20.12.2020
Patrick Schmed

Sicherheitswahn lässt Bäume zittern

Um die Sicherheit zu gewährleisten oder Platz für den Verkehr oder andere Vorhaben zu machen, wurden viele Bäume in den letzten Jahren gefällt. Zur Rechtfertigung werden die Bäume oft als «unheilbar» krank bezeichnet. Die Fondation Franz Weber erkennt Zeichen einer «Fäll-Kultur» , der man mit Vehemenz entgegen treten muss.

«Solange ein Baum wächst, lebt er», erläutert Baumpflegespezialist Fabian Dietrich auf einem Spaziergang durch den Giessbachwald. «Bäume unterscheiden sich somit stark vom menschlichen und tierischen Organismus», führt er aus. Solange Blätter oder Nadeln an einem Baum wachsen, findet Wachstum am Stamm als Dickenwachstum und bei den Ästen und Wurzeln als Längenwachstum statt. Und das über mehrere Hundert Jahre, wenn man dem Baum die Chance lässt. In vielen Wäldern ist dem nicht so, weil das Holz für die Nutzung geschlagen wird, in der Regel passiert dies nach 80 bis 100 Jahren. Doch gerade im Giessbach oder auch an anderen Orten wird bewusst auf den Schutz und Erhalt der Bäume geachtet. Hier kann ein Baum je nach Baumart bis zu 1 000 Jahre alt werden. «In den letzten Jahren wurden immer wieder gesunde alte Bäume wegen Strassenerweiterungen, aber leider auch für den öffentlichen Verkehr gefällt», beobachtet der Autor und fragt den Baumpflegespezialisten, ob er diese Entwicklung hin zu einer «Fäll-Kultur» ebenfalls wahrnehme. «Ja, leider», sagt dieser und hält fest, dass ihm diese im Grunde unverständlich sei.

Es geht um Verantwortung
Man wolle heute die Verantwortung nicht mehr übernehmen, so erklärt es sich Fabian Dietrich, der sich seit Längerem Gedanken über die möglichen Gründe des voreiligen Fällens von Bäumen macht. «Wenn ein Spezialist oder Experte einen Baum für gefährlich erklärt und fällen lässt, kann er später ganz sicher nicht mehr belangt werden, falls etwas passiert», bringt er es auf den Punkt. «Denn der Baum ist ja weg.»
Dabei könnte man mit Baumpflege-Massnahmen dazu beitragen, dass alte Bäume erhalten und sicher bleiben. Einzelne Totäste seien manchmal bereits ein Grund, um die Sicherheit anzuzweifeln und den Baum zu fällen. Es betrübt den Baumpflegespezialisten, dass Sicherheitsbedenken auch als Vorwand vorgeschoben werden, um einen Baum «aus dem Weg zu haben.» Denn gerade im Siedlungs- und Wohnraum würde der Anteil der Baumflächen zurückgehen, wenn man nicht gut dazu schaue. Dazu gehört auch ganz klar, dass ein neuer Baum gepflanzt wird, um den Verlust des alten Baums wenigstens teilweise zu kompensieren.

Fällen günstiger?
Ob denn auch die Kosten eine Rolle spielen, will der Autor wissen und vermutet, dass eine einmalige Fällung günstiger sei als langjährige
Baumpflege. «Dieses Argument wird häufig angeführt», bestätigt Fabian Dietrich. «Wenn man alle Kosten einberechnet, stimmt es allerdings nur bedingt.» Im Wald, wo ein Baum in einem Stück gefällt werden könne, ginge die Rechnung vielleicht auf, aber im Siedlungs- und Wohnraum müsse häufig eine Spezialfällung durchgeführt werden inklusive Entfernen des Wurzelstocks und Pflanzung eines Jungbaums. Dazu kommt
die Anwachspflege in den ersten Jahren, die auch Kosten verursacht. «Wird dieser Weg häufig beschritten, geht die Erfahrung verloren,
wie ein alter Baum mit der gewünschten Sicherheit erhalten werden kann», bedauert Fabian Dietrich. Und so kommt es, dass er
häufig als «einsamer Rufer im Wald» unterwegs ist. Dies schreckt ihn allerdings nicht ab, denn mit guten Argumenten, grossem Einsatz und Gleichgesinnten wird es eines Tages gelingen, auf Echo für den Erhalt von alten Bäumen zu stossen – ganz nach dem Motto «Wie man in den Wald hinein schreit, so schallt es hinaus.»

 

Weitere Informationen:

  • Unsere Projektseite «Erhalt der Bäume»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 134 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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