29.05.2020
Rebekka Gammenthaler

4 Gründe wieso Zoonosen wie COVID-19 auf dem Vormarsch sind

Rund 60 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen – also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Davon stammen die Mehrheit – über 70 Prozent – von Wildtieren. Seit den 1980er Jahren hat sich die Zahl der neu aufgetretenen Infektionskrankheiten alle zehn Jahre mehr als verdreifacht. Welche Faktoren führen dazu, dass mehr als zwei Drittel davon auf Tiere zurückzuführen sind? Und weshalb gibt es immer mehr solcher Zoonosen?

Ebola, das Nipah-Virus, SARS, die Schweinegrippe, MERS, HIV, BSE, die Vogelgrippe und nun Covid-19 (SARS-CoV-2): Im April berichtete die Fondation Franz Weber in ihrer Kampagne #WeilWirTiereEssen über Epidemien und Pandemien, weltweit sich ausbreitende Krankheiten, welche durch den Kontakt mit (Wild)Tieren auf den Menschen übertragen werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche schon 2004 vor zoonotischen Krankheiten warnte,  listet über 200 Zoonosen auf. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume und die artwidrige Haltung von Wild- und Nutztieren spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von solchen Epidemien.

1. Zerstörung der Ökosysteme
Der Mensch dringt immer weiter in natürliche Lebensräume ein — zum Beispiel durch die Abholzung von Wäldern, eine unkontrollierte Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, Infrastrukturentwicklungen und die Ausbeutung von wildlebenden Tieren. Die Forschung zeigt, dass neue Infektionskrankheiten in tropischen, artenreichen und historisch bewaldeten Regionen erhöht auftreten, dort wo natürliche Lebensräume durch den Menschen zerstört, beeinträchtigt und urban gemacht wurden. Der Verlust von Lebensraum führt zu gravierenden Veränderungen in den fragilen Ökosystemen und es kommen sich Arten näher, die vorher nicht in engem Kontakt lebten. Die Veränderung des Lebensraums zwingt wilde Tiere und damit ihre Krankheitserreger dazu, woanders hin auszuweichen – auch in von Menschen bewohnte Gebiete.
So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitserreger, welche unter normalen Umständen das von ihnen besiedelte Tier nie verlassen würden, auf den Menschen überspringen.

2. Wildtierhandel
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, das der Ursprung des Ausbruchs verschiedener Epidemien, beispielsweisejene der Coronaviren (SARS-CoV, MERS-CoV und SARS-CoV-2), mit dem Tierhandel auf sogenannten «wet-markets» in China in Verbindung gebracht werden kann. Als «wet-markets» bezeichnet man Märkte, auf denen meist noch lebende (Wild)Tiere verkauft werden. Wildtiere gelten als vermeintliches Wundermittel in der chinesischen Medizin und/oder sind bei einer reichen Minderheit in China als Delikatessen begehrt. Dies hat einen historischen Ursprung: In den 60er-Jahren erlaubten die Behörden in China den privaten Anbau von Lebensmitteln. Dabei spezialisierten sich einige Menschen auf die Jagd von Wildtieren. Daraus ist über die Jahre eine regelrechte Wildtierindustrie entstanden, welche sich oft auch in der Illegalität bewegt.
An den Verkaufsständen und in den Kochtöpfen zahlreicher Märkte auf der ganzen Welt werden Tiere angeboten, die in zu engen Käfigen dahinvegetieren, leiden, krank sind, sterben oder bereits tot sind. Auf solchen Märkten werden Nutztiere in gefährlicher Nähe zu Wildtieren gehalten. So kommen Viren aller Art und Herkunft miteinander in Kontakt, welche in freier Natur nicht aufeinander treffen würden. Diese Viren sind normalerweise auf ihren jeweiligen Wirt spezialisiert und für andere Arten ungefährlich. Aber auf «wet-markets» sind die Tiere auf engstem Raum und unter fehlenden hygienischen Bedingungen zusammengepfercht. Das enge Nebeneinander von Menschen und gestressten, geschwächten und teilweise kranken Tieren verschiedenster Arten bietet ideale Bedingungen für die Ausbreitung einer Seuche, die für den Menschen tödlich sein kann. Um zukünftig ähnliche Epidemien zu verhindern – und dabei hunderte Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren – ist ein vollständiges und endgültiges Verbot des Handels mit Wildtieren unabdingbar.

3. Tierhaltung
Andere Epidemien, wie beispielsweise die Schweinegrippe (H1N1) oder der Rinderwahnsinn  (BSE), hatten ihren Ursprung in der Nutztierhaltung. Eine globale Analyse der Ausbreitung der Vogelgrippe (H5N1) hat gezeigt, dass zu den Risikofaktoren für die Verbreitung des Erregers auch die Geflügelhaltung gehört. Allgemein hängt das vermehrte Auftreten von Viren eng mit weltweiten Nahrungsmittelproduktion, genauer gesagt der Nutztierhaltung, zusammen:Zum einen besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Nutztierhaltung und der Zerstörung von natürlichen Lebensräumen, zum Beispiel durch die Abholzung von tropischen Wäldern für die Futtermittelproduktion. Auch die Schweiz unterstützt diese Praktiken. Seit 1990 hat sie den Anteil der Futtermittelimports aus dem Ausland  fast verdreifacht.
Die industrielle Haltung von Nutztieren in grosser Zahl erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs einer Krankheit, die zu einer Epidemie oder Pandemie führen kann, zudem deutlich. Die beengenden Verhältnisse, in denen die Tiere in der industriellen Nutztierhaltung leben müssen, sowie die grosse Zahl gehaltener Tiere bilden einen gefährlichen Nährboden für Bakterien und Viren. Die Haltungsbedingungen in der Massentierhaltung reduzieren die Abwehrkräfte der Tiere. Diese Schwächung der Tiere fördert eine mögliche Krankheitsübertragung. In Massentierhaltungen gleicht nicht nur ein Ei dem anderen, sondern auch ein Tier dem anderen. So neigen beispielsweise Hühner in Massentierhaltungsbetrieben dazu, beinahe genetische Klone voneinander zu sein, was es Viren erleichtert ,sich zu verbreiten.
All diese Faktoren erhöhen die Gefahr der Krankheitsübertragung zwischen Tieren und Menschen markant. So fürchteten WissenschafterInnen, dass das auch für den Menschen hochansteckende Schweinegrippevirus H1N1 und das Vogelgrippevirus H5N1, welches primär im Tierreich wütete, zu einem Supererreger fusionieren könnten. Dies hätte zu einer hoch bedrohlichen Pandemie geführt.
Mit der Massentierhaltungsinitiative fordert die Fondation Franz Weber, dass diese Art der Tierhaltung in der Schweiz abgeschafft wird. Also: Keine Masthallen mit 27’000 Hühnern, in denen sich 17 Hühner auf einem Quadratmeter Fläche zusammendrängen müssen. Keine Ställe mehr, in welchen zehn Mastschweine auf einer Fläche der Grösse eines Autoparkplatzes ohne Platz zum Suhlen leben müssen. Und ein Importverbot für tierische Produkte, welche die in der Initiative für die Schweiz geforderten Tierhaltungsrichtlinien nicht einhalten.

4. Klimawandel/Artensterben
Wir leben in der Zeit des grössten Massensterbens von Tieren und Pflanzen, welches unmittelbar durch menschliche Aktivitäten verursacht wird. Nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Zerstörung der Ökosysteme (siehe oben 1. Zerstörung der Ökosysteme) und der Wildtierhandel (siehe oben 2. Wildtierhandel) tragen weltweit zum Artensterben von Tieren und Pflanzen und somit zum Verlust der Artenvielfalt bei. Im Ökosytem «Erde» spielt jede Art eine Rolle. Schon das Aussterben einer Art kann unzählige weitere bedrohen. Der Klimawandel beeinflusst nicht nur den Lebensraum verschiedener Organismen, sondern kann auch auf ihren Lebenszyklus Auswirkungen haben. Durch diese Veränderungen können sich auch Krankheitserreger neu verhalten und zunehmend unsere Gesundheit bedrohen. Zecken, die verschiedene Krankheitserreger übertragen können, breiten sich z.B. immer weiter aus. Neue Arten wandern in unseren Breitengraden ein. Durch die Eindämmung des Klimawandels schützen wir uns also auch vor der Ausbreitung von Krankheiten.

Um weitere Epidemien und Pandemien in Zukunft zu verhindern, ist dringend ein Umdenken nötig. Unseres Verhalten gegenüber der Natur und den Tieren muss sich ändern!  Durch die immensen Eingriffe in natürliche Lebensräume, nicht nur durch uns Menschen, sondern auch durch unsere Nutztiere, erhöhen wir auch das Risiko der Verbreitung von Zoonosen. Je häufiger Menschen und Tiere in Kontakt kommen, desto mehr Krankheiterreger können von einer Spezies auf die andere überspringen. WissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass sich Krankheiten in Zukunft häufiger und schneller ausbreiten, mehr Menschen töten werden und somit noch grössere Auswirkungen auf die Wirtschaft haben können. Um das Risiko einer weiteren Pandemie einzudämmen, muss Natur- und Tierschutz zentrales Element bei der Diskussion über die Gesundheit der (menschlichen) Weltbevölkerung sein.Wir Menschen müssen uns bewusst werden, welche Auswirkungen unsere Essgewohnheiten auf unsere Zukunft – und unser Überleben – haben! Die aktuelle Krise bietet die Chance, unsere Nutztierhaltung und Ernährungsgewohnheiten grundsätzlich zu überdenken. #WeilWirTiereEssen