11.10.2020
Patrick Schmed und Matthias Mast

Giessbach – viel mehr als «nur» ein Hotel!

Giessbach ist seit seiner Rettung durch Franz Weber eine Erfolgsgeschichte. Doch der erfreuliche Umsatz des Hotel und Restaurationsbetriebs reicht bei Weitem nicht aus für den Unterhalt des 22 Hektaren grossen Parks, der jährlich von über 200’000 Nicht-Hotelgästen besucht wird. Die Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» als Eigentümerin des ganzen Areals ist deshalb auf Spenden und Zuwendungen in der Höhe von rund einer Million Franken pro Jahr angewiesen.

Vor bald 40 Jahren setzte Franz Weber alle Hebel für die Rettung des Parks und des historischen Hauses rund um die Giessbachfälle in Bewegung. Seine Rettungsaktion «Giessbach dem Schweizervolk» wurde zum riesigen Erfolg und setzte gleichzeitig ein neues Denken im Schweizer Tourismus in Gang: Alte Historische Hotels sollten nicht mehr kurzerhand abgerissen, sondern restauriert und damit für die Nachwelt erhalten werden!

Aufwändiger Unterhalt
Der Aufwand zur Rettung des Grandhotels Giessbach und seiner Parkanlage war enorm. Doch ebenso aufwändig ist der stete Unterhalt des 22 Hektaren grossen Grundstückes, welches der Allgemeinheit zur Verfügung steht und jährlich von Hunderttausenden Menschen besucht wird. Dieser Aufwand kann aus dem Geschäftserfolg des Hotels- und Restaurationsbetriebes – so hocherfreulich er auch ist – nicht bewältigt werden. Die heutige Präsidentin der Stiftung ‹Giessbach dem Schweizervolk› Vera Weber ist deshalb im höchsten Masse gefordert, dass die Gesamtanlage erhalten werden kann. «Dafür braucht es nicht nur Glück, sondern auch immer mehr Mittel und Unterstützung, denn die Aufwände nehmen zu, weil dies einerseits mit dem Alter der Gesamtanlage zu tun hat, dazu kommen immer strengere Sicherheitsvorschriften», so Vera Weber.

Beim Blick hinter die schöne Fotokulisse des Hotels und des Parks entdeckt man, von welchem immensen Aufwand da die Rede ist: Man sieht die Arbeiter der Felssicherung im Einsatz. Das Gartenteam nutzt die Zeit, um den liegen gelassenen Abfall aus dem Park zu entfernen. Das Unterhaltsteam rund um Marco Füllemann repariert derweil eine der unzähligen Holzstufen, die zum Fall hochführen. Und Fabian Dietrich von der Baumpflege Dietrich AG ist mit seinen Fachleuten daran, die Bäume auf dem Areal zu stutzen.

Ein Teil des Wassers für das Hotel stammt aus der Quelle oberhalb der Fälle. Diese musste kürzlich saniert werden. Weiteres Wasser wird dem Giessbachfall entnommen. Damit dies möglich ist, braucht es eine Reinigungsanlage. Auch diese Arbeiten gehören zu den Aufwänden, ohne die es Giessbach nicht in dieser Form gäbe.

Das sind nur einige der Unterhaltsarbeiten, welche die Stiftung Giessbach Jahr für Jahr organisiert und finanziert. Die Arbeiten steigen stetig, weil immer mehr Besuchende das Giessbach mit seinen perfekten Fotopunkten entdecken. «Man muss sich bewusst sein, dass es ohne diesen Park und vor allem ohne den Giessbachfall kein Hotel gäbe», betont Vera Weber. Sehr viele Menschen fahren hierhin, um dieses unglaubliche Naturschauspiel zu sehen. Und dies, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen, obwohl der Park und die Infrastruktur sehr viele flüssige Mittel für den Unterhalt beanspruchen.

Dass dies möglich ist, ist der Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» und ganz vielen Spenderinnen und Spendern zu verdanken. Obwohl wie bereits erwähnt das Hotel erfolgreich operiert, kann es nur einen geringen Teil der nötigen Aufwände für Pflege und Unterhalt tragen. Und auch diese Kosten gehen zulasten von Reserven, welche das Hotel eigentlich auf die Seite legen müsste. Pro Jahr sind rund eine Million Franken nötig, um den Park zu pflegen, die historische Standseilbahn zu betreiben, die Restauration der historischen Fassade zu finanzieren oder dringende Unterhaltsarbeiten wie beispielsweise die Felssicherung zu ermöglichen.

Eintrittspreis oder Gönner-Kreis?
Andererseits bedingt die hohe Besucherzahl, dass mehr Unterhaltsarbeiten nötig werden. Pro Jahr besuchen rund Zweihunderttausend Menschen Giessbach. Die einfachste Lösung wäre wohl, wenn alle diese Besucherinnen und Besucher einen kleinen Unkostenbeitrag von fünf Franken leisten würden, wären die Kosten gedeckt.

«Mit solchen kleinen Beiträgen könnte man dank der Bevölkerung tatsächlich Grosses erwirken» sagt Vera Weber, doch die Präsidentin der Stiftung Giessbach dem Schweizervolk denkt auch darüber nach, einen Kreis mit Freunden des Giessbachs zu gründen, welche jedes Jahr einen wiederkehrenden Gönnerbeitrag beisteuern, um dieser wunderschönen Anlage eine weitere Zukunft zu schenken.

Mit dem Ranger wird Giessbach noch gepflegter
«Es gab bisher noch keinen Ranger im Grandhotel Giessbach, aber Gedanken darüber hat man sich schon früher gemacht», weiss Mark von Weissenfluh, heutiger Direktor des Grandhotel Giessbach. Über ein Jahr arbeitete der Touristiker und Berater gemeinsam mit Thomas Herren am Konzept des Giessbach-Rangers. Die beiden kennen sich dank der Zusammenarbeit an der Grimsel, wo der Haslitaler Thomas Herren zuletzt als Teil seines Arbeitspensums als Ranger unterwegs war. Am 1. August trat er im Giessbach eine Vollzeitstelle mit vielschichtigen Aufgaben an. «Er ist nicht nur als Ranger tätig, sondern in der Funktion des Leiters Umwelt, Sicherheit und Unterhalt unterwegs», betont Mark von Weissenfluh. Diesen braucht es dringender denn je. Diesen Sommer beispielsweise wurde die Giessbach Domäne regelrecht von Besucherinnen und Besuchern «überrannt» und entsprechend stark beansprucht.

Kein Massentourismus
«Der Ranger soll kein Polizist sein, und seine Aufgaben gehen weit über die eines Parkwächters hinaus», beschreibt Mark von Weissenfluh die
neue Funktion. «Vielmehr soll er die Besucherinnen und Besucher informieren und für die natürlichen Schönheiten sensibilisieren.» Damit hilft er
mit, die einzigartige Gesamtanlage mit den historischen Wanderwegen so zu erhalten, wie sie sich heute präsentiert. Bis im Herbst erstellt der Hoteldirektor mit dem Ranger einen Zweijahresplan, der mit der Stiftung «Giessbach dem Schweizer Volk» abgestimmt wird.

Fokus Sicherheit
«Unter anderem wird der Ranger sich dem Thema Felssicherung widmen», sind sich von Weissenfluh und Herren einig. Auch wenn die Firma Gasser Felstechnik kürzlich eine gross angelegte und aufwändige Sanierung durchgeführt hat, braucht es für die Sicherheit der Gäste regelmässige Kontrollen und punktuelle Unterhaltsarbeiten. Auch diese gehören zu den Aufgaben des Rangers, genauso wie die Kontrolle und Pflege der Bäume – auch hier in enger Zusammenarbeit mit Fachleuten wie die spezialisierte Firma Baumpflege Dietrich. Weitere Einsatzgebiete gibt es bei der historischen Schiffländte oder bei der Bahn. Schon bald wird auch das Stichwort Besucherlenkung in der Agenda des Rangers auftauchen. «Hier haben wir ein grosses Verbesserungspotenzial», ist Mark von Weissenfluh überzeugt. «Durch gezielte Lenkung der Besucherströme kann die Parkanlage besser genutzt werden und sich qualitativ weiterentwickeln.»

Qualität statt Masse
Die althergebrachten Werte und die Gesamtanlage in tadellosem Zustand zu erhalten, sieht auch Thomas Herren als vordringliche Aufgabe, vor allem auch im Hinblick auf die geschichtliche Herkunft des Grandhotel Giessbach. «Natürlich ist dies heute mit mehr Aufwand verbunden», so Thomas Herren. «Aber die Giessbach-Anlage ist diesen Einsatz Wert.» Arbeitsmangel braucht er nicht zu befürchten, umso mehr, weil das Besucheraufkommen auch in Zukunft steigen dürfte und damit auch Nebenwirkungen wie Abfall, Abnutzung oder Erosion. Hier sorgt der Ranger dafür, dass die Ansprüche des Qualitätstourismus in der gesamten Parklandschaft inklusive Hotel, Bahn, Schiffsanlegestelle und der ganzen natürlichen Vielfalt erfüllt werden.

Die älteste Standseilbahn Europas
«Zum Glück gibt es die Standseilbahn rauf zum Hotel», wird sich mancher Gast gesagt haben, als er vor 141 Jahren mit dem Schiff an der Lände des Grandhotels Giessbach anlegte. Bevor der findige Ingenieur Roman Abt die weltweit erste Standseilbahn mit einer Ausweiche in der Mitte realisierte, erreichten die ersten Gäste das Belle Epoque Hotel zu Fuss oder in Sänften, die häufig von Einheimischen getragen wurden. Auch sie werden den Bau der damals bahnbrechenden Bahn mit Glück und Stolz begrüsst haben, zeigte sie doch, wie viel ihre Ferienregion für das damalige Europa und die Welt galt. Glücklich und stolz ist auch die Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk», dass das historische Bahnmonument nicht nur erhalten, sondern auch in vollem Betrieb steht. Dass dies so ist, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Denn die historische Bahn zu betreiben, ist aufwändig, erklärt Vera Weber: «Sie generiert zwar Einnahmen, doch nicht genügend, um die Kosten zu decken, die wegen den sehr hohen Auflagen in Zusammenhang mit der Sicherheit, der Restauration und des Bahnbetriebs eingehalten werden müssen. Wir rechnen mit Kosten von 1,2 Millionen Franken, welche wir für die Sanierung zusammenbringen müssen.»

Für den Bahnbetrieb gibt es keine Unterstützung durch die Öffentlichkeit, für die Sanierung hofft die Stiftung Giessbach dem Schweizervolk auf Beiträge von der Denkmalpflege und weiterer Stellen. Diese reichen allerdings nicht aus, um die Bahn nach allen Regeln der Kunst zu revidieren und möglichst im Originalzustand zu erhalten.

Alles und noch viel mehr
14 Wasserfälle, ein 22 Hektar grosser Park mit Wäldern, Wiesen, ein wunderschönes «Märchenschloss» mit seinen Nebengebäuden sowie einer Schiffsanlegestelle und einer historischen Standseilbahn – das Grandhotel Giessbach ist alles und noch viel mehr als ein Hotel! Entsprechend hoch sind die Herausforderungen für die Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk», die Aufwände für das gesamte Areal zu
stemmen. Vera Weber hofft deshalb auf alle jene Menschen, welche die Einzigartigkeit des Giessbach-Paradieses mit seiner Stimmung
eingeatmet haben und auf verschlungenen Wegen verwunschene Plätzchen gefunden haben.

Aus dieser Hoffnung schöpft sie die Kraft für die Zukunft des Giessbach in seiner heutigen und historischen Form: «Im Giessbach wurden schon so viele Krisen erfolgreich gemeistert, und das Wort Zweifel gehört nicht zu meinem Vokabular. Ich weiss, dass wir sehr hart arbeiten müssen, damit die nötigen Mittel auch künftig aufgebracht werden, aber ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen werden», ist Vera Weber überzeugt.

 

Mehr Informationen:

  • Unsere Projektseite «Grandhotel Giessbach»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 134 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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