, was uns lieb und teuer ist: eine Schweiz, in der es sich für alle gut leben lässt.

Fondation Franz Weber und Helvetia Nostra: Eine enge Zusammenarbeit
Helvetia Nostra ist daher, wenn gleich eng mit der Fondation Franz Weber verbunden, eine eigenständige Organisation. Von der FFW unterscheidet sie sich durch ihre Ziele, ihr Tätigkeitsgebiet (ausschliesslich in der Schweiz) und ihr Beschwerderecht. Sehr häufig arbeiten die beiden NGOs jedoch zusammen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Jede hat dabei ihre eigene Rolle: Die FFW führt den Kampf an der medialen, strategischen und politischen Front, während Helvetia Nostra die tapfere Heldin ist, die vor Ort auf juristischer und technischer Ebene kämpft.

So lancierte und führte die FFW die Initiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen», die 2012 vom Schweizer Volk angenommen wurde. Anschliessend übernahm Helvetia Nostra: Tagtäglich setzt diese sich nun vor Ort dafür ein, den Volkswillen durchzusetzen – sie erhebt Einsprachen und Beschwerden gegen Bauprojekte, welche die neue Verfassungsbestimmung unterlaufen, wonach der Bau von Zweitwohnungen in Gemeinden untersagt ist, in denen der Zweitwohnungsanteil bereits mehr als 20 Prozent beträgt.

Ihr Tätigkeitsgebiet ist die gesamte Schweiz
Ihre durchschlagende Effizienz macht Helvetia Nostra zu einer «Spielverderberin » ersten Ranges für all jene, die bereit sind, die Natur und die Landschaft wirtschaftlichen Interessen zu opfern. Ihre umfangreiche Erfahrung und ihre Expertise machen sie jedoch auch zu einer begehrten Ansprech- und Diskussionspartnerin für Behörden auf allen Ebenen.

Konkret beteiligt sich Helvetia Nostra an legislativen Konsultationen – mit dem Ziel, bestehende und neue Gesetze zu verbessern, um Umwelt-, Natur- und Heimatschutz so weit wie möglich darin zu verankern. Sie erhebt Einsprachen und Beschwerden gegen missbräuchliche Zweitwohnungsprojekte, überdimensionierte oder zerstörerische Bauvorhaben, Projekte für Kiesgruben, Mülldeponien, nicht durchdachte Windparks – gegen alles, was unsere Natur und unsere Geschichte bedroht. Die Stiftung nimmt ausserdem an Treffen mit lokalen Behörden teil, wenn es um konkrete Projekte, die allgemeine Raumplanung oder den Umwelt- und Tierschutz geht.

Derzeit laufen in der gesamten Schweiz mehrere Verfahren. In den Gebirgskantonen, von Graubünden bis hin zu den französischsprachigen Kantonen Wallis und Waadt, versucht die Organisation, eine Umgehung des Zweitwohnungsgesetzes zu verhindern. Überall werden – häufig irrige – Gründe angeführt, um Bäume zu fällen, von denen manche Jahrhunderte alt sind: Helvetia Nostra ist zur Stelle, um das Massaker abzuwenden. Die Organisation hat zudem mehrere Gerichtsverfahren angestrengt: in Zürich gegen den geplanten Bau einer Seilbahn über den Zürichsee, in Basel gegen den Abschuss der friedlichen Rehe auf dem Friedhof am Hörnli und im Lavaux gemeinsam mit der Vereinigung «Sauver Lavaux» («Rettet das Lavaux»), um das Weinbaugebiet von Treytorrens in Puidoux vor der Zerstörung zu bewahren.

Ohne die Beschwerde von Helvetia Nostra wäre die Schweiz Zubetoniert
«Ohne das Beschwerderecht von Helvetia Nostra wäre die Schweiz zubetoniert» – Damit beschrieb Franz Weber in einem Interview mit RTS im Jahre 2005 treffend die Tätigkeit und die Bedeutung von Helvetia Nostra. Ohne sie und ohne ihr Beschwerderecht, das übrigens immer wieder politisch attackiert wird, wären unzählige Hektar Land denjenigen zum Opfer gefallen, die nur auf kurzfristigen Profit aus sind. Für den Gründer von Helvetia Nostra gehört die Schweiz mit all ihren unermesslichen Naturschätzen nicht einigen wenigen Bauunternehmern, sondern dem gesamten Schweizer Volk. Daher appelliert Helvetia Nostra wieder und wieder an den Willen des Volkes, lanciert Initiativen und sorgt dann für ihre Umsetzung. Aus diesem Grund und für die kommenden Generationen kämpft sie unablässig, Tag für Tag, darum, zu bewahren, was noch bewahrt werden kann.

 

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