18.09.2020
Peter Jäggi

Kalben auf der Alp: So erzeugen Bündner Bauern die Angst vor dem Wolf

Die Wolfsyhysterie gipfelte im vergangenen Monat im Bündner Oberland mit der Schlagzeile, dass Wölfe Kälber fressen würden. Wölfe als Gefahr für Kälber. Damit lässt sich prima Stimmung machen. Aber diese Kampagne ist etwas scheinheilig. Warum?

Gastbeitrag zum bevorstehenden Jagdgesetz-Referendum am 27. September von Peter Jaeggi

Franz Steiner, langjähriger Rindviehexperte des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL): «Schon vor vierzig Jahren, als ich als Alphirte im Graubünden arbeitete, durften keine Tiere auf die Alp, die trächtig waren und während der Alpsaison kalbten. Jetzt sind es vor allem Mutterkühe, die auf Alpen kalben. Das ist verantwortungslos. Die Bauern wissen oft nicht wie lange die Tiere schon trächtig sind. Kalbende Kühe gehören nicht auf eine Alp.»

Das ist den Behörden und der Regierung des Kantons sehr wohl bewusst. Und spätestens seit dem letzten Sommer war bekannt, dass in mehreren Alpgebieten des Bünder Oberlandes fünf Wolfsrudel unterwegs sind. Und dass Kuhmütter mit ganz jungen Kälbern auf der Weide besonders aggressiv auf Wanderer losgehen können. So geschehen 2015, als eine Touristin bei Laax getötet wurde und 2019 bei Poschiavo, wo ein Wanderer von Mutterkühen schwer verletzt wurde – alles ganz ohne die Wölfe.
Agridea, die landwirtschaftliche Beratungsstelle der kantonalen Fachstellen und Auftragnehmer des Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) gibt klar vor: In Gebieten mit erhöhter Wolfspräsenz sind Abkalbungen auf freiem Feld zu vermeiden.

Auch in den kantonalen “Weisungen für die Sömmerung 2020 für die Kanton Graubünden und Glarus” steht, dass in Gebieten, in denen Wölfe oder Touristen aktiv sind, das Abkalben auf der Alp zu vermeiden sei, und wenn es doch vorkomme, seien die Alpverantwortlichen von den Bauern zu informieren, dass sie die werdenden Kuhmütter auf den Heimbetrieb oder in einen geschützten Pferch bringen können.
Der Skandal: die gleiche Regierung, die diese Weisung erliess, foutiert sich darum, dass Mütterkühe zu Hunderten auf exponierten Alpen kalben, sie kontrolliert dies nicht und fordert stattdessen «wolfsfreie» Gebiete (NZZ 5.9.20).
Im Klartext: Wer keine Wölfe will, lässt auf der Alp kalben. So werden Wölfe angezogen und Kälber werden allenfalls gerissen. Das verkauft man dann gross der Presse. Und das sorgt für Stimmung gegen die Wölfe und deren vorsorgliche Abschüsse, wie es das neue Jagdgesetz vorsieht. Dann muss man nämlich auch nichts an der fragwürdigen Abkalbungspraxis ändern.

Nach Artikel 5 der Tierschutzverordnung ist es Pflicht eines jeden Halters, seine Tiere zu kontrollieren und bei Gefahr zu schützen.
Im Klartext: das Gesetz sagt, man dürfe Kühe beim Kalben nicht unbeaufsichtigt lassen. Was im Stall für jeden Bauern eine Selbstverständlichkeit ist, gilt plötzlich auf der Alp nicht mehr.
Es scheint ganz so, als ob das kaum jemanden kümmern würde. Auch deshalb, weil Tierhalter oft sagen, ein Schutz der Viehherden auf den Alpen sei nicht möglich. Der Zoologe Samuel Furrer vom Schweizer Tierschutz STS sieht das nicht so: «Grossvieh muss in der Regel nicht vor dem Wolf geschützt werden, da ihm Rinder zu wehrhaft und gross sind.» Mit der Abkalberei auf der Alp ändert sich das. Nur weil die Bauern diese zweifelhafte Praxis verfolgen, kommen kleine Kälber für die Wölfe in Reichweite und werden vielleicht attraktive Beute. Schuld ist dann natürlich der verhasste Wolf. Samule Furrer: «Es sind dieselben Herdenschutzmassnahmen möglich, wie sie bei Schafen angewendet werden können. Für den Mehraufwand sollte der Alpbewirtschafter entschädigt werden. Diese Forderung wurde in der missratenen Jagdgesetzvorlage jedoch ignoriert.»

Naturgemäss gibt es auch Totgeburten. Eine Untersuchung in Brandenburg spricht von fünf Prozent. Und von weiteren fünf Prozent Kälbern, die in der ersten Woche natürlich sterben. Bezogen auf 2000 Abkalbungen pro Alp-Sommer in Graubünden könnten es somit also seit 1. Januar 2019 um die 400 natürliche Todesfälle bei Kälbern auf den Alpen gegeben haben. Und in sechs von acht Fällen ist es nicht klar, ob das Kalb schon tot und von der Mutter zurückgelassen worden war, als die Wölfe daran frassen.

Geburten mit Blut und Nachgeburten sowie kleinste, unbeholfene Kälber können nicht nur den Wolf anlocken; unbeaufsichtigt können die Kleinen auch über Felsen stürzen. Oder bei der Geburt am Hang unter dem Zaun durchflutschen, wie auf einer Alp bei Illanz geschehen, so dass die Mutter nicht mehr zu ihrem Kalb kann – und das Kalb nicht zur Mutter. Solche Fälle sind natürlich ein Magnet für Wölfe – und allenfalls ein gefundenes Fressen.

Für den STS-Zoologen Samuel Furrer ist der Fall klar: «Das Abkalben auf Alpweiden ist zu vermeiden. Das Risiko, dass dies zu Totgeburten oder lebensschwach geborenen Tiere führt, ist erhöht. Lebensschwach geborene Kälbern können oft nicht zeitnah behandelt und Mutterkühe bei Geburtsproblemen nicht betreut werden. Dies führt zu unnötigem Tierleid.»

 

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