22.10.2020
Jean-Charles Kollros

Marcel Heider – unermüdlicher und kluger Pionier von Sauver Lavaux

Das UNESCO-Weltkulturerbe Lavaux ist wieder in Gefahr: Immobilienentwickler versuchen ein trojanisches Pferd ins Herz dieses demokratisch geschützten Gebiets einzuschleusen. Über das unsägliche Spekulationsprojekt der Immobiliengruppe Orlatti/Erbengemeinschaft Testuz im historischen Dézaley-Treytorrens berichteten wir bereits in der letzten Ausgabe des Journals. Diese erneute Bedrohung nehmen wir zum Anlass, uns noch einmal der Gründungsgeschichte von Sauver Lavaux zu widmen und einen Pionier der Bewegung – den angesehenen Rechtsanwalt Marcel Heider – zu Wort kommen zu lassen, der in all den Jahren seines Wirkens für den Erhalt des Lavaux nichts von seiner Kraft eingebüsst hat.

Zeit mit Marcel Heider zu verbringen, insbesondere auf seinem einladenden Wohnsitz in Aran, ist ein reines, elementares Vergnügen, für das die Gastfreundschaft ebenso ausschlaggebend ist wie ein stets aufrichtiger Humanismus. Dem Dahinfliehen der Jahre und den unzähligen Schlachten, die er geschlagen hat, zum Trotz ist der Mann nach wie vor bemerkenswert vital, und stellt ein unfehlbares Gedächtnis unter Beweis. Ein wahres intellektuelles Kapital, in dem der Einsatz für die Bewegung Sauver Lavaux für immer eine Sonderstellung einnehmen wird.
Seine berufliche Laufbahn begann Marcel Heider 1960, nachdem er Steuer- und Verwaltungsrecht an der juristischen Fakultät Heidelberg studierte und an der Universität von Lausanne 1958 seinen Doktortitel in Rechtswissenschaften erwarb. 1960 erhielt er sein Anwaltspatent im Kanton Waadt. Der weitherum bekannte Marcel Heider ist Mitglied der Waadtländer Anwaltskammer und des schweizerischen Anwaltsverbands.

Marcel Heider: «1968 hielten sich meine Frau und ich in Sils Maria in Graubünden auf. Von diesem Zeitpunkt an verfolgten wir mit grossem Interesse das Engagement von Franz Weber, der sich kurz zuvor erstmals für das Natur- und Architekturerbe stark gemacht hatte, um das Dorf Surlej im Engadin und das Ufer des Silvaplanersees vor einem Immobilienprojekt zu retten.»

Dieser erste Kampf eines Mannes, der ursprünglich Schriftsteller und Journalist werden wollte, ebenso wie Franz Webers Kreuzzug für den Schutz von Baux-de-Provence weckt die Bewunderung des jungen Anwalts. Mehr braucht es nicht, damit sich Heider, der nebenbei bereits damals eine Leidenschaft für gute Weine hegte, und seine Gattin Denise Heider-Piccard, an Franz Weber wenden.

«Wir schreiben den 30. Januar 1972, und neben unserem persönlichen Engagement fungieren wir als Wortführer einer Gruppe von Winzern von Villette, zu der namentlich die Stadträte Paul Bujard und Marcel Joly sowie der ehemalige Ammann Marcel Riccard gehören.»

Tatsächlich ist die Bedrohung äusserst real: Ein Projekt zum Bau von 43 Villen zwischen Aran und Villette, inmitten des Lavaux, steht kurz vor seiner Verwirklichung. Von der irreversiblen Verschandelung einer historischen Landschaft einmal abgesehen, gingen den Winzern durch dieses Projekt 2,2 Hektar Anbaufläche verloren.
Voller Anteilnahme willigt Franz Weber ein, sich für die Winzer von Villette einzusetzen. Nach einer Ortsbesichtigung beschliesst er am 9. Februar 1972, die Vereinigung Sauver Lavaux («Rettet das Lavaux») zu gründen. Seitdem stellt Marcel Heider sein Fachwissen in den Dienst der Rettung des Lavaux.

«Franz Weber und wir hielten es von Anfang an für unerlässlich, die Rettungsaktion auf die gesamte Region auszuweiten, denn ganz offensichtlich – man denke daran, was heute mit dem Projekt Orlatti-Testuz geschieht – war der Fall von Villette nur die Spitze des Eisbergs, ein Türöffner für andere Projekte. Und Franz Weber beschrieb diese Situation sehr treffend: «Wenn wir zulassen, dass
sich der Pickel oder die Beule von Aran-Villette ungehindert entwickelt, dann wird die Betonkrankheit auf die Weinberge übergreifen.»

Neben seinem Scharfsinn als junger Anwalt, der für sein strategisches Geschick und seinen Kampfgeist ebenso geschätzt wie gefürchtet ist, steuert Heider noch ein weiteres wesentliches Instrument zu Sauver Lavaux bei: Seine unschätzbaren persönlichen Netzwerke, die er während seiner Studentenjahre geknüpft hat, sowie durch seine Beziehungen innerhalb der Studentenverbindung Helvétia und Belles-Lettres mit Charles Apothéloz gewonnen hat. Und nicht zuletzt durch seine perfekte Einbindung in die Welt der Kunst und der Politik geniesst. Und das alles, ohne überzogenen Aktivismus zur Schau zu stellen und ohne Zerwürfnisse zu provozieren: Er kommt mit dem führenden Kopf der PdA, André Muret, späterer Nationalrat und brillanter Journalist, ebenso gut zurecht wie mit der sozialdemokratischen Partei, etwa mit dem Ständerat Jacques Morier-Genoud, sowie mit zahllosen anderen Persönlichkeiten dieser Zeit. Und die Überzeugungskraft des Anwalts ist allein schon ein scharfes Schwert, um Menschen auf seine Seite zu ziehen.

«Durch mein Studium und die Tatsache, dass ich mich im politischen Leben von Waadt bewegte wie ein Fisch im Wasser, doch auch durch meine Liebe zur Kultur und zum Wein kannte ich alle, die in dieser Zeit Rang und Namen hatten. Und oft hatten wir Verbindungen, die nicht den politischen Zwängen unterworfen, aber hochwirksam waren. Zudem kultivierte ich diese Beziehungen, indem ich bei informellen Treffen oder beim Aperitif die Kontakte intensivierte. Sie glauben gar nicht, was man mit einem Glas in der Hand alles vorschlagen, aushandeln und erreichen kann, wenn sich die Zunge löst und der Geist öffnet. Insbesondere organisierte ich mit meiner Passion für erlesene Weine jahrelang zahlreiche Besuche auf exzellenten Weingütern in Burgund und an anderen dem Genuss zuträglichen Orten. Ich kannte mich in dem Bereich aus, was ich meinem Vater und meiner über 20-jährigen Erfahrung als Importeur von Weinen aus dem Burgund verdanke.»

Bescheiden und diskret, was solche für die Sache von Sauver Lavaux gleichwohl entscheidende Aktionen angeht, gibt Marcel Heider – der der Degustation eines guten Weins in angenehmer Gesellschaft auch heute nicht abgeneigt ist – immerhin zu, dass seine Vorgehensweise «einen positiven Beitrag dazu leisten konnte, dass einige seiner beherzten Aufschreie, gleichwohl Akte der Liebe, zur Rettung von Lavaux einen starken Nachhall fanden.
Franz Weber wiederum stellt von Beginn an sein journalistisches Können in den Dienst der Sache, so dass innerhalb kürzester Zeit die gesamte Schweiz über den Kampf zur Rettung der historischen Weinterrassen informiert ist. Für Franz Weber ist der Fall klar: Diese Landschaft gehört allen und nicht nur den Menschen, die dort leben. Als die Bewegung Sauver Lavaux eine erste Petition zur Erhaltung des Lavaux lanciert, reicht sie diese daher nicht bei den Waadtländer Behörden ein, sondern beim Bundesrat. Fortan handelt es sich um ein Anliegen sowie eine Kampagne von nationaler Bedeutung.

«Sehr schnell schliessen sich uns berühmte Persönlichkeiten aus der Kulturszene an, darunter der Dirigent Victor Dezarsens, der berühmte Philosoph und Schriftsteller Denis de Rougemont und insbesondere der geniale und sehr bekannte Dichter und Chansonnier Jean Villard-Gilles. Zudem unterstützen nach und nach auch bekannte politische Persönlichkeiten unseren Kampf, entweder öffentlich oder mit rechtschaffener Diskretion. Diese Zeit hat einige vortreffliche Freigeister hervorgebracht, an denen es uns zu Beginn dieses dritten Jahrtausends schmerzlich zu mangeln scheint. Man musste sich darauf verstehen, im richtigen Moment die Fäden zu ziehen, indem man zum Beispiel Anhänger der PdA veranlasste, mit dem sozialdemokratischen Establishment zu paktieren zur Durchsetzung der richtigen Sache. Ach! Was für schöne Verhandlungen wurden zwischen zwei Rebstöcken oder in der Dunkelheit eines Weinkellers geführt… und die politische Kluft war vergessen. Leider existiert diese Welt heute nicht mehr.»

Im April 1973 beschliesst Franz Weber, die Initiative Sauver Lavaux I zu lancieren. Das heisst, eine Verfassungsinitiative mit dem Ziel, den vollständigen Schutz des Lavaux konkret in der Waadtländer Verfassung zu verankern. Auch nachdem das Komitee von Sauver Lavaux nach hartem Kampf einen ersten Erfolg erzielt, legt es die Hände nicht in den Schoss und bleibt – angesichts eines ständig wachsenden Bebauungsdrucks – äusserst wachsam. Es folgt Sauver Lavaux II, dann Sauver Lavaux III, eine Initiative, für die sich der Anwalt mit besonderem Nachdruck einsetzt, auch wenn aufgrund der Erschöpfung des inzwischen recht betagten Franz Weber nun Suzanne Debluë, die seit 1973 Sekretärin der Vereinigung ist, die Geschäfte leitet.

«Für die Bauträger verspricht das betroffene Gebiet einen spektakulären Geldsegen, es ist für sie ein Schatz, der im Namen des Profits zubetoniert werden soll. Natürlich werden dadurch allerlei Begehrlichkeiten geweckt. Und dann wird die Situation heute durch die Entwicklung des Weinbaus verkompliziert, der immer mehr Zwängen unterliegt und einer erbitterten Konkurrenz von aussen
ausgesetzt ist. Damals waren die meisten Winzer wunderbare humanistische Grundbesitzer, während heute viele von ihnen in erster Linie Geschäftsleute sind, die vor allem um ihre wirtschaftliche Zukunft fürchten und sich dem Diktat der Supermärkte beugen müssen.»

Diese Analyse führt Marcel Heider zu dem Schluss, dass der Schutz des Lavaux-Gebiets weiterhin brandaktuell ist. Denn gerade die Verletzlichkeit der Weinbaubetriebe begünstigt eigentümliche Allianzen, die weder dem Geist des Ortes noch der Waadtländer Verfassung entsprechen und überdies in eklatantem Widerspruch zu den Grundlagen des Weinbaus stehen.

«Ja, die Bedrohung ist real und konkret, denn – wie der Bezirksplan Treytorrens-Nord verdeutlicht – werden bereits Versuche unternommen, den Standort Dézaley zu urbanisieren, unter dem Vorwand, dass die Weinberge von Testuz wieder in Betrieb genommen werden müssen. Und genehmigt man dieses Projekt, so werden andere Bauträger die Weinberge stürmen, vorangetrieben von der unersättlichen Gier der Spekulanten und Bauherren. Leider hat Orlatti den Dreh raus und darf nicht unterschätzt werden, auch wenn einige Winzer selbst bereit sind, den Höchstbietenden die Hand zu reichen, um ihr Überleben zu sichern.»

Für Marcel Heider, Pionier von Sauver Lavaux, Ehrenvizepräsident des aktuellen Komitees unter dem Vorsitz von Suzanne Debluë – auch sie eine Kämpferin der ersten Stunde für Sauver Lavaux – ist es daher heute, in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wichtiger denn je, den Schutz der Landschaft mit der Zukunft des Weinbaus in Einklang zu bringen. Eine Botschaft, die Heider mit allem Nachdruck vor den Zuständigen wiederholt und die auch Vera Weber am Herzen liegt. Sie ist inzwischen Vizepräsidentin von Sauver Lavaux und eine äusserst aufmerksame Nachfolgerin ihres Vaters. Sie führt die hochherzigen Kämpfe von Franz Weber weiter, denen wir es verdanken, dass das Lavaux-Gebiet heute nicht aussieht wie Disneyland.

  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 133 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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