06.04.2021
Ruth Toledano

Stierkampf in Ecuador

Der Volkswille hat in Ecuador den Stierkampf durch ein Referendum abgeschafft. Die im Andenland wirtschaftlich und politisch sehr einflussreiche Stierkampflobby hat jedoch beim Verfassungsgericht eine Beschwerde eingereicht, um das Verbot dieser grausamen Spektakel zu kippen.

Die Zukunft des Stierkamps in Ecuador ist eine Schachpartie, die noch nicht zu Ende ist. Auf dem Spielbrett, auf dem diese Partie zwischen einer grausamen Vergangenheit und einer friedlichen Zukunft immer noch ausgetragen wird, hat sich die Fondation Franz Weber mit ihrem Beitrag zur Abschaffung des Stierkampfs als ernstzunehmende Spielerin positioniert. Bis zum Urteilsspruch ist die Partie in der Schwebe.

Im Jahr 2010 war die Fondation Franz Weber (FFW) federführend bei der internationalen Unterstützung der Tier- und Umweltschutzorganisationen Ecuadors, welche ein Referendum über die Rechtmässigkeit des Stierkampfs forderten. Im Mai 2011 wurde dieses Referendum abgehalten. Dabei siegte die Position der Stierkampfgegner in beinahe allen Kantonen über die der Stierkampfanhänger, auch in der Hauptstadt Quito, wo regelmässig das wichtigste Stierkamkpffest Lateinamerikas gefeiert wurde, die «Feria de Jesús del Gran Poder».

Der Schachzug der Stierkampflobby
Seitdem hat unsere Stiftung Hand in Hand mit den Organisationen vor Ort eine regelrechte Schachpartie gespielt, wobei sie rechtliche und politische Strategien angewandt hat, um das Verbot aufrechtzuerhalten. Ihre Gegnerin am Spielbrett ist eine in Ecuador äusserst mächtige und einflussreiche Lobby. Der letzte Schachzug der Stierkampflobby bestand darin, die Debatte vor das Verfassungsgericht zu bringen.

Im September 2020 liess das ecuadorianische Verfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde zu, die der Verband der professionellen Toreros von Ecuador eingereicht hatte. Ziel war es, die Verfassungsmässigkeit der Volksbefragung von 2011 über das Verbot von Stierspektakeln in Frage zu stellen, bei denen es darum geht, die Tiere zu töten. Mit diesem Schachzug erhofften sich die Toreros eine Annullierung des Ergebnisses, das den Stadtrat von Quito dazu bewogen hatte, mehrere Verordnungen zur Abschaffung des Stierkampfs zu verabschieden, sowie die Annullierung des Stierkampfspektakels.

Die Stierkampfanhänger brachten etliche Argumente aufs Schachbrett, um die Verfassungsmässigkeits-Staktik auszuspielen, die ihnen ermöglichen sollte, weiterhin Tiere zu quälen und zu töten: Sie führten einen Verstoss gegen das in der Verfassung verankerte Gleichheitsrecht an sowie die Diskriminierung ihrer kulturellen Identität; sie beschuldigten den ecuadorianischen Staat, seine Verpflichtung zum Erhalt der kulturellen Diversität zu verletzen; sie beriefen sich auf die Meinungsfreiheit. Verfassungsgerichte in anderen Ländern, so führten sie an, hätten den Stierkampf unter Schutz gestellt.

Argumente für die Stierkampf-Abschaffung
Am 17. Dezember 2020 fand die öffentliche Anhörung des Falles online statt. Anna Mulà, Rechtsanwältin der Fondation Franz Weber, erschien vor dem ecuadorianischen Verfassungsgericht als amicus curiae, also als eine Person, die rechtlich vorgesehen ist, um ihre fachliche Meinung beizusteuern und mit dem Gericht zusammenzuarbeiten. Zweck ihres Auftritts vor Gericht, der umfänglich aufgezeichnet wurde, war es, die Kriterien darzulegen, die für eine Abweisung der von den Stierkampfanhängern geltend gemachte Verfassungswidrigkeit sprechen.

Die Argumente, die Mulà für die Abschaffung des Stierkampfs präsentierte, basieren auf Ethik und einer fortschrittlichen Rechtsauffassung: Sie wies auf die Entwicklung des Tierschutzes aus rechtlicher Sicht hin sowie auf die neuen Herausforderungen, die der Rechtsstatus der Tiere an den Gesetzgeber stellt, insbesondere wenn es sich um Tiere handelt, die bei Veranstaltungen, Ausstellungen und Spielen eingesetzt werden. Ferner legte sie dar, wie sich eine Kultur des Tierschutzes im Gegensatz zu einer Kultur der Tierquälerei manifestiert, eine Kultur des Friedens anstelle einer Kultur der Gewalt. Sie ging auf die Interessen ein, die bei einem Verbot des Einsatzes von Tieren und der Abschaffung bestimmter Aktivitäten auf dem Spiel stehen und zeigte auf, dass der Stierkampf mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen ebenso wenig vereinbar ist wie mit ihrem Recht, nicht Formen der Gewalt ausgesetzt zu werden, die durch internationale Verträge, wie die UNESCOKonvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, geschützt sind.

Unsere Anwältin veranschaulichte ihre Intervention, indem sie die Erklärung des Stierkampfs zum Kulturerbe in Spanien anführte, die Abschaffung des Stierkampfs in Katalonien und das darauffolgende Urteil des Verfassungsgerichts, das allerdings keine Auswirkungen hatte, da der Stierkampf nicht nach Katalonien zurückgekehrt ist. Nachdem nun die Argumente für und gegen die Klage vorgelegt worden sind, ist das Verfassungsgericht in die Beratungsphase eingetreten. Der Rechtsstreit ist noch nicht entschieden.

Neuer Schachzug der Stierkampfgegner
Die Rochade der mächtigen ecuadorianischen Stierkampflobby, die sich hinter der Justiz verstecken wollte, um weiterhin Gewalt gegen die Tiere ausüben zu dürfen, konnte einen neuen Schachzug der Stierkampfgegner jedoch nicht verhindern. Nur wenige Tage später veröffentlichte der Stadtrat von Quito eine Verordnung, die Spektakel mit Tieren untersagt: «Jede Art von öffentlichem oder privatem Spektakel im Stadtgebiet von Quito, welches das Leid, die Misshandlung, den Tod oder einen Angriff auf das Wohlergehen von Tieren impliziert, sowie jede andere Art von Spektakel, bei denen Kämpfe zwischen Tieren oder zwischen Tieren und Menschen stattfinden, ist ausdrücklich verboten».

Bevölkerung sagt Nein zur Tierquälerei
Zweifellos stellt dieses neue Verbot in Quito, das nicht nur für Stierkämpfe, sondern auch für zahlreiche andere Praktiken der Tierquälerei, wie etwa Hahnenkämpfe, gilt, einen grossartigen Sieg dar und sendet eine klare Botschaft an das Verfassungsgericht, die da lautet: Schach! Oder anders gesagt: Die ecuadorianische Bevölkerung sagt Nein zur Tierquälerei zu Unterhaltungszwecken. Und sollte das Gericht ein Urteil fällen, das dem Willen des Volkes widerspricht, würde es die Rückkehr der – von der Mehrheit abgelehnten – Gewalt gegen Stiere in den Kantonen ermöglichen, in denen noch keine Regelung existiert.

Noch wissen wir nicht, wie diese Partie ausgeht. Die Fondation Franz Weber hält jedoch an ihrer Linie fest, weiterhin ihre Strategien anzuwenden und ihre besten Taktiken auf dem Spielbrett einzusetzen, damit die Kultur der Gewalt und des Todes in dem Andenland nicht wieder auflebt. Wir werden die Partie, die wir im Namen des Tierschutzes spielen, nicht aufgeben. Denn wie wir von Dr. Siegbert Tarrasch, einem eingefleischten Schachspieler gelernt haben: «Der beste Zug im Schach, wie im Leben, ist stets – der gemachte».

 

Mehr Informationen:

  • Unsere Projektseite «Stierkampf»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 135 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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