26.07.2021
Ruth Toledano

Stierkampf in Spanien: Tradition versus Kultur im 21. Jahrhundert

Die mächtige Stierkampflobby, die das blutige Spektakel als Folter betreibt, kann sich vorerst freuen. Geht es nach konservativen Parteien in Spanien sollen Stierkämpfe wieder zur Hauptsendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden. Auf diese Weise würden die Empfehlungen in Bereich des Jugendschutzes brutal missachtet, die hier klar von zur Schau gestellter Gewalt an Tieren sprechen.

Die Anregungen im Bereich des Jugendschutzes wurden auf Initiative der FFW von den Vereinten Nationen im Komitee für Kinderrechte (Committee on the Rights of the Child, CRC) formuliert. Der Ausschuss hat diese Empfehlungen immerhin bei acht sich bietenden Gelegenheiten in die Rapporte einfliessen lassen. Doch jetzt ist dringend neues Engagement gefordert.

Unverständliche Entscheidung
Anfänglich nahm alles einen guten Verlauf, als der Senat dem Gesetz zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt und Missbrauch zustimmte, das viele Spanier als «Ley Rhodes» kennen. Der Name bezieht sich auf den in Spanien lebenden britischen Starpianisten James Rhodes, der als Kind missbraucht wurde und die spanische Regierung beim Kinderschutzgesetz beraten hat. Wir hegten die berechtigte Hoffnung, dass diese Initiative zur Annahme der Empfehlungen des Komitees führen würde. Sie zeugt nämlich vom Willen, Kinder zu schützen und soll zu verstärkten Massnahmen zum Schutz von Minderjährigen vor dem brutalen Stierkampf führen. Doch vergebens: Zur gleichen Zeit stimmte das Abgeordnetenhaus einer Gesetzesvorlage zu, die die Regierung dazu aufrief, die TV-Übertragung von Corridas im öffentlich-rechtlichen spanischen Fernsehen wieder einzuführen. Die Ausstrahlung ist zu einer Sendezeit vorgesehen, in der junge Zuschauer durchaus Zeit vor dem Fernseher verbringen.

De facto ein Verrat
Mit einem offenen Briefs hatte die Fondation Franz Weber alles versucht, die Abgeordneten der PSOE (Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) zu überzeugen, aktiv zu werden, damit während der Ausarbeitung der «Ley Rhodes» nicht vergessen wird, dass Kinder auch bei Stierkämpfen von Gewalt betroffen sind. Der Text kann nämlich als Basis für die öffentlichen Politik gelten, Minderjährige von Praktiken fernzuhalten, die ihrer körperlichen und moralischen Unversehrtheit schaden. Wir haben auf die physische, mentale und emotionale Gewalt hingewiesen, der Minderjährige ausgesetzt sind, die in Stierkampfschulen trainieren, als Toreros an Corridas teilnehmen oder bei anderen Stierkampffestivals mitwirken. Wir haben ausserdem wiederholt darauf hingewiesen, dass sich die nicht eindeutige Position der parlamentarischen Vertretung der PSOE ungünstig auf die Ratifizierung verschiedener internationaler Verträge im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes durch den spanischen Staat auswirkt. Leider hat es die PSOE entgegen jeglicher Logik abgelehnt, die vorgetragenen Gesetzesänderungen zu unterstützen.

Ein Rückschritt für die PSOE
Was die Ausstrahlungen von Corridas anbelangt, haben sowohl die spanische Volkspartei (Partido Popular, PP) als auch die nationalkonservative Vox für die Rückkehr des brutalen Spektakels zur Hauptsendezeit im öffentlichrechtlichen Fernsehen gestimmt. Diese Entscheidung überrascht nicht bei den Rechten und zum Teil auch als rechtsextrem eingestuften Parteienvertretern, die sich als stolze Verfechter der barbarischen wie rituellen Stiertötung inszenieren. Wirklich erbärmlich ist die Tatsache, dass dieses Gesetz «dank» der komplizenhaften Enthaltung der PSOE angenommen wurde. Und wir reden von einer Partei, deren Gründer Pablo Iglesias Posse bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erklärt hatte, dass «jemand, der sich für die Misshandlung von Tieren ausspricht, in den Reihen der Linken keinen Platz hat». Die Sozialisten von damals betrachteten den Stierkampf als «unwürdiges Schandmal der nationalen Barbarei» und die angesehensten zeitgenössischen Intellektuellen – insbesondere Schriftsteller wie Miguel de Unamuno oder Emilia Pardo Bazán – hatten sie dabei unterstützt. Auch wenn die damals fortschrittliche Anti-Stierkampf-Tradition mittlerweile durch eine subjektive, von den Stierkampf-Anhängern manipulierte Geschichtsschreibung getilgt wurde, sind die heutigen spanischen Sozialisten in der Verantwortung, wenn sie die ethischen Grundpfeiler aufgeben, die die PSOE zu einer fortschrittlichen Partei machten.

Die Politisiserung der Corrida
Die bedauerlichen Veränderungen, die sich nun in der politischen Landschaft Spaniens vollzogen haben, gehen wohl einher mit der Reaktivierung der Verteidigung des Stierkampfs: Die Corrida wird zu einem identitätsstiftenden nationalen Symbol, das vor allem von den konservativen Parteien hochgehalten wird. Jenseits aller demokratischen Vernunft hat die Partei ihre Präsenz in den institutionellen Raum ausgedehnt. In ihren Wahlkampagnen ist sie bekannt dafür, dass sie den Stierkampf bis zum Äussersten verteidigt. Damit kann sie sich die Unterstützung der Züchter, Toreros und Aficionados sichern. Gleiches gilt für die liberal Konservativen der Partido Polupar (PP), die sich in vergangenen Regierungsperioden als Meister darin erwiesen, den Stierkampf rechtlich maximal zu schützen. Zunächst liessen sie ihn zum «Kulturgut» erklären, dann zum «Kulturerbe». Dadurch ergab sich eine ausdrückliche Förderung und einen Schutz der blutrünstigen Tradition, was unter anderem zu einer Subventionierung und Unterstützung der Stierkampfschulen beitrug.

Zudem werden Spaniens Symbole ausgerechnet von jener PSOE in Anspruch genommen, die innerhalb der Regierung darauf beharrt, diese Barbarei um jeden Preis zu verteidigen. Dazu gehören laut Ministerpräsident Sánchez die Stimmen der zwei mächtigsten Persönlichkeiten dieser politischen Formation: Vize-Ministerpräsidentin und Ministerin Carmen Calvo sowie der Minister und Parteisekretär José Luis Ábalos – beides militante Stierkampfbefürworter.

Die Hoffnung nicht aufgeben
Angesichts dieser tragischen Entwicklung müssen wir den Kampf wieder aufnehmen, und zwar in politischer wie in ethischer Hinsicht, damit die Corrida endlich abgeschafft wird. Zum Glück besteht noch Hoffnung. Die Mehrheit der Spanier ist gegen die gewaltsamen Praktiken und möchte in Spanien eine echte Friedenskultur aufbauen, die das Tierwohl miteinschliesst. Es ist also an uns, neue Strategien zu entwickeln, weitere Verbündete zu suchen und vor allem Geduld an den Tag zu legen. Gegenüber der Barbarei triumphiert stets der Fortschritt. Die Fondation Franz Weber hat die klare Absicht, diesen Kampf zu gewinnen, der einerseits die Tiere verschont und andererseits Kinder wie Jugendliche vor der öffentlichen Zurschaustellung dieser grausamen Praxis aus dem 19. Jahrhundert schützt.

 

Mehr Informationen:

  • Unsere Projektseite «Stierkampf»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 136 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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