04.12.2021
Anna Zangger

Initiative gegen Massentierhaltung Die Fleischlobby wetzt die Messer

Das Ziel der Initiative gegen Massentierhaltung, die von der Fondation Franz Weber (FFW) von Anfang an unterstützt wurde, ist die Beendigung der real existierenden Tierquälerei in der Landwirtschaft. Die Gegner der Initiative behaupten, dass es in der Schweiz keine Massentierhaltung gibt – doch das ist nicht wahr!

Die Initiative gegen Massentierhaltung in der Schweiz will Mindeststandards durchsetzen, die verhindern, dass Tiere ohne Rücksicht auf ihr Wohlergehen und ihre Würde als reine Handelsware genutzt werden. Ihre Ziele stehen im absoluten Einklang mit dem zunehmenden Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung, das endlich auch Tieren die Fähigkeit anerkennt, Schmerzen und Leiden zu empfinden.

Glaubt man den Gegnern der Initiative, dazu gehört vor allem die «Fleischlobby », so gibt es in der Schweiz gar keine Massentierhaltung. Das Problem sei angeblich derart aus der Luft gegriffen, dass die Wirtschaftskommission des Nationalrats Mitte Oktober dieses Jahres beschlossen hat, es einfach zu ignorieren. Sie will nicht nur die Initiative ablehnen, sondern auch den direkten Gegenentwurf des Bundesrats versenken! Das bedeutet, dass das Parlament die Sorgen eines grossen Teils der Bevölkerung schlichtweg missachtet.

Fleischlobby zieht alle Register
Seit einiger Zeit lässt die «Fleischlobby » nichts unversucht, um uns einzureden, dass in der Schweizer Produktion das Tierwohl stets geachtet werde und die Massentierhaltung eine Erfindung der Tierschutzorganisationen sei. Wie in der Werbekampagne von Schweizer Fleisch «Der feine Unterschied» werden wir mit Videos von «idealen» Bauernhöfen, Familienbetrieben, mit Fotos von liebevoll behandelten Tieren, Bildern von glücklichen Bauern, die sich um das Wohlergehen ihrer Tiere sorgen, überschwemmt. Das sind jedoch alles nur schöne Klischees, denn sie bilden nur einen Teil der Schweizer Fleischproduktion ab. In Wirklichkeit will man damit von den traurigen Tatsachen ablenken, die es genauso gibt in unserem Land.

Nach Ansicht des Schweizer Bauernverbands ist die Initiative «müssig», da die Praktiken in der Schweiz weitaus weniger schlimm seien als im Ausland – ein Argument, das sich nur schwer nachvollziehen lässt. Die Tatsache, dass es unsere Nachbarn bezüglich Tierhaltung schlechter machen als wir selber, macht uns noch lange nicht zu Musterschülern, ganz im Gegenteil.

Die Realität des Schweizer Rechts
Es bleibt leider ein trauriger Fakt: Die Massentierhaltung als Produktionssystem, das die Grundbedürfnisse der Tiere nicht respektiert, existiert in der Schweiz und sie ist erlaubt. Ein einziger Betrieb darf bis zu 300 Mastkälber, 1 500 Schweine, 18 000 Legehennen und 27 Masthühner halten. Doch wie lässt sich das Wohlergehen all dieser Tiere auf einer so kleinen Nutzfläche, die die Schweiz nun Mal hat, gewährleisten? Die Antwort ist gerade in Bezug auf unsere Bauernbetriebe simpel: Es ist schlichtweg unmöglich!

Die Schweizer Gesetze erlauben die Anbindehaltung von Kühen in Ställen, die Haltung von etwa zehn Schweinen auf einer Fläche von der Grösse eines Parkplatzes und von etwa 17 Hühnern pro Quadratmeter. Es ist ferner nicht vorgeschrieben, die Tiere ins Freie zu lassen. Manche von ihnen werden aufgrund ihrer «Rentabilität» sehr jung geschlachtet und so kommt es, dass diese armen Kreaturen niemals das Tageslicht erblicken in ihrem kurzen Leben. Einige Tiere, insbesondere die männlichen Küken in Legehennen-Betrieben, werden systematisch nach ihrer Geburt getötet.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Fleischkonsum in der Schweiz um mehr als 60 Prozent gestiegen. 2019 verzehrte
jeder Schweizer durchschnittlich über 51 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Wie kann man da frech behaupten, dass diese hohe Nachfrage nicht durch Massentierhaltung gedeckt wird?

Gefahr für Gesundheit und Umwelt
Für die Hunderttausende von Tieren, die wir in der Schweiz jedes Jahr verzehren, ist die Massentierhaltung eine Tragödie. Doch auch für den Menschen ist sie mit zahlreichen Risiken verbunden. In der Massentierhaltung kommen – auch in der Schweiz! – Unmengen von Antibiotika zum Einsatz, was in der Bevölkerung zu Resistenzen gegenüber bestimmten Medikamenten führt. Wie mittlerweile umfassend belegt ist, steigt durch unseren hohen Fleischkonsum zudem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Adipositas.

Ein weiteres Problem neben den unmittelbaren Risiken für die menschliche Gesundheit besteht darin, dass Nutztiere häufig Zoonosen übertragen, das sind Krankheiten, die vom Tier an den Menschen weitergegeben werden. Alle in jüngerer Zeit aufgetretenen Epidemien wie der Rinderwahnsinn, das Grippe-H1N1-Virus, die Schweinepest oder die Vogelgrippe belegen diese Entwicklung eindrücklich. Das letzte traurige Kapitel ist die aktuelle Covid-19-Pandemie, die uns seit zwei Jahren in Atem hält.

Die Massentierhaltung verschlingt auch grosse Landflächen und sie ist die Hauptursache für die weltweite Entwaldung. Des Weiteren verschmutzt sie unsere Böden und unser Wasser und trägt somit massgeblich zum Klimawandel bei. Sie ist ein echter Missstand, den wir in dieser Monstrosität nicht brauchen, da ein übermässiger Fleischkonsum erwiesenermassen gesundheitsschädlich ist.

Moralische Dringlichkeit
Die Massentierhaltung muss unbedingt abgeschafft werden, da sie einer der Hauptfaktoren für die globale Erwärmung ist. Doch auch aus moralisch ethischer Sicht ist es dringend geboten, diesem ungesunden Treiben ein Ende zu setzen. In dem Masse, in dem wir neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen und neue ethische Überlegungen anstellen, entwickelt sich auch unsere Gesellschaft weiter. Heute wissen wir, dass Tiere – insbesondere die Säugetiere – leiden, denken und auch Emotionen empfinden. Wie können wir da noch guten Gewissens rechtfertigen, dass wir sie weiter misshandeln? Dass wir sie zu einem Leben verdammen, in dem sie niemals die Sonne sehen und nie einen Fuss auf eine Wiese setzen werden? Wir müssen unser Verhalten mit unserer moralischen Pflicht in Einklang bringen und den Tieren ein für alle Mal das Mindestmass an Achtung entgegenbringen, das sie verdienen – in der Schweiz genauso wie überall sonst auf der Welt.

Politischer Hürdenlauf
Die Initiative gegen Massentierhaltung wurde bereits 2019 bei der Bundeskanzlei offiziell eingereicht und für gültig erklärt. Der Bundesrat hat daraufhin einen direkten Gegenentwurf ausgearbeitet, das ist ein anderer Vorschlag zur Änderung der Bundesverfassung. In diesem soll der Begriff des Tierwohls aufgenommen werden.
Eine Beschränkung des Imports von Massentierhaltungsprodukten aus dem Ausland lehnt der Bundesrat hingegen ab. Mitte Oktober 2021 hat die Wirtschaftskommission des Nationalrats beschlossen, sowohl die Initiative als auch den Gegenentwurf des Bundesrats abzulehnen. Das bedeutet, dass sie die Sorgen von über 106 000 Schweizer Bürgerinnen und Bürgern, die die Initiative unterzeichnet haben, ignorieren will. Zuerst
muss der Nationalrat über diesen Beschluss abstimmen, danach muss sich der Ständerat damit befassen. Am Ende hat das Volk das letzte Wort.