27.12.2020
Miguel Angel Rolland

2020 – das Jahr, in dem die Stierkämpfe wegen einer Pandemie abgesagt wurden

2020 wird ganz sicher nicht als ein Jahr wie jedes andere in die Geschichtsbücher eingehen. Die schreckliche Covid-19-Pandemie hat das Leben, wie wir es kannten, auf den Kopf gestellt und die Menschheit weltweit vor ungekannte Herausforderungen gestellt, geschwächt, erschüttert und krank gemacht. Dies mitunter zugunsten derer, die normalerweise am meisten unter ihr zu leiden haben. So ist der Stierkampf, zumindest eine Saison lang, praktisch zum Erliegen gekommen. Wie sieht nun die Zukunft für diese grausame Praktik aus?

Es passierte im Frühjahr. Inmitten des Lockdowns, als sich die Menschen in die Häuser zurückziehen mussten, hatte die Natur Gelegenheit etwas durchzuatmen: Die Luft in den Städten verbesserte sich, die Umweltverschmutzung ging zurück und einige Tiere begannen sogar zaghaft den vom Menschen eingenommenen und zerstörten Lebensraum zurückzuerobern. Man hörte keine Schüsse mehr aus Jagdgewehren, dafür hörte man für einmal das neu erwachende Leben des Frühlings ganz deutlich. Und in unserem Teil der Welt (Spanien und Lateinamerika, vereint durch das Beste und Schlechteste ihrer gemeinsamen Kultur) wurden die Stierkämpfe abgesagt. Ebenso wie andere furchtbare Praktiken, die im Namen der Tradition normalerweise jährlich durchgeführt werden: die encierros, Stierläufe, bei denen Stiere über öffentliche Strassen und Plätze getrieben werden und sich das Publikum beteiligen kann. Die toro embolados (Stier mit Bällen), bei der dem Stier Bälle aus brennbarem Material an den Hörnern befestigt und angezündet werden, bevor das Tier nachts auf die Strasse freigelassen wird; die toro a la cuerda (Seilbulle), bei welcher der Stier an einem an den Hörnern oder um den Hals befestigten Seil durch die Strassen gezogen wird. Oder auch die toro al agua, bei der die Stiere von der Menge verfolgt und dann gezwungen werden, sich ins Wasser zu stürzen. Ein Jahr ohne grausame Quälereien von Stieren zur Unterhaltung des Menschen im Namen der Tradition! Viele unter uns fragen sich, das Lied Bohemian Rhapsody im Ohr: «Ist dies das wahre Leben? Oder ist das nur eine Fantasie?»

«Wilde» Stierkämpfe
2020 ist die Fantasie Realität geworden. Stierkämpfe sind (beinahe) nicht mehr existent. Genau wie der Grossteil der Volks- und kirchlichen Feste, bei denen man in den Ländern, in denen sie zelebriert werden, Stiere misshandelt oder tötet. Leider ist es nur beinahe so, denn unter Beihilfe der lokalen und nationalen Behörden sind viele dieser Feste dennoch organisiert worden, wobei man sich über die Beschränkungen hinweggesetzt und das Leben der anwesenden Personen, durch die Möglichkeit einer Ansteckung mit dem Virus, in Gefahr gebracht hat sowie, schlimmer noch, all derer, die danach mit jenen in Kontakt kamen. Was waren die Gründe für diese anhaltende Begeisterung für den Stierkampf? War es die Liebe zur Tradition, zur Fiesta, oder wie es Corleone einmal ausgedrückt hat, ging es nur ums Geschäft? So konnten wir im Zeitverlauf der Pandemie beobachten, wie die Stierkampfmafia erneut ihre Krallen ausgefahren hat.

Die Stierkampfveranstalter fordern Finanzhilfen
Wenige Tage nachdem Spanien alle nicht systemrelevanten Aktivitäten radikal gestoppt hatte, haben die sogenannten Impresarios des Stierkampfes die Hand gehoben und als eine der ersten Gruppierungen von der Regierung um Pedro Sánchez eine Entschädigung gefordert. Unter Berufung auf den angeblichen kulturellen sowie wirtschaftlichen (und sei er auch rein hypothetisch) Wert des Stierkampfes sind die führenden Köpfe der ANOET (die nationale Vereinigung der Veranstalter von Stierkämpfen) aktiv geworden und haben vom spanischen Staat direkte Finanzhilfen in Höhe von 700 Millionen Euro gefordert, eine ihrer Ansicht nach «verdiente» Unterstützung. Dieser Betrag sollte sie für den Todesstoss entschädigen, den der Lockdown den Organisatoren von Stierkämpfen und Festlichkeiten, den Stierzüchtern und in diesem Bereich Arbeitenden (Toreros, Picadores und Banderilleros) versetzt hat. Mit allem Nachdruck haben sie diese Entschädigung eingefordert, denn sie hätten angeblich keine der vom Ministerium für Kultur versprochenen Hilfen für die verschiedenen Bereiche der Kunst und Veranstaltungen erhalten.

Eine im Sterben liegende Branche
Indem sie sich wie ein verzogenes Kind aufführte, hat die Stierkampfriege die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen und die Realität dieser im Sterben liegenden Branche zutage gebracht – einer Branche, die schon vor langer Zeit den Rückhalt eines Grossteils der spanischen Gesellschaft verloren hat. Es lag übrigens nicht in der Absicht der gegenwärtigen Koalitionsregierung, einer Branche grosszügige Finanzhilfen zukommen zu lassen, die nur noch anhand von reichlich staatlicher Unterstützung überlebt. Die finanziellen Forderungen der Stierkampfriege brachten ausserdem zutage, dass die Stierkampfprofis, welche den Kunstschaffenden und Schauspielern gleichgestellt sind, praktisch nicht mehr in die Sozialversicherung einzahlen, da sich die Zahl der Stierkämpfe so drastisch reduziert hat. Und nicht zuletzt erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Stierzüchter Millionen an direkten Finanzhilfen der Europäischen Union erhalten für ihre Viehzucht, obwohl deren Endbestimmung in Wirklichkeit der Stierkampf ist.

Todesstoss für den Stierkampf
Angesichts der vorrangigen Gesundheitskrise weigerte die spanische Bevölkerung sich schlicht, dass ihre Steuern dazu verwendet werden, die
Stierkampfbranche zu unterstützen, anstatt diese Gelder für den Gesundheitsbereich, Arbeitsplätze, kleine und mittlere Unternehmen sowie die Künste, die allesamt keine Gewalt ausüben, aufzuwenden. In Portugal, Peru, Kolumbien, Mexiko und Ecuador hat die durch den Lockdown verursachte Stornierungswelle der Veranstaltungen, die Impresarios, welchen – wenn überhaupt – nur noch Durchführungen unter Ausschluss
der Öffentlichkeit (in Spanien) geblieben sind, kalt erwischt. Ihre Hilferufe sind auf taube Ohren gestossen. Da sich die gesundheitliche Lage noch nicht stabilisiert hat, ist eine Rückkehr der Stierkämpfe nicht so schnell in Sicht. Es liegt jetzt an uns allen sicher zu stellen, dass der Stierkampf durch die Pandemie endlich seinen verdienten Todesstoss erhält, und dass in Zukunft nie wieder derartige Akte der Grausamkeit an Tieren zelebriert werden.

 

Mehr Informationen:

  • Unsere Projektseite «Stierkampf»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 134 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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