02.06.2013
André Bühler

Endgültiges Aus für die Vogelmassaker

Vorbei! Zugvogel-Massaker an einem der wichtigsten Frühjahrszugpässe Frankreichs gehören endgültig der Vergangenheit an. Der unermüdliche Einsatz der Fondation Franz Weber (FFW) am Col de l`Escrinet in Südfrankreich trägt Früchte.

Frühling 2013: Tauben, Lerchen, Drosseln, Finken, Greifvögel… Alle überqueren sie den Col de l’Escrinet in geringer Höhe, zügig, zielstrebig, eilig. Aber ohne Stress! Weit über 100 Vogelarten zählen und bestimmen zwei festangestellte Ornithologen und ihre freiwilligen Helfer. Hunderttausende Vögel lassen den Col de l’Escrinet unverletzt hinter sich. In guter Verfassung werden sie ihre Brutgebiete erreichen. Die Auszählungen der Ornithologen reihen sich an eine ansehnlichen Reihe früherer Zugsperioden. So lassen sich Bestandes-Entwicklungen verschiedenster Arten wissenschaftlich analysieren. Kein Knallen und Böllern zerreisst die anmutige Ruhe. Vogelrufe erfüllen die Frühlingsluft; bisweilen ist sogar das Flügelschwirren der gefiederten Reisenden gut hörbar.

«Es regnete Lerchen»
Das war nicht immer so. Noch im Jahr 2000, am 19. Februar, mussten wir schreiben: «735 Gewehrschüsse von 15:00 bis 16:00 – es regnete
Lerchen.» Doch dann setzte der Umschwung ein. Initialzündung war eine über die Grenzen Frankreichs hinaus beachtete Medienkonferenz.
Am 16. März 2001 organisierte die Fondation Franz Weber (FFW) das Ereignis im Städtchen Aubenas an der Ardèche mit französischen Vogelschutz- und Umweltorganisationen. Diese hatten die FFW zuvor verzweifelt um Hilfe ersucht. Nun folgten Taten. Franz Weber beriet die Verbände bei der Einrichtung einer professionellen Beobachtungsstation am Col de l‘Escrinet. Die FFW stellte einen Wohnwagen als Depot für Infomaterial und Ausrüstung zur Verfügung und leistete – und leistet weiterhin – Beiträge an die Besoldung der Beobachter. Und schliesslich
konnte die Stiftung genau jene Parzelle erwerben, wo auf dem ehemaligen «Schiessplatz» der Wilderer nun die Beobachter sitzen.

So klang es drei Jahre später schon ganz anders: «Das Frühjahr 2007 ist an den Zugspässen der Ardèche für die Vögel das beste und für die Jäger das schlechteste seit Jahrzehnten. Von den bisher 20 «Jagdpässen» ist die Jagd nur noch an fünfen offen. Einzig die Ringeltaube darf
erlegt werden, limitiert auf fünfzig Vögel pro Pass. Jede erlegte Taube muss markiert werden. Uniformierte Naturaufseher kontrollieren das
Geschehen.»

Eskalation
Nach Jahrzehnten des Vogelmordens, nach Terror und Gewalt gegen Umweltschützer und ihr Hab und Gut, haben wir heute Grund zum Feiern. Doch zunächst waren noch harte Zeiten angesagt. Während mehrerer Vogelzugsperioden standen sich die Wilderer in einem alten Bauernhaus auf der einen Seite des Passes und die Ornithologen auf der anderen feindselig gegenüber.

Ab Frühling 2005 weicht die angespannte Ruhe offener Konfrontation. Die Wilderer, in ihrem illegalen Tun zunehmend bedrängt, werden immer aggressiver. Sie legen bei der Beobachtungsstelle am Pass Stacheldraht auf die Strasse, zünden Holzbänke an, bedrohen die Vogelschützer und verspritzen Schweinejauche. Am 12. März 2005 eskaliert die Situation: Wutentbrannte Wilderer greifen Ornithologen am Col de la
Fayolle gewalttätig an, beschädigen ihr Material, entreissen ihnen den Fahrzeugschlüssel.

Bumerang
Gleichentags am Col de l’Escrinet: Über Nacht haben die Wilderer den Wohnwagen der FFW aufgebrochen und mit Schweinejauche unbrauchbar gemacht. Tags darauf werden der Berichterstatter und seine Frau just da, wo ihnen die Gendarmen am Vortag die Beobachtung erlaubt haben, von zwei Maskierten mit Schweinejauche übergossen. Den Rest schütten sie ins Auto. Zur Frühjahrsversammlung wichtiger französischer Umweltverbände am Col de l’Escrinet sind hunderte Umweltschützer angereist; mit dabei Franz und Judith Weber. Am Folgetag thematisieren französische Medien die Übergriffe der Wilderer prominent.

Ein Debakel für die Wilderer. Die «normalen» Jäger gehen auf Distanz – sie fürchten um das Ansehen der legalen Jagd. Ein Jäger bringt uns sogar etwas zu essen und wettert über «die Idioten dort oben». Die öffentliche Meinung ist gekippt. Plötzlich verspüren die Wilderer Gegenwind, selbst von Instanzen, die zuvor unter dem Druck der Jägerschaft unrechtmässige Ausnahmebewilligungen erteilt und Anzeigen gegen fehlbare Jäger unterschlagen haben.

Happy End
März 2012: sechs Taubenwilderer werden auf frischer Tat ertappt und verzeigt. Auf das Urteil darf man gespannt sein. März 2013: Nur nasskaltes Wetter dämpft die Stimmung am Col de l’Escrinet. Die «Bastion» der Wilderer, das alte Bauernhaus, ist verfallen – Symbol ihres Niedergangs. Heute treffen sich hier nur noch Vogelfreunde, bis zu zwanzig und mehr jeden Tag. Sie diskutieren, lachen und bewundern den Vogelzug.

Welche Ermutigung für die wachsende Schar, die gegen den barbarischen Vogelmord kämpft, dem noch immer vielerorts in Frankreich gefrönt
wird! Am Col de l’Escrinet ist er vorbei. Ein Happy End. Dank dem unbeugsamen Engagement der Fondation Franz Weber.

 

Mehr Informationen:

  • Unsere Projektseite «Col de l’Escrinet»
  • Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 104 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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