17.01.2022
Ambre Sanchez

Stierkampf: Portugal geht mit gutem Beispiel voran

Sieg! In Portugal dürfen Personen unter 16 Jahren von nun an nicht mehr an Stierkämpfen und Stierspektakeln teilnehmen. Für die Fondation Franz Weber ist dies ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Abschaffung der Corrida. Die FFW setzt sich seit fast zehn Jahren dafür ein, Kinder durch Vermittlung des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes vor der Barbarei des Stierkampfs zu schützen.

Indem wir die Entstehung einer neuen Generation von Stierkampfanhängern im Keim ersticken, packen wir das Übel  an der Wurzel: Wir verhindern die Weitergabe der Stierkampftradition an die Schwächsten. Damit wird es uns auf lange Sicht hoffentlich möglich sein, die Stiere zu retten.

Ein gosser Schritt nach vorne
In diesen schlechten Zeiten ist die Nachricht aus Portugal Balsam für die Seele! Nach jahrelangem und erbittertem Kampf gegen die Stierkampflobby ist es uns endlich gelungen, Lissabon zu überzeugen. In dieser Woche hat der portugiesische Ministerrat ein Gesetzesdekret verabschiedet, durch das das Mindestalter für die Teilnahme an Stierspektakeln neu festgesetzt wird. Dieses Dekret soll in den kommenden Tagen im Amtsblatt veröffentlicht werden und unverzüglich in Kraft treten. Von da an werden nur noch Personen ab 16 Jahren zu Stierkämpfen und anderen Stiervorführungen zugelassen.

Ein toller Triumph
Für die Fondation Franz Weber, die sich seit Jahren dafür einsetzt, sowohl die Kinder als auch die Stiere zu schützen, bedeutet dieses Verbot einen doppelten Sieg: symbolisch und praktisch. Symbolisch, weil der Stierkampf offiziell als eine für Kinder ungesunde und schädliche Praxis anerkannt wird; praktisch, weil dieser Sieg den Stierkampfanhängern das Leben schwer machen wird, denn von nun an können sie keine Kinder und Jugendlichen mehr mit ihrer Propaganda ködern. Dieser Sieg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit, die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit geleistet haben. Seit 2013 engagiert sich die Fondation Franz Weber mit ihrer Kampagne «Kindheit ohne Gewalt» dafür, die Kinder vor der Brutalität der Stierspektakel zu schützen. Wir haben bereits Routine: Neunmal verschafften wir uns vor dem Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen Gehör, der daraufhin Empfehlungen gab und Forderungen an die Länder stellte, in denen der Stierkampf noch praktiziert wird.

Berichte mit Wirkung
Gestützt auf unsere Berichte ist der UN-Kinderrechtsausschuss zu der Auffassung gelangt, Kinder der Gewalt des Stierkampfs auszusetzen, stelle einen Verstoss gegen das Übereinkommen über die Rechte des Kindes von 1989 dar, weswegen der Stierkampf in das Kapitel «Gewalt gegen Kinder» aufgenommen werden muss. 2018 legte die FFW einen zweiten umfassenden Bericht über Portugal vor, der über mehrere Jahre gesammelte Informationen zum Thema Minderjährige und Stierkampf enthielt. Die Stiftung untermauerte damit die frühere Erklärung, die der UN-Ausschuss an Portugal gerichtet und in der er den Stierkampf erstmals als schädlich für Kinder und Jugendliche bezeichnet hatte.

Kindheit ohne Gewalt
In Portugal ist dieses Gesetzesdekret der Arbeit im Rahmen der von der Fondation Franz Weber initiierten Kampagne «Kindheit ohne Gewalt» zu verdanken, die unser Partner vor Ort mit der «Plataforma Basta» umgesetzt hat. Für diesen Erfolg mussten wir lange kämpfen. In dem südeuropäischen Land mit seiner tief verwurzelten Stierkampftradition ist das Thema Minderjährige und Stierkampf seit 2014 Gegenstand hitziger parlamentarischer Debatten.

Tatsächlich ist dieser Sieg auch ein Sieg der portugiesischen Gesellschaft und der politischen Mobilisierung: Für die Partei PAN (Menschen – Tiere – Natur), die bei der Parlamentswahl von 2019 mit vier Abgeordneten ins Parlament einzog, ist dieses Dekret ein «äusserst wichtiger Sieg».

Der Kampf geht weiter
Wir begrüssen diesen Fortschritt, machen ns aber keine Illusionen: Politische Siege sind angesichts der Angriffslust der Stierkampflobby immer fragil. Und doch gerät der Stierkampf auch in den sogenannten Stierkampfländern immer stärker in die Kritik. Dank unseres Einsatzes wird der Stierkampf nicht mehr nur von «Tierschutzaktivisten» angeprangert, sondern von einer Mehrheit als Gewalt betrachtet, deren Förderung einen Verstoss gegen die Menschenrechte darstellt.

Weiterhin wachsam
Auch wenn die von Lissabon bewiesene Vernunft ein Grund zum Feiern ist, sind wir weiterhin wachsam, weil dieses Gesetzesdekret unvollständig ist: Die ursprüngliche Empfehlung des Kinderrechteausschusses lautete, allen Minderjährigen den Zutritt zu Stierkämpfen zu verbieten, nicht nur Personen unter 16 Jahren. Daher freuen wir uns zwar, dass unsere Kampagnen erfolgreich sind, bleiben aber vorsichtig und engagieren uns weiter. Bis zur vollständigen Abschaffung des Stierkampfs ist es noch ein langer und hindernisreicher Weg. Erst wenn der letzte Stier unverletzt die Arena verlässt, können wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen.