22.06.2019
Ambre Sanchez

Im Land der Menschenrechte wird zum Vergnügen getötet

Mediterran, malerisch und charmant – diese Adjektive verbindet man im Allgemeinen mit Südfrankreich. Wussten Sie, dass in Südfrankreich noch immer, obschon das französische Gesetz die Misshandlung von Tieren verbietet, ganz legal und im Namen der Tradition, Stiere zum öffentlichen Vergnügen zu Tode gemartert werden? Warum wird in zehn südfranzösischen Départments das sadistische Schlachten immer noch unter dem Deckmantel von «Kultur» und «Tradition» schön geredet und geschützt?

Der Stierkampf gehört weltweit abgeschafft! Für die Fondation Franz Weber (FFW) ist es ein epochaler Kampf. Ein essenzieller  Kampf oder um es in Vera Webers Worten auszudrücken: «Überall dort, wo der Stierkampf einen Schritt vorwärts macht, macht die Menschheit einen Schritt zurück». Wie kann solch ein perverser Brauch im 21. Jahrhundert noch seinen Platz haben? Wie kann es sein, dass ein Häuflein «südstaatlerischer» Abgeordneter in Frankreich es schafft, diese sadistische «Tradition» aufrechtzuerhalten und dies noch dazu teilweise von den Steuerzahlern subventioniert?

Folgendes steht unter Artikel 521-1 des französischen Gesetzbuchs: «Wer öffentlich oder nichtöffentlich schwere oder sexuelle Misshandlungen oder Grausamkeiten an einem Haustier oder einem gezähmten oder in Gefangenschaft gehaltenen Tier begeht, wird mit 2 Jahren Gefängnis und 30’000 Euro Busse bestraft». Jedoch wird das Gesetz durch einen weiteren Satz im Gesetzbuch abgeschwächt. Denn dieser besagt: «Die Bestimmungen des vorliegenden Artikels gelten nicht für Stierkämpfe, wenn eine fortdauernde örtliche Tradition geltend gemacht werden kann». Damit ist es legal, einen Stier zu Tode zu foltern, vorausgesetzt, die Folterung findet in ausgewiesenen Regionen statt. Ein Stierkampf im Elsass, der Bretagne oder der Auvergne würde die Organisatoren ins Gefängnis bringen. In Nîmes oder Bayonne aber gilt dieselbe Tat nicht als Tierquälerei, sondern als «Tradition»!

Genau diesen absurden Unterschied stellten französische Stierkampfgegner 2012 vor dem Verfassungsrat in Frage. Sie forderten, dass Strafen für Grausamkeiten gegen Tiere auf dem gesamten französischen Staatsgebiet gleichermassen beurteilt werden sollen. Ihr Anliegen wurde vom Verfassungsrat mit der Begründung, dass die Ungleichbehandlung zwischen sogenannten «Stierregionen» und anderen nicht gegen die Verfassung verstosse, niedergeschmettert – wie zuvor schon diverse andere Gesetzesvorschläge zur Abschaffung des Stierkampfs.

Obwohl der Stierkampf weltweit auf dem Rückzug ist und obwohl sich in Frankreich eine ganze Reihe von Vereinigungen für die Abschaffung einsetzen, hat sich bis heute nichts geändert. Demgegenüber führte die Beharrlichkeit der Fondation Franz Weber in Katalonien 2010 zur Abschaffung der grausamen Stierkämpfe. Und trotz einer Aufhebung des Verbots 2016 durch das spanische Verfassungsgericht konnte der Stierkampf dort nicht wieder Fuss fassen. Auch in Mexiko haben mehrere Gliedstaaten die «Corrida» entweder völlig verboten (Veracruz, Coahuila) oder zumindest Minderjährigen die Teilnahme daran untersagt (Chihuahua, Tijuana, Yucatán). Und die Regierungsübernahme durch Andrés Manuel López Obrador im Dezember 2018, einem erklärten Gegner des Stierkampfs, lässt zusätzliche Hoffnung keimen.

Umfragen in der Bevölkerung Frankreichs sprechen eine unmissverständliche Sprache: Laut einer Erhebung des französischen Meinungsforschungsinstituts Ifop vom Mai 2018 befürworten 74% der Franzosen die Abschaffung des Stierkampfs. Und  95% wünschen sich, dass die Grausamkeiten gegen Tiere auf dem gesamten Staatsgebiet einheitlich bestraft werden. Geradezu verblüffend ist das Ergebnis einer anderen Umfrage, die Ifop 2017 in den Départements (Aude, Bouches-du-Rhône, Gard, Gers, Gironde, Landes, Hérault, Pyrénées-Atlantiques, Hautes-Pyrénées und Pyrénées-Orientales) durchgeführt hat, in welchen Stierkämpfe tatsächlich noch als «Tradition» gesehen werden. Auch dort sprechen sich 75% der Befragten für ein vollständiges Verbot des Stierkampfs aus!

Selbst Kinder dürfen, so ungeheuerlich es klingen mag, in Südfrankreich an Stierkämpfen teilnehmen. Auf der Webseite mehrerer Stierkampf-Arenen ist dieser Irrsinn für alle offen sichtbar, um junges Publikum anzulocken. Schliesslich sollen die Kleinen im Süden die «Stierkampf-Kultur» schon von frühester Kindheit an eingeimpft bekommen – unterstützt von Stierkampfschulen und durch gewisse Gemeinden grosszügig subventioniert.

Die Fondation Franz Weber setzt sich seit vielen Jahren beharrlich dafür ein, dass Kinder unter 18 Jahren nicht länger dem sinnlosen Gemetzel ausgesetzt sein dürfen. Ziel ist, dass Frankreich Minderjährigen endlich die Teilnahme an Spektakeln, bei denen Stiere zu Tode gefoltert werden, verbieten. Seit 2016 übt das UNO-Kinderrechtskomitee Druck auf die Französische Republik aus, damit sie ihren Verpflichtungen als Unterzeichnerin der Kinderrechtskonvention nach kommt. Da die Empfehlung nicht rechtsverbindlich ist, setzt der französische Gesetzgeber sie bisher nicht um. Die jüngsten Initiativen zeigen, dass es einen sehr langen Atem brauchen wird, um diese Haltung zu ändern, die Subventionen für den Stierkampf streichen lassen und letztlich den Stierkampf abzuschaffen. Wir bleiben dran.